Auf Abwegen

Mit der Bonneville auf Pisten zum Nordkapp

Mit 4 Wochen Zeit im Gepäck ging es für mich im Juli / August 2025 erneut in den hohen Norden.
Wie schon 2023 sollte es im Zick-Zack durch Finnland zum Nordkapp gehen, in einer entspannten Mischung aus Straße und den endlosen Schotterpisten des Finnischen Trans Euro Trail. Zurück ging es dieses Mal durch Schweden.

Moment – mit einer Bonneville auf den Trans Euro Trail…?
Haben uns die Marketing-Abteilungen der Hersteller nicht unmissverständlich erklärt, dass derlei Eskapaden dedizierten ADV-Bikes mit irrwitziger Bodenfreiheit, elektronischem Fahrwerk und mind. 4 Drive-Modes vorbehalten sind…?
Ja ja, haben sie. Ist aber Stuss. Meinen altehrwürdigen bayrischen Einzylinder mit 48 PS, Gussfelgen, 19“-Vorderrad und gerade mal 20 cm Bodenfreiheit habe ich über 120 tkm durch Island, Marokko, halb Europa und ich-weiß-nicht-mehr-wie-viele-tausend-Pisten-Kilometer geprügelt und bin immer wieder nach Hause gekommen. Sehr gut sogar. Und Menschen wie Elspeth Beard oder Ted Simon haben die Welt mit weitaus weniger umrundet.

 

Natürlich habe ich die 2024er T120 Black etwas vorbereitet: Ein Motorschutz bewahrt die untere Hälfte des Motorrades vor dem konstanten Beschuss durch aufgewirbelten Schotter. Der Heidenau K60 Scout gilt zurecht als Referenz für Langlebigkeit und gemischtes Terrain, bei geschätzten 8000 km für diesen Trip die erste Wahl. Darüber hinaus ist es einer der wenigen ADV-Reifen, der in den Standard-Reifen-Maßen aktueller Bonnevilles zu bekommen ist.
Die BarkBuster Handguards sind in meinem Fall nur außen am Lenker verschraubt und dienen daher eher als (sehr effektiver) Wetterschutz – das war aber auch maßgeblich der Plan.
Als Gepäcklösung kam eine Kombination aus Motone Gepäckbügeln, Triumph Gepäckbrücke und der bewährten Kombi aus Enduristan Monsoon 3 und Tornado Packsack zur Verwendung.

Et voilà – fertig ist die Adventure-Bonnie 🙂


PS: Navigieren tue ich mit einem ausrangierten Google Pixel 5 mit Quadlock Case und Wireless Charging Head. Als Apps verwende ich dabei situativ Gaia, OSMand und vereinzelt auch mal Google Maps.

Part 1: Baltikum

 

Genug der Vorrede: Für die schnellste, sinnvollste und am Ende auch günstigste Verbindung nach Finnland mit der Finnlines von Travemünde nach Helsinki war ich zu spät dran mit der Buchung.


Die Alternativroute über Schweden wollte mir in keiner Variante so richtig gefallen, daher entschied ich mich kurzfristig für die Fähre von Kiel nach Klaipėda und eine (kurze) Anreise durch das Baltikum.


Am Ende langte es nur für Besuche der Kurischen Nehrung, der mittelalterlichen Hauptstadt Lettlands, Riga, und Tallinn, Hauptstadt Estlands und UNESCO-Weltkulturerbe. Ein Jammer – das Baltikum hat eindeutig mehr Zeit verdient.


Kulinarischer Tipp: „Kepta Duona“, geröstetes litauisches Knoblauchbrot. Bekommt man auch in Supermärkten und ist abartig lecker. Mit der lettischen Likör-Spezialität „Rīgas Melnais balzams“ (Riga Black Balsam) bin ich hingegen nicht warm geworden.Von Tallinn fahren verschiedene Linien mehrfach täglich nach Helsinki, gebucht habe ich am Abend vorher online.

Part 2: Finnland

In Finnland leben rund 5,5 Millionen Menschen – weniger als im benachbarten Sankt Petersburg.

 

Das entspricht 17 Menschen pro km² – in Deutschland sind es 234. Wenn man nun bedenkt, dass das Gros der Finnen in Städten lebt und sich diese wiederum auf den Süden des Landes konzentrieren, hat man eine ungefähre Vorstellung von der schier unendlichen Weite und Einsamkeit Finnlands.

Ab dem nördlichen Ende des Bottnischen Meerbusens wird es zunehmend einfach, mehrere hundert km auf Schotterpisten zurückzulegen und dabei vielleicht einer Handvoll Menschen zu begegnen – wenn überhaupt.

 

Mit einem 14-l-Tank achtet man dabei auch tunlichst auf die Tankuhr; mit 100 km Restreichweite an einer Tankstelle vorbeizufahren hat mich gleich zweimal fast stranden lassen. Wenn man das im Auge behält, klappt es aber eigentlich gut, und finnische Tankstellen sind sowieso eine Attraktion für sich: Speziell die abgelegenen Tankstellen sind häufig herrlich schrullige Mischungen aus sozialem Treffpunkt, Restaurant und Versorgungsstation für so ziemlich alles, was das Leben in der Wildnis so erfordert.

 

Aber der Reihe nach: Nach der Ankunft in Helsinki führt mich meine Route über den „Archipelago Trail“ über die Inselgruppe im äußersten Südwesten Finnlands, weiter entlang der Westküste auf der (wirklich grandiosen) Sektion 3 des TET, bevor ich auf Höhe von Kauhajoki landeinwärts schwenke und bei Ähtärin auf die Sektion 2 des TET gehe.

 

Nach ein paar Pistentagen habe ich ein gutes Gefühl dafür entwickelt, was mit der Bonnie auf losem Untergrund geht. Das nicht abschaltbare ABS hat mir vor der Reise Kopfzerbrechen bereitet, in der Praxis erweist es sich aber als ausreichend unaufdringlich und kontrollierbar. Mit der Kombination aus „Rain Mode“ und deaktivierter Traction Control gibt die Bonnie einen verblüffend guten Scrambler ab – und das sage ich als ehemaliger Ténéré-Fahrer. Die miese Gabel, der eingeschränkte Federweg und das 18“-Vorderrad setzen natürlich Grenzen, aber innerhalb derer lässt sich die T120 auch bei flotter Gangart durchaus souverän auf Pisten bewegen – warum auch nicht.

 

Irgendwann verlasse ich den TET und begebe mich auf die geschichtsträchtige „Raatteen tien taistelu“, die „Battle of Raate Road“. Auf der engen Forststraße bei Suomussalmi gelang es im Januar 1940 der zahlenmäßig hoffnungslos unterlegenen finnischen Armee, einen groß angelegten sowjetischen Vorstoß zu stoppen und fast vollständig abzureiben. Die Straße wurde dadurch zu einem Symbol finnischer Entschlossenheit und des Durchhaltewillens – oder wie die Finnen sagen würden: „Sisu“.

 

Entlang der Straße besuche ich das Winterkriegsmuseum und das Grenzschutzmuseum kurz vor der russischen Grenze. Im dortigen Café muss ich erstmal mit Kaltgetränken meine Kerntemperatur wieder auf ein erträgliches Maß senken – während Deutschland im Regen versinkt, herrschen in Finnland Temperaturen jenseits der 30°, und meine Wachsklamotten sind alles, nur nicht gut durchlüftet …

 

Bevor ich im Folgenden für etwa einen Tag der Via Karelia folge, unternehme ich einen Abstecher zum „Stillen Volk“, einer 1988 vom Tänzer und Choreografen Reijo Kela geschaffenen Kunstinstallation aus hunderten bunt gekleideten menschenähnlichen Figuren, die schweigend in einer offenen Moorlandschaft bei Suomussalmi stehen. Ein gleichermaßen skurriler wie berührender Ort, der bewusst Raum für eigene Interpretation und Gefühle lässt.

 

Kurz hinter Ruka wende ich mich wieder landeinwärts, um den unvermeidlichen Stopp am Wohnort des Weihnachtsmannes in Rovaniemi am Polarkreis einzulegen. Die wenig stilvolle Location trifft vollends den Geist der heutigen Weihnacht – Konsum anstatt Besinnung – aber was hilft es, das Foto am Polarkreis muss gemacht werden. Und ich gestehe einen Fimmel für Andenkenshops zu haben, also …

 

Von hier aus geht es weiter Richtung Norden; das Schöne an Finnland in diesen Breiten ist, dass man selbst dann, wenn man sich nicht stoisch an den TET hält und stattdessen einfach Hauptstraßen meidet, irgendwann immer auf einer Piste landet. So ergeht es mir an diesem Tag über mehrere hundert Kilometer, bevor ich auf dem Weg nach Inari nach 50 bangen Kilometern mit 3 km Restreichweite an der einzigen Tankstelle im Umkreis von rund 100 km ankomme – puh.

 

In Inari bzw. am Inari-See verbringe ich drei Nächte im Hotel. Eine Pause ist dringend überfällig, außerdem sitze ich hier einen der wenigen Regentage aus. Der Ort gilt als kulturelles Zentrum der finnischen Sámi jenseits folkloristischer Kulissen, mit Parlament und dem unbedingt sehenswerten Siida-Museum. Ich hole die 2023 verpasste Bootstour auf dem Inari-See nach, der für die Sámi u. a. wegen mehrerer historischer Begräbnisstätten auf seinen Inseln von besonderes hohem Wert ist.

Part 3: Norwegen

 

Erholt und bei super Wetter geht’s über die norwegische Grenze; nach einer Mittagspause im durch den weggebrochenen Russland-Tourismus gebeutelten Kirkenes folge ich der z. T. abenteuerlich schlechten, aber auch wunderschönen Strecke nach Grense Jakobselv, einer winzigen Gemeinde am äußersten nordöstlichen Zipfel Norwegens, an der Mündung des Flusses Jakobselva in die Barentssee und direkt an der Grenze zu Russland, von der einen an manchen Stellen keine 10 Meter über einen Fluss hinweg trennen.

Nächsten Tags besuche ich Slettnes fyr, den nördlichsten Leuchtturm des europäischen Festlandes. Nach einer Nacht auf dem Campingplatz am Hafen von Mehamn fahre ich dann am Stück durch bis zum Hüttencamp etwa 15 km südlich des Nordkapps. Nachts gegen 03:30 (also außerhalb der Öffnungszeiten des Besucherzentrums) rolle ich mit mehreren anderen Motorradfahrern auf den normalerweise gesperrten Platz an der berühmten Stahlkugel und mache bei traumhaftem Wetter im Sonnenaufgang „das“ Nordkapp-Foto.

Nach einer kurzen Nacht ziehe ich noch schnell vom Campingplatz in eine Hütte um und fahre wieder Richtung Nordkapp – dieses Mal allerdings mit Wanderschuhen, denn den tatsächlich nördlichsten Punkt Europas etwas westlich des Besucherzentrums erreicht man nur auf einem ca. 9 km (one way) Trail. Pro Richtung brauche ich rund 2,5–3 Stunden: Es handelt sich nicht um einen „Wanderweg“, sondern um einen nur grob markierten Trail über Steinfelder mit rund 300 hm pro Richtung. Gegen 21:00 sitze ich fix und fertig in meiner Hütte, und nach einem Bier und Stremellachs mit Kartoffelsalat falle ich tot ins Bett…

Tja, und nach rund 2,5 grandiosen Wochen geht es dann auf einmal wieder Richtung Süden.



Bei Alta gehe ich auf die Old Post Road: Mit Ausnahme kürzerer Abschnitte in Schweden bin ich hier zum letzten Mal auf einer waschechten Piste unterwegs – und was für einer! Die Strecke führt durch die Finnmarksvidda, eines der größten Hochplateaus Norwegens, in Teilen oberhalb der Baumgrenze. Hügel, Moore, Seen, Weite – einfach nur traumhaft.

Part 4 Schweden

 

Nächster Halt ist Jokkmokk: das kleine Städtchen nur wenig überhalb des Polarkreises ist berühmt für den jährlich Anfang Februar stattfindenden Sami-Markt, für den bis 30.000 Besucher aus aller Welt in das normalerweise 2.500 Seelen umfassende Dorf einfallen. Im Sommer geht’s eher verschlafen zu, aber ich mag’s hier irgendwie.

Viele empfinden das nördliche Schweden als langweilig, ich erlebe das Fahren durch die endlos anmutende Weite aber als nahezu meditativ. Schweden lässt die Extreme der beiden Nachbarn vermissen – und wird dadurch zumindest  für mich zum Sweatspot.
Der Zweizylinder gollert entspannt vor sich hin, während ich mich mit einer Reisegeschwindigkeit zwischen 80 und 90 entlang von Seen und Bergen durch die Wälder der Provinzen Norrbottens  und Västerbottens Richtung Süden rolle.


Ich folgen dem epischen Vildmarksvegen,  passiere in tundraähnlicher Landschaft den Flatruetvägen (Schwedens höchstgelege Passstraße im nordwestlichen Härjedalen), fahre entlang des Sönfjället quer durchs Land bis zum Flataklocken (Schwedens geografischen Mittelpunkt) und rolle weiter bis nach Gränsfors, wo ich die tradionelle Axt-Manufaktur besuche, bevor ich zum Abschluss 2 Nächte in einer Hütte an einem meiner (geheimen) Lieblingsorte an der schwedischen Ostküste verbringe.


Gewissermaßen endet hier auch die Reise – ab jetzt geht mit einer weiteren Übernachtung eigentlich nur noch „nach Hause“, im konkreten Fall also bis zur Stena in Göteborg.



Auf den Tag genau 4 Wochen nach der Abreise rolle ich Donnerstags aus dem Bauch der Stena in den Kieler Hafen, und 30 Minuten später stehe ich nach 7577km wieder vor meiner Haustür.

 

Resume & Tipps

Ich liebe den Norden, und speziell Mittelschweden hat mich dieses Mal so dermaßen gefangen, dass ich es kaum erwarten kann wieder „das Pferd zu satteln“ und aufzubrechen.

 

Die Bonnie hat unauffällig ihren Job erledigt, auch wenn ich es ihr weiß Gott nicht leicht gemacht habe. Im Durchschnitt hat sie sich ich 4,6l genehmigt, in Summe habe ich eine Dose s100 Kettenspray verbraucht (hätte mehr sein dürfen, sagt die Kette).


Barzahlung wird sowohl im Baltikum als auch Finnland / Skandinavien faktisch nicht mehr praktiziert, die Stena Line akzeptiert auf der Route Göteborg-Kiel mittlerweile sogar ausschließlich Kartenzahlung.  Hierbei sollte man etwaige Fremdwährungsgebühren der Bank im Auge behalten. Tipp: PayPal erhebt keine Fremdwährungsgebühren, funktioniert mit GooglePay auf Android und eigener App auch kontaktlos auf dem iPhone.

 

Mobiles Internet ist eigentlich überall in guter Qualität verfügbar, Roaming ist entlang der beschriebenen Route kein Thema. 


Campingmöglichkeiten gibt es zu Hauf, die Preise liegen ausserhalb der Saison im moderaten Bereich, innerhalb habe ich aber auch schonmal 35€ berappen müssen. Fast jeder Campingplatz bietet auch Hütten an, deren Größe und Ausstattung stark variiert. Im Mittel sollte man sich auf irgendwas um 50€ herum einstellen.

Waren die Hotelkosten im Baltikum noch moderat bis normal, muss man im Norden tiefer in die Asche greifen. In Finnland hängt es von der Lage bzw. Jahreszeit ab, in Skandinavien bewegt man sich fast pauschal in der >100€ Kategorie.


Lebensmittel sind im Baltikum etwas günstiger als hier, in Finnland und Schweden abhängig vom Produkt etwas bis empfindlich teurer, Norwegen hat so ziemlich die höchsten Lebensmittelpreise Europas.

Über den Autor


Lars (rechts im Bild), 1971 im Zeichen der Fische in Norddeutschland geboren, schon immer von 2-rädrigem und Musik besessen.


Seit 2010 so oft und lange es geht in der Welt unterwegs, sei es nun mit dem Fahrrad, Motorrad, 4WD – und was sonst noch so kommen mag. Hauptsache Zelt und Kamera sind dabei. Und Travel-Buddy Happy (links im Bild) natürlich.

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