Deutschland, (m)eine Grenzerfahrung – T2

So jetzt geht es mit meiner Story weiter. Freut mich, dass ihr meiner Geschichte folgt.

4. Mit Rückenwind nach Norden

 

Tag 6- –

Eisenhüttenstadt – Zollbrücke, Polen, zurück nach Zollbrücke – 290km

 

Am Morgen bin ich schon frühzeitig in meinem Ausgehgewand. Gefrühstückt, gepackt, Villie vom Hof vor das Hotel gefahren, damit mich Sebastian gleich sieht. Ich bin wirklich IMMER zu früh dran, wenn es heißt um eine bestimmte Uhrzeit an einem bestimmten Ort zu sein. Gleichzeitig habe ich auch das Talent, zwar überpünktlich, aber den vereinbarten Ort mit einem Anderen zu verwechseln.

Um dann noch länger, und das vergeblich, zu warten. So geschehen, bei meinem wichtigsten Date vor 24 Jahren, mit meinem Ehemann. Hat aber dann doch noch geklappt.

 

Gut, dass es heutzutage Handys gibt. Nutzt allerdings nichts, wenn ich vergesse die Lautstärke hochzudrehen. Vielleicht lerne ich das ja auch noch. Bin ja noch jung.

 

Aber heute klappt alles hervorragend.

 

Uhr- Punktlandung. Wir freuen uns, uns zu sehen. Sebastian fährt vor und ich genieße die Fahrt ohne die Verantwortung für die richtige Strecke zu haben. Solange die Sonne um diese Zeit von rechts auf mich scheint kann´s nur nach Norden gehen.

 

Wir fahren zuerst zu meiner heutigen Unterkunft Zollbrücke direkt an der Oder, um mein Gepäck abzusatteln. Das sind nur 110 km. Dort angekommen kann ich schon auf mein Zimmer und freue mich über die liebenswürdige Pensionswirtin. Wirklich reizend hier.

 

Ein kleines, schnuckeliges Häuschen mit Café, kleinem Kiosk mit selbstgemachtem Eis und ein paar Zimmerchen.

 

Direkt an der Oder, nicht hinterm, sondern auf dem Deich. Hier endet die Straße aprupt, auf welcher man Zollbrücke von Bad Freienwalde oder Wriezen aus erreichen kann. Himmlische Ruhe und nahezu unendliche Weite, gestört nur durch das Klappern der Störche, das sanfte Rauschen der Oder. Allenfalls das leise dahingleiten ein paar alter Schubkähne oder vorbeiziehende Kraniche und Wildgänse könnten diese Idylle stören- so möge das Ende der Welt aussehen – und so ließe es sich auch gerne Aushalten.

 

Wir haben ja noch was vor, bzw. Sebastian will mir seine Heimat von ihrer schönsten Seite zeigen. Unser nächstes Ziel ist Niederfinow. Das älteste noch arbeitende Schiffshebewerk Deutschlands will ich unbedingt sehen.

 

Ein historisches Wahrzeichen und ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Und hoch ist das auch, ganze 60 Meter.

 

Selbstverständlich müssen wir da auch hinauf. Ich wollte das zuerst gar nicht, es ist nämlich sehr heiß und durch die Sonne bin ich geistig etwas ermattet. Aber kneifen gilt nicht. Punkt. Sagt der gestrenge Herr Sebastian. Er hat ja so recht. Ist ja auch mal schön dass ich die Entscheidung nicht selbst treffen muss.

 

Oben angekommen gebe ich unumwunden zu, dass ich schwer beeindruckt bin. Dieses Bauwerk ist quasi das Neuschwanstein des äußersten Nordostens. Es weht ein laues Lüftchen, der weite Blick, einfach wunderschön. Das sind die Momente die das Glücksgefühl expandieren lassen.

 

Unser nächstes Ziel befindet sich in Polen. Wir überqueren die Grenze in Hohenwutzen und wollen in einem kleinen Restaurant ein typisches polnisches Gericht zu uns nehmen. Sebastian empfiehlt mir Pirogi, das sind Teigtaschen, gefüllt mit Kartoffeln und Quark. Gute Empfehlung, sag ich da. Sie schwimmen in Butter und schmecken einfach köstlich. Diese Stärkung kann ich gut gebrauchen, denn zu diesem Zeitpunkt weiß ich ja noch nicht, was auf mich zukommt.

 

Aber erst geht´s ganz gemütlich auf kleinsten Sträßchen über Cedinya nach Radostow. Hier befinden wir uns schon im Nationalpark Krajobrazowy, ältester Naturpark in Ermland und Masuren. Im Park wachsen ca. 850 verschiedene Pflanzenarten, darunter der vermutlich älteste Baum Masurens, die „Königliche Fichte“. Neben Rotwild, Wildschweinen, Bibern, Uhus und Fischottern wohnen hier auch seltene Tiere, wie Elche und Wölfe.

 

Da wir uns im Naturschutzgebiet befinden wird auch die Straße zunehmend natürlich.

 

Soll heißen: unbefestigt, mit tiefen Spurrillen, teils mit grobem Schotter, mitten im dunklen Tann.

 

 

Fällt für mich in die Kategorie: Teilkasko mit Eigenbeteiligung.

 

Vorbei an wilden Bachläufen mit Biberbauten, die ich so noch nie gesehen habe. Echte Architekten des Waldes. Falls sich ein Elch, Wolf, Wildschwein oder Hirsch in unserer Nähe befindet, bemerke ich die Tiere nicht. Dieser Waldweg ist eine echte Herausforderung für mich. Sebastian fährt sehr sicher und langsam vor mir her, ist ja auch ein Heimspiel für ihn. Ich hingegen bin hochkonzentriert und riskiere keinen Seitenblick zu den Schönheiten des Waldes. 

 

Aufgemerkt! Vertrauen in den der sich auskennt, löst Ängstlichkeit auf.

 

Die Fahrt durch den Nationalpark auf diesem steinigen Pfad ist aber ein echtes Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Auf einer Skala von 1-10, eindeutig 10. Doch auch der ruppigste Weg hat einmal ein Ende. In Stare Lysogorki gibt es ein Wirtshaus. Schaut ziemlich verwegen und ungepflegt aus und- hat geschlossen. Ist wohl schon lange nicht mehr bewirtschaftet worden. Einsam ist es hier.

 

Der Abstecher durch das Naturschutzgebiet hat sich auf jeden Fall länger angefühlt, als er tatsächlich war, nur 50 km.

Mein Gefühl hat mit 100 km falsch gefühlt.

 

Auf dem Rückweg kaufe ich mir auf dem Polenmarkt an der Grenze noch eine kleine Brotzeit und eine Flasche Wein, da in Zollbrücke ebenfalls kein Wirtshaus geöffnet hat. So ein schönes Land mit einer solchen Wirtshauswüste.

 

Vor Bad Freienwalde heißt es Abschied nehmen. Sebastian fährt zurück nach Berlin, ich in mein Zollhäuschen. Einen kleinen Moment fühle ich mich sehr verlassen.

 

Mein schmales Abendessen, Weißbrot, polnischen Räucherkäse, Tomaten mit Weißwein genieße ich ganz alleine am Oderufer und lausche der absoluten Stille. Ich bleibe bis es dunkel wird und schaue auf dieses zähe Dahinfließen des Wassers vor meinen Füßen und komme in eine melancholische Schwärmerei. Diese Ruhe, meine in sich gekehrte Stimmung, welch unglaubliche Bereicherung. Das sind die kleinen Sternminuten. Das erinnert mich an ein Buch von Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit. Ist etwas groß gedacht von mir. Ich bewege ja nichts im Weltgeschehen. Und doch bewegt sich etwas in mir und auf mir.

 

Stechmücken holen mich aus diesem herrlichen, meditativen Zustand zurück. Die Erweckung der besonderen Art.

Teil II- Weite

 

Tag 7- 13.8. 

Zollbrücke – Pasewalk, 120 km

                      

Um 6 Uhr morgens aus traumlosem Tiefschlaf erwacht. Fühle mich frisch und erholt. Obwohl die Fahrt heute recht kurz ist, packe ich schon meine sieben Sachen und frühstücke entspannt in dem liebevoll eingerichteten Wohnzimmer mit Blick auf die Oder. Heute kann ich alles etwas gemütlicher angehen lassen.

 

Mein nächstes Ziel ist das Fontane-Haus in Schiffmühle. Liegt ja fast auf dem Weg. Ich biege in Gabow nach links ab und fahre erst an der Stillen Oder, weiter in Neutornow an der Wriezener Alte Oder entlang und bin in diesem ruhigen kleinen Vorort von Bad Freienwalde, in Schiffmühle, einer Idylle zwischen Berg und Tal, angekommen.

 

Hier befindet sich das Elternhaus des Schriftstellers Theodor Fontane. Ein geducktes, kleines Häuschen mit einem wunderschönen, gepflegten Wildgarten. Mit meiner Idee im Museumscafé etwas zu verweilen wird das nichts. Museum geschlossen. Auf der Hauswebsite ist folgendes zu lesen: 

 

Das Fontanehaus ist in diesem Jahr, aus wirtschaftlichen Gründen, nicht durch die Tourismus GmbH betreibbar.

 

Zumindest wird es von Liebhabern sorgsam gehegt und erhalten.

 

Ja, das ist schade. Aber es ist ja auch nicht das erste Mal während meiner bisherigen Reise, dass die Türen meiner Begehrlichkeiten geschlossen sind. Und ausgerechnet heute hätte ich mir die Zeit genommen, etwas Kultur in meinen kilometerfressenden Motorradalltag zu bringen. Nun gut, kann ich alles auf der Website nachlesen.

 

Der Weg zurück auf die geplante Strecke ist ja auch wunderschön. Er führt mich durch Oderberg, auf meiner linken Seite sehe ich den Pimpinellenberg (der heißt wirklich so), die markanteste Erhebung der Region, die mit steilen! Hängen zum Niederoderbruch hin abfällt. Immerhin erreicht er eine Höhe von 120 Metern. Vor mir der kleine Galgenberg, 43 Meter. Die ziemlich unkurvige Straßenführung bietet jetzt großschweifigen Blick übers Land. In Angermünde erlaube ich mir eine kleine Runde um den örtlichen Marktplatz, ich hab ja Zeit.

 

Recht gemütlich treffe ich in Pasewalk ein, meinem Zielort.

 

Meine heutige Nacht werde ich auf dem ehemaligen Bahngelände, im Lokschuppen verbringen. Die Buchung dafür habe ich schon in München gefixt.

 

Kategorie: Schlafwaggon- Einzelabteil, Abt. 4, macht 35,09 €. incl. Parkplatz und WLAN. Da braucht man sich nicht beschweren. Und ein Erlebnis ist es auch. Ich werde also in Eintönigkeit nicht untergehen.

 

Dort angekommen ist es schon mal beeindruckend. Als ich am Lokschuppen in Pasewalk ankomme, wirkt alles erst einmal ruhig. Fast unscheinbar steht das alte Backsteingebäude da, als würde es gar nicht viel von sich preisgeben wollen.

 

Doch je näher ich komme, desto mehr spüre ich, dass hier einmal richtig Betrieb war. Wo heute Stille herrscht, wurden früher Lokomotiven gewartet, rangiert und für ihre nächsten Einsätze vorbereitet. Das heutige Museum im 125-jährigen Lokschuppen mit seiner historischen Architektur muß für Eisenbahnfans eine Erleuchtung sein.

 

Den Abteilschlüssel für meine nächtliche Kemenate im Schlafwagen hab ich mir im ehemaligen Pförtnerhaus, am Eingang des großen Geländes, abgeholt und Villie steht auf einem schattigen Platz.

 

Es ist nämlich verdammt heiß.

 

So, alles verstaut, das Gelände erkundet und schon könnte ich mich in ein erfrischendes Bad stürzen. Die Ostsee allerdings ist jetzt zu weit dafür.

 

Aber es gibt sicher ein Freibad. Genau, da will ich jetzt hin. Da ich erst gegen 17 Uhr in das wohlverdiente, kühle Nass hüpfe, es sind kaum noch Gäste da, kann ich ein paar Bahnen in Ruhe schwimmen. Erfrischt und zufrieden suche ich mir in Pasewalk ein Lokal. Ich finde einen Italiener und bestelle Spaghetti Bolognese, nicht gerade ein typisches Gericht der Region, macht aber satt und ist ein krasser Gegensatz zu meinem gestrigen spartanischen Mahl.

 

Mit mir und der Welt zufrieden komme ich am Gelände der ehemaligen Schlaf- und Speisewagengesellschaft an.

 

Heute Abend ist noch Waschtag. In den Waschräumen auf dem Gelände wasche ich T-Shirt und Unterwäsche und hänge sie in meinem Abteil an die dünne Vorhangsschnur am Schiebefenster der ehemaligen Deutschen Reichsbahn.

 

Die Möglichkeit hier, auf dem ehemaligen Bahngelände, bietet Jugendgruppen, Familien, Radfahrern oder eben auch Einzelreisenden eine schöne Alternative zu Campingplätzen oder Hotels und Pensionen. Die große Gemeinschaftsküche, die Waschräume, der Speisewagen, der ehemalige Lokschuppen bieten vielfältige Optionen der Freizeitgestaltung.

 

Ich könnte hier z. B. auch mein Zelt aufschlagen. Mach ich aber nicht. Ich möchte den Schlafwagenschlaf rundum genießen. Mit diesem ganz eigenen Duft der Originaleinrichtung. Weinrote, blankgeputzte Resopalmöbel auf einem Hauch von Linoleumbodenbelag. Sogar ein kleines ausklappbares Tischlein, auf dem ich ganz hervorragend meine Planung für morgen bearbeiten kann.

 

Meine bisherigen Unterkünfte habe ich zu meiner Beruhigung bereits in München über Booking gebucht. Ab jetzt widme ich mich täglich um meine sorgenfreie Bettruhe. Falls ich mal wirklich gar nichts finde, habe ich für alle Eventualitäten das kleine Campingbesteck dabei. Ich bevorzuge jedoch ein Bett mit festen Wänden drumherum. Selbiges finde ich in Klausdorf an der Ostsee.

Tag 8- 14.8. 

Pasewalk – Klausdorf, 140 km

 

Um 6 Uhr wache ich total ausgeruht und entspannt aus meinem traumlosen Schlaf auf. Das hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Dieses doch recht schmale Klappbett, die enge Kabine, meine olfaktorische Wahrnehmung, die noch immer etwas nach Putzmittel des Ostens, nach Fit, Ata oder Spee erinnert, ein Potpourri der besonderen Art hat sich offenbar günstig auf meinen Schlaf ausgewirkt.

 

Meine Wäsche am Fenster wurde vom milden Nachtwind getrocknet und ist verstaut.

 

Froh gelaunt sattele ich Villie auf und freue mich auf ein Frühstück irgendwo auf dem Weg nach Klausdorf.

 

In Eggesin, an der Ueckermünder Heide, halte ich an der Quelle der Entzückung an. Eine winzige Bäckerei an der Straße mit Parkbucht davor.

 

Genau so hab ich mir das vorgestellt. Die Sonne scheint, ich kann Kaffee und ein belegtes Brötchen (Semmel ordern funktioniert hier nicht) bestellen, freundlich am kleinen Tisch auf dem Gehweg serviert bekommen und genießen.

 

Bis die Mehllieferung im riesigen LKW- Transporter vor meiner Nase hält.

 

Gefühlte 30 Minuten wird Mehl durch einen ebenso riesigen Schlauch in die kleine Backstube geblasen. Trotz der enormen Lautstärke entspinnt sich ein nettes Gespräch mit dem Fahrer des Müllroser Mehls und lässt die Wartezeit schnell vergehen.

 

In Anklam angekommen überlege ich kurz, ob ich mir die komplette Usedom Umrundung spare und erst in Wolgast auf die Insel fahre, um dann in Peenemünde mit der Fähre nach Freest überzusetzen. Im Mai waren wir schon auf Usedom und haben da Freunde besucht. Ich kenne die Insel also schon auf ihrer östlichen Seite.

 

Außerdem ist es ganz schön warm, um nicht zu sagen brüllend heiß, und ich will heute unbedingt noch in der Ostsee baden. Also, flux, flux, Fräulein Fuchs.

 

Am Peenestrom entlang fahre ich bis Wolgast zur Peenebrücke, einer Klappbrücke die zu bestimmten Zeiten für die Schifffahrt nach oben geklappt wird. Hier stehe ich auch das erste Mal seit meiner Abfahrt am 4.8. im Stau.

 

Jetzt ist es auch nicht mehr heiß, sondern schwül. Die Wartezeit hält sich in ertragbaren Grenzen und auf der anderen Seite, auf Usedom angekommen, gibt’s von oben eine kleine Dusche aus der einzigen schwarzen Wolke, die gerade über mir ist. Ist das angenehm. Helm ab, Jacke aus, Abkühlung genießen.

 

Ein Auto mit Miesbacher Kennzeichen hält hinter mir. Das Ehepaar will ein Foto der Klappbrücke für die Nachwelt knipsen. So wie ich. Jedem seine Nachwelt, sag ich da nur.

 

In dem Moment, die Kameras sind in Angriffsstellung, öffnen die himmlischen Schleusentore und ein enormer Wasserschwall fällt auf uns herab. So schnell kannst du nicht gucken. Die netten Miesbacher holen schnell einen Schirm und nehmen mich unter ihren Schutz.

 

Ein kurzes Schwätzchen in unserem gemeinsamen Dialekt erwärmt mir mein Herz.

 

Wie muss es da den vielen Menschen gehen, die einen nicht wirklich freiwilligen Weg auf sich genommen haben um hier bei uns Frieden zu finden. Die fernab ihrer Heimat und ihren Lieben, ihren Gewohnheiten, ihrer Kultur, andere Menschen mit ähnlichen Schicksalen treffen, die ihre Sprache sprechen.

 

Und wie viel ungleich mehr haben wir es gut. In unserem eigenen Mikrokosmos können wir uns über viele Dinge so richtig schön aufregen, aber erst über dem Tellerrand wird’s interessant, erhellend, spannend. Manchmal halt auch befremdlich und widersprüchlich. Aber mit Rechthaberei und Pampigkeit wird kein Ziel erreicht. Und wenn ich mir das so recht überlege, haben wir mit vielen Mitmenschen sicher auch Gemeinsamkeiten, die es zu erkunden gilt. Und sind sie noch so klein. Verbindungen schaffen, das ist das begehrenswertes Ziel.

 

So, Nachdenklichkeitsschalter wieder umlegen und zurück in die Realität vor Ort.

 

Jetzt bin ich zwar trocken geblieben, mein abgelegtes Gewand auf meinem Gefährt jedoch nicht.

 

So schnell der kurze Schauer gekommen ist, so schnell ist er auch wieder gen Osten gezogen. Das ist auch gut so, denn ich will ja zunächst nach Westen weiterfahren. Der warme Wind trocknet alles im Nu.

 

Ich liebe dieses Wetter. Vor Allem den Wind. Der pustet das Gehirn frei. Alle Schmach, miese Gedanken, so es denn welche gibt, werden davon geblasen. Allein schon die Vorstellung hilft dabei.

 

Bannewitz, Zinnowitz, Karlshagen, Peenemünde. Ein Traum, so wunderschön hier, die Kiefernwälder mit den Zugängen zum Strand der Ostsee. Da bin ich kurz geneigt meinen restlichen Tag hier zu verbringen. Ist mir allerdings zu umständlich und kostet mich Zeit. Die ich noch brauche um zur Unterkunft zu kommen.

 

Es überrascht mich sehr, dass ich mir für manche Gelüste, die sich mir am Wegesrand anbieten, nicht die Zeit nehme. Da überlege ich schon eine ganze Weile, an was das liegen könnte. Ich schätze mal, es hat was mit Unerfahrenheit in einer Gemengelage mit Neugier auf die nächste Situation zu tun. Erfahrene Motorradfahrer und-innen könnten hier etwas dazu beitragen. Ist aber gerade keiner da.

 

Macht nichts. Ich kann auch während des Weiterfahrens auf brillante Erkenntnisse stoßen und genießen.

 

In Lubmin bekomme ich Hunger. Das lässt mich richtig nervös werden. Mein Blutzucker ist unten. Da versteh ich dann überhaupt keinen Spaß mehr. Jetzt muss es schnell gehen. Ich sehe direkt am Strand eine Fischbude. Mein Sehnsuchtsort, die schönste Bude die ich je gesehen habe. Die Gier lässt gerade alles im rosaroten, weichgezeichneten Licht erscheinen. Natürlich sitze ich hier vor der Bude nicht auf einer Marmorterrasse eines Gourmettempels. Aber  authentischer ist es hier schon.

 

Allein schon dass ich hier, an der See, Fisch esse, lässt ihn gleich noch besser schmecken. Satt und zufrieden ist die Fischbudenfachverkäuferin meine beste Freundin geworden.

 

Greifswald umfahre ich. In Stralsund trinke ich wieder einmal Kaffee und habe die gleiche Überlegung wie für Usedom.

 

Will ich die Rügenrunde mitnehmen?

 

Oder geh ich lieber schwimmen und buddel die Füße in den Sand?

 

Ich entscheide mich für die zweite variante. Dann kann ich mir auch noch den Hafen von Stralsund anschauen. Fahre auf extrem buckligem Kopfsteinpflaster am Ozeaneum vorbei wieder stadtauswärts. In 20 Minuten komme ich in Klausdorf an. Die kleine Pension heißt Schwalbennest und ist richtig hübsch. Auf Abendessenssuche im Internet finde ich wiederum -nichts. Herrschaftszeiten sagt die ist doch Hochsaison! Gegenüber dem Schwalbennest ist ein Wirtshaus, ja, das schon. Aber eben geschlossen. Gut, dann gibt’s halt mal gar nichts. Hab ja heute schon Fisch gehabt. Geh ich eben hungrig schwimmen. Selber schuld.

 

Vor dem kleinen Pfad zum Strand gibt es einen Parkplatz. Bevor ich mit dem Lesen am Bezahlkasten fertig war, spricht mich ein älteres Ehepaar freundlich an.

 

Ich darf gerne in ihrer Garageneinfahrt parken, sagen sie. Dann kann ich mir das Geld sparen. Und Zeit lassen kann ich mir auch, sie fahren heute nicht mehr weg.  Wo ich herkomme, wohin ich will, sogar nach dem Warum werde ich gefragt. Da geb ich doch bereitwillig Auskunft. Kam ja bisher nicht so oft vor, dass großes Interesse an meiner Person und der Reise gezeigt wurde. Nicht, dass ich es vermisse, mich wundert es nur.

 

Vielleicht ist für viele nicht erklärlich, dass Frau alleine so in der Gegend rumfährt. Männer sind da ja mit Nachfragen eventuell noch zurückhaltender, haben vielleicht Bedenken, es könnte zu intim sein. Sexuelle Belästigung, und so. Oder ganz anders- ich könnte was von Ihnen wollen. Auch diese Möglichkeit soll es geben.

 

Umgekehrt habe ich so gar keine Bedenken alleine zu reisen. Mittlerweile falle ich vermutlich aus jedwedem Beuteschema. Lustig eigentlich, je älter ich werde umso einfacher werden viele Dinge. Das nenn ich mal Freiheit. Daher meine ich, dass die jugendliche Freiheit überbewertet wird. Somit bin ich wirklich einig mit mir und meinem Alter.

 

Noch etwas sinnierend gehe ich zum Klausdorfer Badeplatz. Der Naturstrand ist wirklich was ganz Besonderes.

 

Kaum Leute, nicht so aufgebrezelt wie die klassischen Touristenstrände, also auch kein Kiosk mit Musik und überflüssigem Firlefanz. Obwohl ich insgeheim auf eine kleine Frittenbude gehofft hatte.

 

Mittlerweile hab ich gelernt mit wenig auszukommen.

 

Ab ins Wasser und sich freuen ist mein Motto der nächsten Minuten. Das ersehnte, kühle Nass ist zwar recht warm, dafür gehe ich Minimum 500 Meter auf dem sandigen Seeboden, bis ich mal in Bauchnabelhöhe im Wasser stehe. Sehr natürlich, der Naturstrand, sag ich da bloß. Die schöne, friedliche Atmosphäre hier versöhnt mich umgehend.

 

Ich lege mich auf den Rücken, lass mich von den schüchternen, lauwarmen Wellen hin und her schaukeln, schaue in den blitzblauen Himmel und bin zufrieden. Mit allem.

 

Aber auch hier gibt es in den Abendstunden in Schilf Nähe Stechmücken. Und auch hier nerven die Biester trotz schönster Umgebung. Da geht meine Zugewandtheit für ökologisches Gleichgewicht schnell flöten. Ich suche schleunigst das Weite. Bis zu meinem „Privatparkplatz“ spaziere ich noch durch den kleinen Park.

 

Entspannt fahre ich das kurze Stück zurück in die Pension. Noch ein kleiner Abendspaziergang und ein wunderschöner Tag geht zu Ende. Nach wenigen Metern sehe ich Licht im Wirtshaus. Ha! Doch offen? Jaaaa! Welch eine Freude.

 

Da alle 4 mikroskopisch kleinen Tischlein mit handgeschriebenen Reserviert-Zetteln markiert sind, frage ich die teilnahmslose Wirtin wo ich mich hinsetzen darf. Ihre Reaktion kommt nach einer gefühlten Ewigkeit. Zwei Worte können so bitter sein.

 

Sie sagt:

Alles reserviert (Mit drei Ausrufezeichen)

 

Aha. Das war nicht meine Frage, lesen kann ich auch. Trotz meiner Tiefenentspannung könnte ich jetzt geistig und emotional aus der Kurve fliegen. Bringt mich aber nicht weiter. Habe spontan meine Gesichtsfarbe verloren und erinnere mich an meine Erkenntnisse, die ich schon gewinnen durfte. Da war doch was mit Pampigkeit? Ok, umschalten und das Gute im Menschen sehen.

 

Und das Gute kommt von Stammtischgästen die an ebendiesem Tisch sitzen und Platz für mindestens sechs weitere Personen haben. Die einheimische Bevölkerung bittet mich am Ehrentisch Platz zu nehmen. Dankend nehme ich an. Kaum das ich mich in deren Richtung bewege, schreitet die Chefin des Hauses ein und sagt tatsächlich: Das bestimme immer noch ich, wer hier sitzen darf. WOW.

 

Da sind selbst die Klausdorfer sprachlos. Der Moment wirkt wie eingefroren und für eine Millisekunde scheint die Welt still zu stehen. Bis irgendeine höhere Macht den Hebel wieder umlegt und die Stammgäste wieder in Bewegung kommen. Sie haben ihre Sprache wiedergefunden mit einer Ansage an die Wirtin, die den Namen nicht verdient:

 

„Wir wollen aber das sie bei uns sitzt“

 

Somit darf ich am Stammtisch sitzen und wurde sogar bedient. Mit Vorbehalt habe ich auch etwas zu Essen bestellt. Ein böser Gedanke hat sich in mein Hirn geschlichen. Was, wenn sie mir ins Essen spuckt?

 

Wie um etwas gutzumachen spendiert die, deren Name ich nicht aussprechen will, eine Runde Schnaps. Ich bin ja so gar nicht nachtragend, da es mir auch nichts nützen würde. Also lobe ich auch noch die hervorragende Küche. Der Bann ist gebrochen und so erfahre ich von ihr, dass sie mit Ihrer Frau! man höre und staune, eine/n Nachfolger/in für das Wirtshaus sucht, aber nicht findet. Das erklärt alles. Wie schnell sich ein erster Eindruck ins genaue Gegenteil kehren kann. Tja, da sollte man geschmeidig bleiben.

 

Trotz des holprigen Starts ist es noch ein lustiger Abend geworden.

 

Letzte Runde gegen Uhr. Jetzt aber hurtig. Noch schnell die Strecke planen, Unterkunft fixen und ab ins Bett.

Tag 9- 15.8.

Klausdorf – Neubukow, 140 km

 

Der neue Morgen ist trüb und es muss etwas geregnet haben. Wie üblich packe ich zuerst meine Tasche und befestige alles auf Villie. Dummerweise habe ich ziemlich nah an einem Busch geparkt und musste zum Aufsatteln kleine Verrenkungen machen um gut festzuzurren. Und diese Unruhe am Gesträuch hat alle Stechbiester geweckt, die im dichten Grün beherbergt waren. Die Blutsauger haben innerhalb weniger Sekunden alles gestochen und ausgesaugt, was ihnen an unbekleideter Haut vor den Rüssel kam. Da werde ich aber ganz geschwind ziemlich hektisch. Das hab ich ja dick. Diese Stecher vermiesen mir noch meine freudige Aufbruchstimmung. Heute muss ich mir dringend ein wirksames Antimückenmittel kaufen.

 

Die morgendliche Fahrt versöhnt mich mit dem vorigen Ungemach. Es ist noch etwas dunstig, warm, aber noch nicht schwül. An der Küste entlang Richtung Barth. An Kinnbackenhagen und Nisdorf vorbei habe ich auf den Wiesen unglaublich viele Kraniche gesehen. Eigentlich sollten die doch längst in Afrika sein. Nur im Frühjahr beim Flug Richtung Süden, aus Schweden kommend, ruhen sie sich hier aus und stärken sich für die Weiterreise. Ich reiße mich von dem schönen Anblick los. Und reise weiter.

 

Weiter geht’s nach Barth, zur Meiningenbrücke, die Verbindung auf Fischland-Darß-Zingst. Das ist eine Klappbrücke mit etwa 200 Metern Länge. Ein Merkmal der Behelfsbrücke ist das vorhandene Hubteil, das es ermöglicht, die Brücke für die Schifffahrt zu öffnen. Ein kleines bisschen aufregend ist es schon über diese Brücke zu fahren. Auf Zingst dreh ich die Inselrunde bis Prerow. Da gibt es zwei wichtige Dinge zu erledigen.

 

In Prerow kauf ich mir zuerst ein Mückenmittel und parke vor einem Café. Leute angucken und genießen. Der besondere Charme dieses alten Fischerdorfes macht Prerow zu einem der beliebtesten Urlaubsorte auf dem Darß.

 

Dabei ist es aber auch so, je weiter westlich ich komme, umso mehr Touristen sind unterwegs. Ich bin es ja auch. Allerdings fühle ich mich nicht wie die klassische Touristin. Sehe auch anders aus. Im hochsommerlichen Prerow bin ich da eher die Außenseiterin. Also, genug geguckt und weiter. Ich möchte mir in Ahrenshoop die Kunstgalerien anschauen. Etwas Kultur und Inspiration holen.

 

Da geht´s mir aber ähnlich wie in Prerow. Zu voll, zu laut und ich bin hier eher das Anschauungsobjekt. Zu allem Überdruss finde ich keine Parkmöglichkeit zwischen den Autos, geschweige denn auf dem schmalen Gehweg.

 

Also lass ich die Kunst Kunst sein, denn das kann sie auch ohne von mir gesehen worden zu sein. Es gibt mittlerweile so viele Orte und Sehenswürdigkeiten, die ich aus besagten Gründen nicht besichtigt habe. Das tut mir schon ein bisschen leid. Aber irgendwie bekomme ich das nicht hin, mir die nötige Zeit dafür zu nehmen. Gut, dass ich mir alles aufschreibe. Dann gibt´s eben eine extra Reise geben nur für diese Ziele. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

 

Es ist allerdings auch so, dass ich immer neugierig bin auf die nächste Etappe und nicht die Muße finde, lange Pausen einzulegen. Die ständige Weiterfahrt macht aber auch zu viel Spaß.

 

Und so führt mich mein Weg an Ribnitz-Dammgarten vorbei zum Ostseebad Graal-Müritz. Puhhh- schaut genauso aus wie in Ahrenshoop. Same, same, wenig different. Also gleich weiter nach Hohe Düne zur Fähre, die mich nach Warnemünde bringt. Ich könnte ständig Fähre fahren. Entschleunigung pur. Der Wind weht dir lieblich um die Nase, keine Musik, nette Leute, die das auch alles ganz nett finden, kleine Plauderpäuschen, wunderbar. Die Überfahrt ist zu schnell vorbei. Ich merke mir dieses schöne Fährenfahrgefühl. Da muss ich mir mal eine längere Überfahrt aussuchen.

 

In Kühlungsborn steppt der Bär. Hier ist alles perfekt. Wahnsinnig elegant, sauber, schick. Hier reizt mich tatsächlich gar nichts. Nicht zu gucken, zu halten, teure Getränke zu konsumieren. Irgendwie alles zu schön. Trotz dieser wuseligen Lebendigkeit herrscht hier eine gewisse Ereignisarmut. Nix für mich. Nicht, dass ich ständig superduper Ereignisse bräuchte, nein, aber hier fühlt sich das für mich, trotz der Menschenmassen, erstaunlich leer an. Und sei es noch so schön hier. Mein persönlicher Urlaubsmodus ist gerade ein anderer.

 

Somit lasse ich das Ostseebad Rerik auch rechts liegen und komme in meiner Unterkunft in Neubukow an. Hier ist es überraschend ruhig, obwohl nur ein paar Kilometer vom Strand entfernt. Das soll mir recht sein. Meine Pension war mal ein Hotel, steht direkt am Rathausplatz und hat auch schon mal belebtere Tage gesehen. Wird jetzt von einer Familie geführt, die es aus dem, vermutlich, südasiatischen Raum bis hierher verschlagen hat.

 

Die sehr resolute Wirtin bringt mir den Zimmerschlüssel, nachdem ich sie über ihr Handy erreicht habe. „Gaststätte erst ab 18 Uhr geöffnet. Küche ab 19 Uhr. Kein Frühstück“ Alles klar.

 

So gesagt, in militärischem Grundton.

 

Ok, in der Fremde bin ich die Fremde und hier zu Gast. Also Klappe halten. Diese, mir wahrlich nicht in die Wiege gelegte Eigenschaft, hat sich ja schon einmal bewährt.

 

Mit Kultur beschäftigen lenkt ab. Also nutze ich die Gelegenheit und begebe mich auf Stadtbesichtigung.

 

In Neubukow ist der bedeutende Archäologe Heinrich Schliemann am geboren. Und es gibt ein kleines Museum, in dem sein Werdegang und seine wissenschaftlichen Erfolge erzählt und gezeigt werden. Da gehe ich jetzt hin. Durch eine reizende, kleine Altstadt spaziere ich über sehr buckliges Kopfsteinpflaster zu dem geduckten Häuschen, in dem sich das Heimatmuseum befindet.

 

Entzückend, märchenhaft, idyllisch und ruhig ist es hier. Ich bin die einzige Besucherin und bekomme eine kleine Führung.

 

Die Zeit vergeht dabei schnell und ich bin gerührt von der Museumsleiterin, die sich über meinen Besuch so gefreut hat. Sehr entspannt gehe ich zurück, stelle unterwegs fest, dass einige Läden unwiederbringlich geschlossen haben, weiter durch ein paar verwinkelte Gässchen um meinem, mittlerweile knurrenden, Magen ein vermutlich asiatisches Mahl zuzuführen.

 

Weit gefehlt, geschätzte 100 verschiedene Schnitzelgerichte. Burger, Spaghetti, alles außer asiatisch.

 

Ich entscheide mich für Hering, in Sahne mit Apfel, Zwiebel und Salzkartoffeln. Ist essbar, schmeckt aber genauso wie in jedem x beliebigen Lokal im tiefsten Oberbayern. Bin ja auch nicht zum Fine Dining hier. Die Hauptsache satt und ein Dach über dem Kopf.

 

Bei einem kleinen Bier beobachte ich die wenigen Neubukower, die über den Marktplatz von der Apotheke zum Drogeriemarkt und wieder hinterm Haus verschwinden, es werden keine kurzen Schwätzchen gehalten, jeder geht schweigend aneinander vorbei. Wirkt irgendwie unheimlich. Nebenbei gebe ich meine morgige Route ein, denn morgen treffe ich Thomas R. Auch ihn kenne ich aus unserem Club. Er erwartet mich um 10 Uhr an der Priwallfähre.

 

So, alle wichtigen Dinge für heute erledigt, die wackelige Handyhalterung am Lenker befestige auch noch rasch mit Klebeband wieder in die richtige Position. Haken dran und gute Nacht.

Das war es erstmal für diesen Monat. Nächsten Monat erzähle ich euch hier, wie es weiter geht. 

 

Freue mich auf eure Kommentare.

 

Eure Barbara




Deutschland, (m)eine Grenzerfahrung – T1

Zwischen Weite Welt und Heimweg

Eine Motorradreise an den Rändern – und zu mir selbst

Es gibt diesen Moment, kurz bevor man losfährt.

 

Das Motorrad ist gepackt, vielleicht ein bisschen zu voll. Man steht daneben, schaut drauf und fragt sich, ob man wirklich an alles gedacht hat. Und während man noch überlegt, merkt man: Es geht gar nicht darum.

 

Es geht ums Losfahren.

 

Diese Reise war kein großer Plan. Keine Weltumrundung, keine Expedition, nichts, womit man angeben müsste. Einmal außen um Deutschland herum – das war die Idee. Klingt machbar. Ist es auch. Und trotzdem war es für mich mehr als nur eine Strecke.

 

Ich wollte sehen, was passiert, wenn ich einfach fahre. Wenn ich nicht alles durchplane. Wenn ich mich treiben lasse, Begegnungen zulasse, Umwege in Kauf nehme und auch mal falsch abbiege – im wahrsten Sinne.

 

Ich habe Menschen getroffen, die mich aufgenommen haben, als würden wir uns seit Jahren kennen. Ich habe Orte gesehen, die mich überrascht haben, obwohl sie direkt vor der Haustür liegen. Und ich habe Tage erlebt, an denen ich mich gefragt habe, warum ich das eigentlich mache.

 

Und dann gab es wieder diese Momente, in denen alles gepasst hat. Straße, Wetter, Gefühl. Ruhe und Glück.

 

Diese Reise ist kein Ratgeber. Kein „So machst du es richtig“.
Es ist einfach das, was passiert ist.

 

Mit allem, was dazugehört:
Umwege, Zweifel, Kaffee, Kekse, Begegnungen, Einsamkeit, Lachen – und ganz viel Straße.

 

Vielleicht erkennst du dich an der ein oder anderen Stelle wieder.
Vielleicht bekommst du Lust, selbst loszufahren.

 

Und vielleicht reicht es auch einfach, ein Stück mitzufahren.

Vorarbeit

 

August 2024

 

Meine Rückkehr von der Tour durch Rumänien ist jetzt 4 Wochen her. Die Glückshormone darüber, dass ich das geschafft habe, wirken immer noch.

 

Und schon gibt es einen Gedanken an eine weitere Reise, der noch ganz klitzeklein ist. Er wird langsam immer größer und schließlich drängt er sich an die Oberfläche.

 

Ich will ihn ignorieren. Bin doch gerade erst wieder gesund nach Hause gekommen. Die Sommertage mit dem motorisierten Zweirad vergehen und es wird Herbst. Die Idee, die ich noch gekonnt verdränge, bleibt allerdings hartnäckig.

 

Ende Oktober 2024

 

Jetzt ist das Hirngespinst konkreter geworden. Aussprechen! Ich muss das jetzt aussprechen. Sonst glaub ich mir das selbst nicht. Und so etwas Einzigartiges ist es jetzt aber auch nicht wirklich. Und gefährlich auch nicht. Ich mach das.

 

Ich fahre einmal um Deutschland herum. Ja. Immer schön dicht an den Ländergrenzen mit einem kurzen Besuch im Nachbarland. Ist ja praktisch eine Schonhaltung für meinen Entdeckergeist.

 

Allerdings gilt es noch eine kleine Hürde zu überwinden. Ich bin ja nicht alleine auf dieser Welt und habe einen lieben Ehemann, der zwar meine Motorradleidenschaft toleriert, aber nicht teilt. Und jetzt werde ich meine einsam gefasste Entscheidung auch mit ihm besprechen. 

 

So, jetzt ist es raus. Ich bin glücklich, erleichtert und dankbar über das Verständnis meines Mannes, meinen Solotrip zu verwirklichen. Und einen Plan zu haben. Meine Pumpe geht vor Vorfreude etwas schneller. Ich packe gedanklich schon mal. Listen entstehen. Ich verwerfe sie wieder und schreibe die nächsten. Meine Gedanken überschlagen sich, stolpern übereinander, und in meinem Kopf herrscht ein herrlich chaotisches muss lachen. Über mich selbst. Das hilft. Tut es immer.

 

November 2025

 

Habe mir Deutschlandkarten besorgt und fahre die Strecke von München zum Königssee und, ab da, die Ländergrenzen mit dem Finger ab. Das beflügelt meine Fantasie. Mit Gepäck auf der Bonnie, die Sonne im Gesicht, als würde sie mit mir um die Wette strahlen.  Alles wirkt leicht. Möglich. Genau richtig.

 

Mit diesem Gefühl vergehen die Wochen. Ich sortiere Gedanken, verwerfe sie wieder, setze sie neu zusammen.

 

Fahr ich links rum oder rechts rum? Wann fahr ich los? Kann ich auf der Reise Besuche bei Verwandten oder Freunde verbinden? Will ich Zelt und Schlafsack dabei haben? Fragen über Fragen….

 

Bis Januar werde ich mir wahrscheinlich einen Knoten ins Hirn grübeln und dabei den Fadenanfang verlieren.

 

Dezember 2024

 

Um dem ganzen Planungschaos noch den richtigen Wumms zu geben kaufe ich mir noch ein paar PS mehr in Form einer gebrauchten Triumph Bonneville T120. Hab zwar immer noch keine fixe Route, aber meine Hauptakteurin hab ich dann schon mal sicher. Und mich hab ich ja auch.

 

Also ruhig Blut, Frau Fuchs. Alles hat seine Zeit. Jetzt genieße ich erst den Winter, bis kein Salz mehr die Straßen für die ersten Ausfahrten unbefahrbar macht. Das wird hart.

 

Januar, Februar, März 2025

 

Immer wieder gehe ich in die Garage und schau mir meine zweite Liebe an. Ja, ich geb´s zu, ich bin verknallt. In einen Gegenstand. Ganz schön verrückt. Verliebt in die Idee dahinter. Und genau dafür brauche ich dieses Motorrad.

 

Meine Planungen bekommen langsam den nötigen Schwung. Alles wird runder und übersichtlicher. Den Fadenanfang habe ich gefunden.

 

April – Juni 2025

 

Um unabhängig zu sein habe ich mir ein kleines Zelt, eine Isomatte und einen Schlafsack gekauft. Alles mit Minipackmaßen. Zelten ist jetzt nicht gerade meine erste Wahl, aber falls mal keine Herberge zu finden ist, bietet diese Variante etwas Sicherheit für mein ängstliches, kleines Hasenherz.

 

T-Shirts, Hose, Rock, Badezeug, Unterwäsche, Ersatzmotorradhose, Regenzeug, was Warmes zum Überziehen, alles was ich noch für die Reise brauche, packe ich als Testpaket mit der Campingausrüstung auf.

 

An einem schönen Wochenende mache ich eine Probefahrt mit Zeltübernachtung.

 

Von Christian habe ich das Angebot bekommen in seinem Obstgarten meine erste Testnacht im Zelt zu verbringen. Diese tolle Möglichkeit nehme ich doch gerne an. Er wohnt auf einem einsamen Bauernhof im bayrischen Wald. Kennengelernt habe ich ihn über unseren Motorradclub. Dem TMOC: Triumph Motorcycle Owners Club in Deutschland.

 

Die laue Sommernacht, der Sternenhimmel über mir, neben mir die ausglimmende Grillkohle in der Feuerschale, das hat schon was. Fühlt sich richtig an. Jetzt sollte auch die Nachtruhe gelingen.

 

Und das hat im Minizelt hervorragend geklappt. Geschlafen hab ich gut. Passt.

 

Am nächsten Tag begleite ich Christian zu einer traumhaften Runde im Drei-Länder-Eck. Deutschland, Österreich, Tschechien.

 

Dieser Strecke werde ich dann teilweise auf meiner Deutschlandrunde ein zweites Mal befahren.  

 

Diese wundervolle Strecke hat meine Entscheidung beeinflusst. Meine Route fahre ich Gegen den Uhrzeigersinn. Den Startpunkt lege ich am Königssee, ganz im Süden, fest. Für mich hat der Ausgangspunkt etwas sehr Erhebendes. Ich könnte ja auch von München aus etwas näher an der österreichischen Grenze anfangen. Aber vom Königssee zum Königssee klingt eben einfach schöner, als z.B. von Nilling nach Nilling, von Asten nach Asten oder von Pirach nach Pirach.  Nichts gegen diese kleinen Orte, aber mehr Würde hat nun mal der Königssee. Und meinen Gefallen beim Durchfahren dieser kleinen Dörfchen werde ich sicher finden.

 

Das Startdatum habe ich auf den gelegt. Vorher gibt es noch paar wichtige Termine, wie TMOC Jahrestreffen in Hilders und eine schöne Einladung von Dany und Bernd in Antdorf.

 

Interessant finde ich, dass durch meine ständige Beschäftigung mit Gepäck und Routenplanung, gedanklichem Fahren, Auskundschaften von Sehenswürdigkeiten, die auf der Strecke liegen, Notizen dazu, eine beachtliche Gelassenheit einsetzt. Bin sehr entspannt und freu mich riesig auf den Start

 

Sonntag

 

Es regnet Bindfäden. Na toll. Leise Stimmen in meinem Kopf flüstern mir ins Ohr: verschiebe den Start. Willst Du wirklich bei dieser Vollschüttung losfahren? Das macht doch keinen Sinn. Sei vernünftig.

 

Auf keinen Fall sagt mein Wille. Das wäre einmal zu viel an Vernunft. Ich packe mein Gepäck auf. Regenjacke und -hose, Gummihandschuhe und Schuhgummis liegen obenauf. Für den 4.8. wird die Vorhersage nicht besser. Vor Allem im Süden, also meinem Startpunkt des Herzens. Am Königssee.

Aufbruch

 

1. Im Regen los

 

Tag 1 – Montag,

München- Fattendorf, 250 km

Wie schon erwähnt- es regnet, langsam aber stetig. Und so naht der Abschied von Erwin. Es regnet auch in meinem Herz schwere Wermutstropfen. Wird allerdings gemixt zur Schorle durch meine Vorfreude auf meine Soloreise. Quasi: Mutsfreude. Immerhin sind mal ca. vier Wochen Beziehungsabstinenz eingeplant. Und trotzdem fällt es nicht leicht. Gedanken, die in meinem Seelenstübchen gegründelt haben und durch die externen Planungen in der Tiefe gewabert haben, tauchen wieder auf. Aber nur kurz.

Wir beide sind guten Mutes und freuen uns, dass es losgeht.

 

Für den einen, die sturmfreie Bude, für die andere sturmfreie Fahrt.

 

Noch ein Foto des Kilometerstands, Sitzposition einnehmen, Gang rein, Kupplung los und ab geht’s.

 

Und, ihr glaubt es nicht, dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmtheit, schon beim ersten Abbiegen auf die Nymphenburger Straße, zieht meine Mundwinkel rechts und links in die äußeren Rundungen meines Sturzhelms. Genau so wollte ich das.

 

Meine Strecke habe ich spontan, ob des mittlerweile sehr starken Regens ganz im Süden, etwas verkürzt. Ich fahre durch München in östliche Richtung. Auf ein Frühstück bei Liane. Eine nette Einladung einer Nachbarin ein paar Tage zuvor. Sie arbeitet in München und wohnt in Trostberg. Liane fährt auch Motorrad und hat kurz überlegt, mich ein paar Kilometer zu begleiten. Jedoch nicht im Starkregen. Unter diesen Umständen würde ich mich an ihrer Stelle auch nicht begleiten wollen.

 

Mit Kaffee und Adrenalin vollgepumpt steige ich wieder in meine sexy Regenhaut und begebe mich wieder zurück auf den nassen Asphalt und fahre an der Alz entlang nach Marktl am Inn. Um dort den Sigi zu treffen, den ich aber nicht kenne. Der gute Freund Christian aus Salzweg hat das kurzfristig eingestielt. Er wusste von meiner Streckenführung und hat kurzerhand dem Sigi gesagt: Du holst jetzt die Barbara in Marktl ab und fährst mit ihr die schönste, grenznaheste Strecke bis Passau, die du kennst.

 

Gesagt, getan.

 

In Marktl steppt montags nicht gerade der Bär, und somit erkenne ich den Sigi auf seinem Motorradl gleich. Obwohl wir uns noch nie gesehen haben, freue ich mich über diese Offenheit und Zugewandtheit. Als hätte es nie etwas anderes zwischen uns gegeben. Mir selbst gelingt das allerdings auch sehr leicht. Vorschussvertrauen nenne ich das. In Sigi habe ich einen sehr sicheren Motorradfahrer an meiner Seite, bzw. vor mir herfahrend. Da macht es auch nichts aus, dass es immer noch regnet. Und ja, die kleinen Sträßchen mit der lieblichen Landschaft, die ich hinter ihm herfahre, sind auch bei Nässe wirklich schönst.

 

Die nächste Überraschung ereilt mich kurz vor Passau. Bei einem kurzen Stopp am Rande von Bad Grießbach kommen Christian und Falk dazu. Das hat mich echt gefreut.

 

Zu viert fahren wir gemütlich nach Passau, treffen dort bei Louis, dem Motorradladen unseres Vertrauens, noch Heinz und Sepp. Ist ja echt reizend, was sich Christian da so an Überraschungen für mich ausgedacht hat. Inklusive Reservierung im Wirtshaus in Fattendorf. In der Nachbarschaft meiner ersten kleinen Pension zur Übernachtung. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Freundschaftsbier und guten Gesprächen klingt mein erster Tag glücklich aus. Was für ein netter Haufen. Ich werde noch zur Pension begleitet und alle guten Wünsche für meine Weiterfahrt nehm ich mit.

Tag 2 – Dienstag

Fattendorf – Moosbach 290 km

 

Nach einem traumlosen Tiefschlaf wache ich gegen Uhr auf und der erste Blick aus dem Fenster über dunstige Sommerwiesen mit blauem Himmel versprechen einen trockenen Start. Was für ein Geschenk.

 

So, wie gehe ich vor? Zuerst Frühstücken fällt schon mal aus. Erst ab Uhr werde ich geputzt und angezogen am hübsch gedeckten Tisch sitzen und meine Koffeinration in meinen Körper fließen lassen. Vorher packe ich meine sieben Sachen und verzurre alles auf meiner Villie. Ein guter Plan, der sich ab jetzt noch oft wiederholt. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

 

Und der Spaß beginnt- jetzt.

 

Erst wieder hinunter von der luftigen Höhe nach Passau und ein kurzer Fotostopp an der Donau, bevor ich nach Obernzell und Wegscheid an der österreichischen Grenze, weiter nach Neureichenau und Haidmühle an die Tschechische Grenze komme.

 

Was mich besonders freut, ist die Tatsache, dass mich mein Navi genau die Route führt, die ich zu Hause am PC geplant habe. Hat etwas gedauert bis ich begriffen habe, dass lediglich die Neuberechnung an der Einstellung auf AUS gestellt ist.

 

Trotzdem bin ich jetzt die Bestimmerin.

 

Also fahre ich einfach einen wunderschönen Weg auf eine Anhöhe in östliche Richtung um mal zu gucken, was hinter dem Hügel zu sehen ist. Aha, ein einsamer Bauernhof. Und der Weg ist auch zu Ende. Und matschig. Na toll. Hoffentlich sieht mich hier niemand. Um zu wenden eiere ich nämlich etwas dämlich im schlammigen Vorplatz des Bauernhofs herum. Äußerst ungern will ich umkippen und womöglich meine Villie nicht mehr selbstständig auf ihre Gummibeine stellen können.

 

Aber die Motorradgöttin ist mir gewogen. Ich bin gut wieder auf die richtige Straße gekommen. Der Ausblick von meinem kleinen Ausflug auf die Höhe ist aber so schön, dass alle Schmach vergessen ist.

 

Und weiter geht’s. Einsam und zufrieden. Kein Fahrzeug weit und breit, nur Sonne, blauer Himmel mit Villie und mir. Bin noch nie durch so viel Wald gefahren. Der bayrische Wald heißt nicht umsonst so. Ist schon recht einsam hier. Und dunkel. Nur dichtester Nadelwald mit viel Nichts drumherum.

 

Und wo nix ist, ist auch kein Wirtshaus. Gut, trinken hilft nur vorrübergehend. Ab morgen, nehme ich mir immer was zum Knabbern vom Frühstück mit. Ohne gute Vorbereitung muss ich eben hungern. Da hilft auch das Rehlein nichts, das mir fast in mein Geläuf läuft.

 

Und wie aus dem Nichts taucht hinter dem dichten Tann und einem der Millionen Hügel eine klitzekleine Tankstelle auf.

 

Sogar mit Kaffee und Wurstsemmel. Da soll mir noch mal jemand sagen, die Gebete werden nicht erhört. Es reicht, wenn ich mir das wünsche.

 

So sind sie, die Mopedgöttinen.

 

Natürlich tanke ich auch. Wer weiß, wann die nächste Gelegenheit kommt.

 

Der Wald wird lichter und freundlicher, die kleinen Ortschaften sehen im Gegensatz dazu etwas verschlafen aus. Ich hoffe, dass die Bewohner nicht mehr schlafen, sondern irgendwo anders arbeiten.

 

Das kleine Städtchen Tiefenbach in der Oberpfalz hätte eine hervorragende Gastwirtschaft gehabt. Den „Russenbräu“. Mit eigener Brauerei. Nicht jedoch für mich. Bier und Motorrad sind keine Freunde. Deswegen gibt’s nur ein Foto.

 

Hier wurde nicht nur der feinen Hopfenkaltschale gefrönt, nein, hier wurde auch geklöppelt. In Handarbeit gefertigte Klöppelspitzen. Das war hier ein florierender Heimarbeitszweig. Dazu gabs hier eine extra Schule. Die Klöppelschule, in der heute allerdings das Rathaus beherbergt ist.

 

Ohne Foto.

 

In Kürze erreiche ich mein heutiges Ziel. Moosbach, Gasthof, Hotel zum goldenen Kreuz. Auch mit Brauerei. Hab ich aber nicht deswegen ausgesucht. Ehrlich. Aber es nützt ja nichts… ein feines Ankommensbier schmeckt halt dann doch aus der hauseigenen Brauerei nochmal besser.

 

Ein Motorradfahrer aus NRW, frisch gestählt von einem Treffen mit seinen Zweiradgefährten, beschließt, dass wir unbedingt gemeinsam anstoßen sollten. Nun gut – ehe ich mich versehe, sitze ich bei gutem Essen und erstaunlich schnell nachgefüllten Gläsern in bester Gesellschaft.  Allerdings erzählt der junge Mann mehr von sich selbst als mir lieb ist. Seine Geschichten werden zunehmend… nun ja, umfangreich. Sehr umfangreich. So umfangreich, dass ich zwischenzeitlich,  plötzliche Müdigkeit vortäusche und mich höflich lächelnd in mein schönes Zimmer zurückziehe.

2. Einfach fahren

 

Tag 3 –

Moosbach – Bozni Dar, Tschechien-280 km

 

Wieder steht mir ein wolkenloser, sonniger Tag bevor. Ich frühstücke so früh es geht und das ausgiebig. Inklusive einer kleinen Mitnehmbrotzeit. Ich lerne schnell. Auch Villie aufsatteln geht am dritten Tag schon recht flott. Helm und Sitzfleisch zurechtgeruckelt und die Fahrt beginnt.

 

Sobald dieses wunderbare Motorgeräusch in meine Ohren dringt, gehen meine Mundwinkel wie von selbst in Ihre gewohnte Startposition. Moosbach liegt jetzt schon ein paar Kilometer hinter mir und der Genuss des Alleinseins erfüllt mich mit so schönen Gefühlen. Dieser frische Duft der noch feuchten Wiesen, der frische Duft nach Erde und Wald. Da muss ich anhalten und wiedermal nur schauen und mich freuen.

 

Gefühle kann ich mit dem Fotoapparat nicht festhalten. Deswegen gibt’s hier auch kein Foto. Glück kann ich nur fühlen, nicht fotografieren.

 

Allerdings ziehe ich mir die gelbe Gummihaut über. Es ist doch noch ganz schön frisch. Und warm fährt es sich geschmeidiger. Ich fahre parallel zur Autobahn nach Waidhaus, weiter auf kleinen Sträßchen durch Reinhartsrieth, Georgenberg nach Flossenbürg. An Altglashütte vorbei nach Bärnau. Es ist kurvig und fast wie tanzen auf zwei Rädern. Jeder Schwung in die eine Richtung leitet den nächsten in die Andere ein. Und da ich alleine auf der Straße bin kann ich mich auch so richtig dieser Kurvenlust hingeben. Schon schön, wenn es gelingt, sich über sich selbst zu freuen. Glück in Reinform, sozusagen.

 

In Bärnau gibt es ein Knopfmuseum. Finde ich interessant. Meine Mutter war ihr Leben lang Schneiderin und hat mir und meiner Schwester kistenweise alte Knöpfe hinterlassen. Damit könnten wir auch ein Museum betreiben.

 

Klar wäre es interressant, sich die Knopfgeschichte von Bärnau mal genauer anzusehen. Ich belasse es dabei, mir die Informationen aus dem Netz zu holen. Ich mache mir Notizen dazu und wünsche mir nochmal nach Bärnau zu kommen. Vielleicht um die Knöpfe unserer Mutter dort zu lassen?

 

Nachdenklich immer dicht an der tschechischen Grenze entlang nach Neualbenreuth zum Grenzlandturm.

 

Auch hier muss ich aus dem www-Fundus ein Foto benutzen. Mit dem Zweirad kann und darf ich nicht auf die kleine Anhöhe fahren. Außerdem ist es mittlerweile recht warm geworden und es ist mit den Motorradklamotten recht beschwerlich, den Fußweg zu nehmen.

 

Somit lasse ich den Hügel mit Turm ohne Besteigung rechts stehen und komme nach Waldsassen. Hier gibt’s ein echtes, eigenes Foto von der Stiftsbasilika.

 

Über Münchenreuth nach Schirnding, Hohenberg und Selb. Hinter Waldsassen überfahre ich die kleine Eger, die ihre Quelle im Fichtelgebirge hat und im Nordwesten von Tschechien, in Litomerice, in die Elbe fließt.

 

So eine romantische Gegend hier. So lieblich. Wie ein Bild aus Grimms Märchen. Dass ich hier ziemlich alleine rumfahre, habe ich ja schon erwähnt.

 

Aber nochmal- bin echt allein hier unterwegs. Könnte jetzt auch ein wildes Tier aus dem Busch auf mich hüpfen. Es würde lange dauern bis ich gefunden werde.

 

Das Dreiländereck (Trojmezí) ist ein historischer Grenzpunkt, an dem sich heute die Staatsgrenzen von Deutschland (Sachsen/Bayern), Polen und Tschechien treffen.

 

Da ist er, der Jakobsweg. Den könnte ich natürlich auch zu Fuß gehen. Wenigstens mal absteigen und einen kühlen Schluck Wasser trinken. In die Sonne blinzeln. Eine bessere Alternative wäre jetzt Kaffee. Ein leichter Drang nach Coffein macht sich bemerkbar.

 

(Irgendwo Kaffee zu trinken wird scheinbar zu meiner Möglichkeit mit Menschen in Kontakt zu treten. War mir bisher nicht bewusst.)

 

Nun nehme ich meinen eigenen Jakobsweg. Auf dem fährt sich das auch ziemlich besinnlich. Und ich kann über alles Mögliche während des Fahrens draufrumdenken, wunderbar ist das.

 

Schon bin ich in Selb.

 

Kaffee, ich will jetzt Kaffee und was Kleines zum Essen und wenn es nur ein Keks ist. Und weil`s jetzt schnell gehen muss, die Gier immer größer wird und ich nicht lange suchen will, fahre ich auf den Parkplatz eines großen Einkaufszentrums am Rande der Porzellanstadt.

 

Mit Villie bleibe ich direkt vor der Bäckerei stehen. Damit ich beim Einkauf mein Gepäck im Blick habe. Ich setze mich mit großem Kaffee und Mettbrötchen! an einen Tisch und plaudere etwas mit den Tischnachbarn. Das habe ich jetzt schon festgestellt- wenn ich niemanden anspreche und den Weg in eine zwanglose Konversation beginne, passiert da nicht viel. Frau, Motorrad, nicht mehr taufrisch ist gleich- suspekt! Vorsicht ist geboten. Deswegen gehe ich jetzt noch einen Schritt weiter, gebe Vorschussvertrauen und frage meine neuen Freunde, ob sie kurz auf mein Gepäck aufpassen können, damit ich angstfrei zum Pippimachen gehen kann. Ja, selbstverständlich, gehen sie nur junge Frau, (hach- tut das gut) wir achten darauf. Gesagt, getan, ich reize es aus und schlendere noch etwas bei Kaufhausdosenmusik durch den Konsum und lass mich berieseln. Kleine Schaukelpause vielleicht? Nein? Auf diesen Sitz passe auch ich, junge Frau, nicht drauf.

 

Dann doch wieder in die Freiheit. Noch Bedanken bei den netten „Selber-Einheimischen“ und gesättigt zum nächsten Ziel.

 

Eine tiefe Stimme hinter mir spricht mich tatsächlich an. Wollte gerade den Starter drücken. Eben bin ich noch so semibegeistert ob der Sprechbereitschaft meiner Mitmenschen und schon geht’s auch anders.

 

Tja, Triumphfahrer gibt’s auch in Selb.

 

Sein Name ist Charly und er fragt mich tatsächlich was ich hier mache. Und so verzögert sich mein Start etwas. Ich gebe ihm natürlich noch die Visitenkarte vom TMOC und betreibe etwas Werbung.

 

(Ein paar Wochen später sehe ich auf der TMOC-Website, dass er jetzt Mitglied im Verein ist. Da hat sich der Stopp in Selb doch wirklich gelohnt.)

 

Ich könnte jetzt auch abkürzen und über Asch in Tschechien direkt nach Bad Brambach fahren. Da schneide ich einen kleinen Zipfel Tschechien ab, der nach Deutschland reinspitzt. Aber meine nächste Übernachtung findet ja eh im Nachbarland, in Bozni Dar statt. Deshalb umfahre ich den Zipfel brav am Grenzverlauf.

 

Ein kurzes Stück durch das Elstergebirge und schon bin ich in Bad Elster. Eine Stadt im sächsischen Vogtlandkreis mit den ältesten Mineral- und Moorheilbädern Deutschlands.

 

In diesem ruhigen Städtchen habe ich leichte Hemmungen mit meinem Geknatter die Kur-heilige Ruhe zu stören. Wenigsten darf ich mit Villie durch die Kurzone fahren. Meine ganz persönliche Kurzone beginnt sowieso gleich nach dem Ortsausgangsschild.

 

Da beginnt ein schmaler, mit Betonplatten belegter Weg. Mit Sicherheit noch von sozialistischer Hand liebevoll aufgebracht. Mit dem Motorrad spürt man die Abstände und Plattenfugen nicht so stark wie mit einem Auto, wo es durch den Radabstand zu dem lästigen Geräusch Parumm, parumm, parumm kommt.

 

Am Horizont taucht auch schon ein Grenzturm auf und rundet das Gesamtbild ab. Jetzt wird der Turm von Amateurfunkern genutzt. Also das ist hier eine sehr schöne Gegend.

 

Durch die man fährt, aber nicht hinfährt. Schade eigentlich.

 

Von der Hochebene runter durch tief eingeschnittene, enge Schluchten. Mein Weg führt mich durch Bad Brambach, mit einem kurzen Halt an einer Bäckerei. Kaffee und Foto mit der Bäckereifach-verkäuferin. Sie fragt mir noch ein Loch in den Bauchund bewundert meinen Mut. Mein Alter ist auch noch von größtem Interresse. Wir sind gleich alt. Trotz unserer vordergründig sehr unterschiedlichen Hobbys ist das so eine herzerfrischende Begegnung. Ich liebe diese kleinen, freundlichen Schwätzchen. Ihre Aufforderung: „Kommen sie gesund und bald wieder“ drückt mir doch tatsächlich auf die Tränendrüse.

 

Manchmal brauche ich gar keinen Kaffee, sondern den Kontakt mit den Menschen vor Ort.

 

Heiter weiter fahre ich durchs Vogtland nach Markneukirchen, winke und grüße die Musikinstrumentenbauerstadt.

 

Bernd und Dani sind Freunde aus Antdorf in Bayern.

 

Vor vielen Jahren lebten sie als junge Familie in Markneukirchen, während Bernd im Kurorchester von Bad Elster Trompete spielte.

 

Die beiden sind auch Fahrer dieser schönen, englischen Motorradmarke.  Allein das, meine Sympathie für sie und die gemeinsame Liebe zum Fahren verbinden uns.

 

Vorbei an stillgelegten Eisenbahnbahnhöfen mit verrotteten Waggons, verrosteten Schienensträngen, alles überwuchert mit Gras, Sträuchern, Blumen. Zerfallene, kleine Backsteinhäuschen.

 

Da halte ich natürlich an.

 

Mein sehr dringender Impuls, durch die zerfallenen Türen zu gehen, zu schnuppern und einen inneren Film ablaufen zu lassen, lässt sich nicht unterbinden.

 

Ich stelle mir die Werktätigen aus lang vergangenen Zeiten vor, die Geräusche, das Quietschen der langsam rollenden Güterwaggons. Auf einem wackeligen Tischchen liegt tatsächlich noch zerknülltes Butterbrotpapier. Ich rieche daran. Leberwurst? Die Dramaturgie ist schon mal Eins A. Meine Fantasie geht mit mir durch.

 

Ein paar hundert Meter weiter ein ähnliche Bildmacht- verlassene, zweistöckige Wohnhäuser, eine Reihe Einzelgaragen, die sicher beim nächsten Sturm in sich zusammenfallen. Sicher haben da Grenzbeamte gewohnt. Tschechien ist ja nur auf der anderen Bachseite. Alles sieht nach Moder und Fäulnis aus. Ich fahre langsamst vorbei.

 

Das ist das Mindeste was ich tun kann um meine Neugier zu stillen. Ich würde da zu gerne noch bisserl rumschnüffeln. Aber- ich bin ja nicht zum Rumschnüffeln da.

 

Und es besteht jetzt ein gewisser Zeitdruck. Hab noch ein paar Kilometer vor mir. Die Entfernung zum Zielort ist zwar überschaubar, aber es geht durch enge Täler, es gibt Umleitungen, es geht rauf und runter und hin und her. Es gibt halt auch viel zu gucken hier, in der Fremde. Zum Beispiel in Zwota mit dem kleinen Teich, über den man sich mit einem Floß an einem überspannten Seil und einer Leine selber ans andere Ufer ziehen kann. Im Lokal zum Walfisch, ja so heißt das Wirtshaus, kurzer Fotostopp.

 

Jetzt aber auf Windesflügeln weiter, Frau Fuchs. Trödeln kann ich, wenn ich angekommen bin. Also zügig durch das schöne Erzgebirge. In den tief eingeschnittenen Schluchten die Orte Georgenthal, Gottesberg, Blechhammer, Johanngeorgenstadt, Rittersgrün, Rothenhammer. Geschichtsträchtige Stätten an denen ehemals Bergbau und Hammerschmieden betrieben wurden.

 

Durch finstere, ja, auch im Hochsommer recht kühle, Nadelwälder. Ganz schön einsam und rau hier. Nach Rothenhammer lichtet sich das dunkle Grün und ich komme auf die Hochebene bei Tellerhäuser. Die Grenzstation Bozi Dar habe ich gleich erreicht.

 

Der Ort Bozi Dar ist eine alte Bergbaustadt und jetzt ein bedeutendes Wintersportzentrum. Pension in Sicht und Freude im Herz. Schön, dass ich gut angekommen bin.

 

Auf der einladenden Gasthausterrasse wird gegessen und getrunken, daneben ein plätscherndes Bächlein, wie für mich gemacht. Zuerst allerdings werde ich einchecken.

 

Mein zugewiesenes Zimmerlein dagegen ist mehr ein “lein“, als ein Zimmer. Gut, das Bett ist in Ordnung, die hellblauen Synthetiklappen am Fenster haben auch schon bessere Zeiten gesehen und der Gelsenkirchener-Barock- Kleiderschrank nimmt den meisten Platz im Zimmer ein. Das begehbare Duschklo in Reihe ist auch noch erwähnenswert.

 

Tür auf, Fuß heben, Tritt nach vorne, das Bein 25 cm nach oben heben und schon stehst du in der Dusche. Rechts und links Wand, vor mir und hinter mir, Plastikvorhang. Gegenüberliegende Seite, Duschvorhang auf, Fuß runter, schon stehst Du vor dem Klo.

 

Da hat sich der Architekt aus Platzgründen was dabei gedacht. Geht gar nicht anders. Schlaues Kerlchen mit Hang zu praktischer Intelligenz.

 

Aber, ich sag mal, für 38 € kannst Du nicht meckern. Mit Frühstück.  Kleiner Abendrundgang durch den Ort, mit hundert weiteren Touristen und dreimal so vielen Kindern, die letzten Sonnenstrahlen auf der kleinen Bank vorm Kircherl, ein wohlverdientes Bier aus der örtlichen Brauerei, üppiges Abendessen, die morgige Tour ins Navi eintippen, Tagebuch schreiben und mit vollem Bauch ins kleine Bettchen. Passt.

Tag 4- 7.8.

Bozi Dar – Pirna, 170 km

 

Heute wird es eine entspannte Tour durchs Erzgebirge nach Pirna in die Sächsische Schweiz.
Ich freue mich darauf, meinen Sohn mit seiner Familie dort zu besuchen und am Samstag, dem 9.8., die Schuleingangsfeier meiner Enkelin mitzufeiern.

 

Aber der Reihe nach: In dieser Nacht lasse ich zum ersten Mal mein Campinggepäck in den beiden Seitentaschen an der Villie. Der Parkplatz der Pension ist ja mit einer rot-weißen Schnur abgesichert. Also kommt da auch nix weg. Logisch, oder?

 

Leichtes Herzklopfen beim morgendlichen Gang zum Moped war unnötig. Ist noch alles dran und drauf. Die Menschheit ist im Grunde ihres Herzens eine ehrliche Haut. An der Grenze ein letzter Blick zurück über die kahlen Höhen mit dem 1244 Meter hohen Klinovec. Und schon geht’s abwärts nach Oberwiesenthal.

 

Trotz der Abfahrtist sie die höchstgelegenste Stadt Deutschlands mit 915 m ü. NN.

 

Und anerkannter Luftkurort. Im Sommer Wandergebiet, im Winter Skigebiet.

 

In diesem hübschen Ort gibt es keine Straße, die nicht rauf bzw. runter geht. Mein Hang zum Hang wird hier befriedigt. Umfahrungsstraßen kann ja jeder.

 

Deswegen will ich mitten durch die hübsche Altstadt. Buckliges Kopfsteinpflaster, enge Gassen, herrlich.

 

Bis ich an eine Abbiegung komme, die steil nach unten führt. Straße gesperrt, Kopfsteinpflaster ausgerissen, Schotter und keine Fahrbahn erkennbar. Schade. Der Gehweg ist allerdings begeh- also auch befahrbar. Die Breite müsste passen für meine Villie mit den Seitentaschen. Also entschließe ich mich, die unerlaubte Variante zu nutzen.

 

Uii, ist echt steil hier. Umdrehen ist also nicht mehr möglich.

 

Zu eng.

 

Und was ich von oben nicht gesehen habe, weil es so steil ist:

ich steuere geradewegs auf eine Treppe zu. Schluss mit lustig.

 

Keine Ahnung, wie ich aus diesem Schlamassel wieder raus komme. Seitenständer raus und erst mal abstellen geht nicht, da zu steil. Sitzen bleiben, Bremsen ziehen und warten ob mir eine zündende Idee kommt erscheint mir gerade die einzige Möglichkeit. Menschen mit Motorraderfahrung könnten sicher Tipps geben. Ist aber keiner da.

 

Außer! Außer- da sehe ich doch zwei Bauarbeiter. Ha, Hilfe in Sicht. Zumindest in Rufweite.

 

Es nützt ja nichts, ich brauche Hilfe. Also rufe ich. Hallooo, hallooo…. einer dreht sich um, ich winke, mit dem linken Arm. Die rechte Hand zieht kräftig am Bremshebel. Beide Herren in orangen Bauarbeiterwesten kommen langsam auf mich zu. Meine Güte ist mir das unangenehm. Ich beschreibe meine Not und entschuldige mich für meine Dummheit, frage ob sie mir helfen können, das Motorrad vom Gehweg auf die ca. 30 cm tiefere Schotterpiste zu hieven.

 

Mit ziehen und schieben gelingt es uns das Motorrad wieder in Fahrtrichtung nach oben zu stellen. Die Beiden schwanken mit ihrer Mine zwischen genervt und belustigt. Ich bedanke mich nochmals und muss eher über mich lachen, als das ich es peinlich finde. Wahrscheinlich haben die Männer heute Abend was Schräges zu erzählen.

 

Und ich eine Erleuchtung mehr. Fahre NIEMALS in nicht einsehbares Gelände. Zumindest nicht allein.

 

Aus dem Negativen etwas Konstruktives zu machen, macht das Gehirn elastisch. Haken dran und weiter.

 

An der Grenze zu Tschechien fahre ich über Bärenstein und Jöhstadt nach Schmalzgrube. Der Miniort mit Freibad gleichen Namens liegt in einer Talsenke.

 

Mein erster Impuls: Pause machen und in der Schmalzgrube schwimmen. Ist sicher ein Erlebnis der besonderen Art. Da muss ich lachen. Die Vorstellung in Schmalz zu schwimmen lässt mein Kopfkino laufen.

 

Mein zweiter Impuls: nicht machen, zügig weiterfahren und meine liebe Enkelin und ihre Eltern begrüßen.

 

Die Orte Seiffen, Deutschgeorgenthal, Zinnwald, Liebenau, Schloß Kuckuckstein lasse ich, obwohl wunderschön, unbesichtigt und komme gegen 16 Uhr in Pirna an.

 

Die nächsten Tage verbringe ich mit meinen Lieben in Pirna und Gohrisch. Wir feiern Idas Schuleingang und freuen uns, dass wir uns haben.

3. Mein eigener Rhythmus

 

Tag 5- 11.8. 

Pirna – Eisenhüttenstadt, 270 km

 

Die schönen Tage bei meinen Kindern vergehen viel zu schnell.

 

Und auch wenn ich mich auf meine Weiterfahrt freue und das Alleinsein genießen kann, fällt der Abschied von meinen Schätzchen schwer.

 

Jetzt verändert sich auch mein Bewusstsein. Bisher habe ich mich in relativ vertrautem Terrain bewegt. Ich hatte in Pirna ein Zwischenziel. Ab jetzt werde ich in Gegenden kommen, die mir noch unbekannt sind und die Entfernung zum Heimatort München wird immer größer. So geplant, so bekommen.

 

Meine Route bringt mich zuerst an der Elbe entlang östlich nach Bad Schandau. Durch das Elbsandsteingebirge zu fahren ist ein wahrer Genuss.

 

Über Sebnitz, Langburkersdorf, Steinigtwolmsdorf, Oppach, Seifhennersdorf, Olbersdorf nach Zittau. Lustige Ortsnamen sind das. Anfangs noch das Elbsandsteingebirge mit seinen schroffen Felsformationen und tief eingeschnittene, dunkle Schluchten, die Sandsteinblöcke sind teilweise mit schwefelgelben Schichten belegt, alles ist feucht, ganze Farnwälder und großflächige, moosbedeckte Böden muten märchenhaft an. Da könnten sich jetzt auch Wichtel und Elfen zeigen, es würde mich nicht wundern.

 

Es wird wieder heller und lichter, ich lasse das Sandsteingebirge hinter mir und komme ins Zittauer Gebirge, im äußersten Südosten Sachsens. Die Stadt Zittau gehört schon zum Landkreis Görlitz. Der Hauptkamm des Zittauer Gebirges bildet einen Teil der Wasserscheide zwischen Ost- und Nordsee. 

 

Die kleinen Ortschaften, durch die ich fahre, sind niedlich, mit ihren Umgebindehäusern, die nur Menschen mit kleinem Körpermaß beherbergen können. Also, ich würde da gut reinpassen. Umgebinde heißen sie deshalb, da das Obergeschoss des Hauses samt Dach auf einem hölzernen Stützgerüst aus Holzständern ruht (den Umgebindejochen) Diese zeigen sich im Außenbau als typische Rundbögen. Das Erdgeschoss steckt somit eigenständig darin bzw. darunter. In diesen Häusern haben früher die Weber gewohnt und den Webstuhl auf ein separates Fundament gestellt, damit die übrigen Bewohner nicht so sehr unter den andauernden Erschütterungen litten. Die innere Hauskiste steht ja in keiner baulichen Verbindung zum Obergeschoss.

 

Nach Zittau komme ich an die Lausitzer Neiße, an der polnischen Grenze. Für mich kommt jetzt ein noch spannenderer Teil meiner Grenzerfahrung. Im Elbsandsteingebirge war ich ja vorher schon mal.

 

Aber jetzt, so dicht an Polen, die Landschaft verändert sich komplett, sandige Böden mit Kiefern, der Blick wird wieder weiter, alles um mich herum wird heller, die kleinen Orte liegen weiter auseinander, wird’s für meine Augen und mein Gefühl einfach fremder. Schön ist das. Hätte nicht gedacht, dass ich Alleinsein in unbekannten Regionen so entspannend und gleichzeitig so spannend finde.

 

Es ist ja ein bisschen albern, ich befinde mich in Deutschland. Es ist mein Heimatland, ich spreche die gleiche Sprache, wie die Menschen die hier leben. Und trotzdem hat es für mich etwas Abenteuerliches. So weit östlich war ich in Deutschland noch nie alleine. Mal 2 Tage in Görlitz, aber eben nicht alleine.

 

Dahin fahre ich auch jetzt, um kurz auf die Brücke zu gehen, die direkt auf die polnische Seite führt. Görlitz ist eine sehr schöne Stadt, mit aufwendig restaurierten, historischen Gebäuden und viel Geschichte drumrum.

 

Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Altstadtcafé zieht es mich aber recht schnell wieder auf die Straße. Raus aus der Stadt, Richtung Norden. Mittlerweile ist es auch recht warm geworden und ich genieße den etwas kühleren Fahrtwind. Die warme Motorradhose und Jacke habe ich gegen die dünnere Variante ausgetauscht. Hier fahre ich auch wieder ziemlich alleine durch einsame Orte, mit Bushaltestellen, die auch schon mal lebendigere Zeiten, geschweige denn Omnibusse gesehen haben. Hier wartet niemand mehr.

 

Hin und wieder mal eine Grenzstation mit Grenzbeamten auf Plastikstühlen, die auf Grenzgänger warten. Ich könnte ja mal kurz für Arbeit sorgen, Villie stehen lassen und polnische Luft schnuppern.

 

Da reizt mich aber Bad Muskau mit seinem Fürst Pückler Park mehr. Denn dort gibt’s sicher das gleichnamige Eis. Nix wie hin. Es ist sehr heiß geworden, als ich am Parkplatz des Parks ankomme. Und nicht nur das. Auch die Touristen, die eine ähnliche Idee wie ich haben, sind da. Und zwar ALLE. Und ALLE sind mir entschieden zu viel. Ich hole mir schwitzend in der langen Warteschlange, die am Tresen ansteht, ein Fürst Pückler Eis. Hmmm, Schokolade, Erdbeer und Vanille. So muss das sein.

 

Es versöhnt mich einen ganz kurzen, winzig kleinen Moment. Denn nach kurzem Geschmackstest muss ich leider feststellen: Durchgefallen. In einer  Skala von 1-10 würde ich 0,5 geben. Und 0,5 Punkte nur deshalb weil es kalt ist. Um es etwas zu übertreiben und dadurch vorstellbar zu machen: Es schmeckt nach gegorenem Fußschweiß.

 

Wie haben die das nur hingekriegt? Ich hab auf der Schuleingangsfeier von Ida so ein kleines, rundes, gelbes Spaß-Bonbon-Ding probiert. Sieht harmlos aus, ist es aber nicht.

 

Yellie-Beans.

 

Gibt´s in allen schrägen Geschmacksrichtungen, wie alter Wundverband, stinkende Socken, Harzer Käse, alter Fisch, Hundefutter, faule Eier etc. Kann man versuchen, muss man aber nicht. Schmeckt Kindern, die sich gerne mal ekeln wollen und sich dabei scheckig lachen und kleinen Enkelinnen, die die Oma, also mich, an der Nase herumführen wollen.

 

War ja auch sehr lustig.

 

Aber das FüPüEis ist weder lustig, noch genießbar. Ich muss es leider im fürstlichen Park-Mülleimer entsorgen. Um schnell wieder Wind und frische Luft um mein Näschen zu bekommen.

 

Vom Pückler-Park weg durch Bad Muskau, was sehr hübsch anzusehen ist, zu dem Winzlingsort Eichwege, scharf rechts abbiegen und auf die ebenso zwergenhafte Straße nach Zelz.

 

Da bin ich wieder direkt an der Grenze und weit weg von der sogenannten Zivilisation. Klein-Bademeusel und das nicht gerade viel größere Groß-Bademeusel veranlassen mich, bei Wikipedia nachzuschauen, woher dieser lustige Name herkommt. Ich zitiere:

 

Klein Bademeusel wurde im Jahr 1495 als Kleynen Bademüßel erstmals urkundlich erwähnt. Der Ortsname leitet sich vom sorbischen Personennamen Badomysel ab, der wiederum mit „an Gott Denkender“ übersetzt werden kann.

 

Oh, Gott! Hat also nichts mit Bademäuschen zu tun, wie ich irrtümlich vermutete.

 

Aber immerhin hatte Klein-Bademeusel, im Jahre 2021, 76 Einwohner. Davon habe ich heute aber 0 gesehen. Auch Groß-Bademeusel glänzt nicht gerade mit Bevölkerungsdichte. Dafür ist die Landschaft schön.

 

Die nächst größere Stadt ist Forst. Hier muss ich auf die B112, auf der ich recht zügig über Guben nach Eisenhüttenstadt zu meiner nächsten Schlafstelle komme.

 

Im LAT Hotel. Plattenbau aus vergangener Zeit, ein schönes Beispiel sozialistischer Architektur in Betonbauweise. Im Hintergrund die Eisenhütte. Mein Zimmer ist im 6. Stock und nach hinten raus. Wahrscheinlich ist es da ruhiger, denke ich so.

 

Allerdings ist nicht viel los hier und es ist wirklich sehr ruhig. Eisenhüttenstadt ist eine Stadt mit einer ganz besonderen Geschichte – sie ist nämlich die erste planmäßig errichtete sozialistische Stadt Deutschlands. Eine Stadt aus dem Reißbrett.

 

Gegründet  1950 unter dem Namen Stalinstadt, benannt nach Josef Stalin. Ziel war es, eine moderne Wohnstadt für die Arbeiter des neu entstehenden Eisenhüttenkombinats zu schaffen.

 

Erst 1961, im Zuge der Entstalinisierung nach dem Tod von Josef Stalin, erhielt sie ihren heutigen Namen.

 

Eisenhüttenstadt gilt heute als einzigartiges Denkmal der DDR-Stadtplanung. Die Wohnkomplexe sind großzügig angelegt, mit viel Grün, breiten Straßen und klaren Achsen. Besonders typisch ist der sogenannte sozialistische Klassizismus – eine Architektur mit symmetrischen Fassaden, Schmuckelementen und viel Wert auf Repräsentation.

 

Ich gehe ich noch etwas spazieren. Wenn ich heute durch Eisenhüttenstadt gehe, fällt mir sofort dieser Unterschied zu früher auf. Die Straßen sind breit, fast schon zu breit für das wenige an Verkehr, was heute unterwegs ist. Ich kann mir gut vorstellen, wie belebt das hier einmal gewesen sein muss.

 

Viele Häuser sind saniert, sehen ordentlich und gepflegt aus. Andere sind verschwunden. An ihrer Stelle liegen jetzt Wiesen oder kleine Grünflächen. Das wirkt ruhig, fast ein wenig leer, nicht wirklich unangenehm. Aber irgendwie unwirklich. Hier könnte auch ein Science-Fiction Film gedreht werden. Mit einer komplett, in Windeseile, verlassenen Stadt gedreht werden.

 

Es ist insgesamt stiller geworden. Wenn ich so durch die Anlagen gehe, denke ich daran, wie hier früher das Leben getobt haben muss – Menschen auf dem Weg zur Schicht, Kinder, die draußen spielen, der Alltag rund um das Werk.

 

Und trotzdem ist die Stadt nicht aufgegeben. Man sieht, dass hier noch Leben ist. Auf den Balkonen stehen Blumen, in den Höfen wird sich gekümmert. Es ist alles etwas ruhiger geworden, vielleicht auch langsamer – aber auf eine eigene Weise passt es so.

 

Die einzige geöffnete Lokalität die ich hier ausmachen kann, ist im Hotel-Plattenbau und wird von einer griechischen Familie betrieben. Das ist prima, denn ich habe Hunger. Das Lokal wirbt noch mit einem Biergarten. Leider öffnet es erst um 18 Uhr.

 

Es ist schön warm und noch scheint die Sonne und da freue ich mich auf ein schattiges Plätzchen unter, idealer Weise, Kastanienbäumen im griechischen Biergarten. Also begebe ich mich durch den Gastraum nach draußen.

 

Ich liebe Überraschungen.

 

Denn der „Biergarten“ ist alles andere als ein B i e r g a r t e n.

 

Das überraschende an meiner Fantasie ist die Überraschung. Die des öfteren komplett in gegenteilige Fakten driftet. Zitat aus einem schlauen Buch:

Der bewegliche Geist kann aus wirklich jedem Erlebnis eine individuelle Sinnhaftigkeit filtern.

 

Meine Sinnhaftigkeit besteht hier darin, dass mir der hübsche, junge, griechische Kellner, gewinnend lächelnd, zu meinem bestellten Bier einen Ouzo spendiert.

 

Wie durch Zauberhand ist es plötzlich doch ein wirklich schöner Biergarten. Und das Essen ist auch gut.

 

Meine Vorfreude auf den morgigen Tag wird durch ein zweites Bier (mit Ouzo aufs Haus) noch gesteigert.

 

Morgens um Uhr holt mich Sebastian B. ab. Da sollte ich fit sein.

 

Das jährliche Zusammentreffen mit dem TMOC, dem Motorradclub, in Hilders, war für mich eine Art Erweckung in Sachen Motorrad und Hilfsbereitschaft. Da sind Freundschaften entstanden auf die ich während der Reise ganz und wie selbstverständlich bauen kann. Ich hab das nicht verlangt, nein nein. Die Angebote zu einem Treffen oder einer Begleitung kamen auf mich zu, nachdem ich von meinem Vorhaben erzählt habe.

 

Sebastian lebt in Berlin, fährt das gleiche Triumph Modell wie ich und ist ein lustiger, entspannter, genießerischer Zeitgenosse. Er hat mir geschrieben und mir angeboten mich ein Stück meiner Route zu begleiten und mir seine Haus- und Lieblingsstrecke in Polen zu zeigen. Da sag ich doch nicht nein.

 

Also, nicht verschlafen und ab ins Bett.

Das war es erstmal für diesen Monat. Nächsten Monat erzähle ich euch hier, wie es weiter geht. 

 

Freue mich auf eure Kommentare.

 

Eure Barbara




3 Oberbayern in Rumänien

Eine Reise – 14 Tage – 4400 km

Als ich knapp 2 Jahre vorher diese Idee, bei einem unserer Motorradstammtische, einfach mal so, das Land Rumänien als mein Wunschreiseziel in den Raum geworfen habe, war von Achim die sofortige Reaktion darauf: „Oh, ja, mal die Komfortzone verlassen, wäre schon mal angebracht“. Damit hatte ich nicht zwingend gerechnet, ehrlich gesagt. Ich dachte immer, dass nur ich so spontan bin mit solchen Ideen.

Und schon war auch Matthias mit von der Partie. Beim nächsten Stammtisch mit unseren Freunden hat Achim die große Rumänienlandkarte für einen ersten Überblick mitgebracht. Matthias, Achim und ich trafen uns ein halbes Jahr später um die Route festzulegen. Und so wurde vereinbart das wir im Juni und Juli 2024 für zwei Wochen unsere Reise ins östliche Europa starten.

 

Schon Wochen vorher habe ich mein Gepäck zusammengestellt, in Vakuumbeutel, groß, klein, Unterhosen hier hinein und wieder raus, doch in die große Tüte oder lieber doch in die Kleine? Vielleicht eher den Klamottenbeutel für je eine Woche packen? Brauch ich einen dünnen Stoffschlafsack für eventuell schmuddelige Betten, wenn nicht rechtzeitig eine ordentliche Unterkunft hergeht? Ein schnell trocknendes Handtuch? Fragen über Hauptsache sind die fürs Moped nötigen Sicherungen. Ersatzlampen. Einen schon mal durch einen Mini Umfaller abgebrochenen, dann mit Gaffatape umwickelten Bremshebel als Ersatz. Kabelbinder. Zwei Meter Bindedraht für alle Fälle und Eventualitäten. Verbandszeug. Alles für die Sicherheit und für mein geliebtes Motorradl. Mein Zweirad, meine StreetTwin, auf der ich mit meinen zwei Freunden die große Fahrt durch Rumänien vorhabe. Was für ein Abenteuer.

Eine Woche vor unserer Abreise habe ich also mein Gepäck ordentlich probegepackt und mal aufgesattelt. Es sind nicht die zwei Wochen Reisezeit die mir positiv aufgeladenes Herzklopfen verursachen, es ist die pure Freude auf Entfernung und Fremde.

Und so starte ich am um 8 Uhr zu unserem Treffpunkt. Auch meine Freunde sind voller Vorfreude und nach dem Volltanken in Dorfen geht`s über Linz, die Autobahn bis Wien, weiter zur Ungarischen Grenze, zu unserem ersten Wegziel nach 530 km, der Barock-Stadt Györ. Unsere vorgebuchte Unterkunft haben wir extra nah am Altstadtzentrum ausgesucht, um noch zu Fuß eine kleine Erkundungstour zu gehen. Was wir nach unserem ersten Willkommenstrunk im Hotel Kalvaria auch in die Tat umsetzen. Unser kleiner Spaziergang führt uns zu einer Insel im Fluß. Györ trägt auch den Beinamen „Stadt des Wassers“, bzw. der Flüsse. Hier fließt die Raab in die kleine Donau, einem rechtsseitigen Seitenarm der Donau. Ein Inselfest empfängt uns mit Langosch und ein paar fixen Bierchen einer Hausbrauerei. Wir sitzen gemütlich bei netten Ungarn am Biertisch und kommen auch gleich in eine nette Plauderei. Bißchen Englisch, bißchen Deutsch, bißchen Hand und Fuß Konversation. Unser erster Eindruck ist ja schonmal recht positiv. Und so richtig fremd ist es ja noch gar nicht.

  nach Temesuara, erste Station in Rumänien

 

Nach einer erholsamen und traumlosen Nacht und gutem Frühstück, packen wir unsere Taschen und Koffer und Matthias navigiert uns sicher zur Autobahn. Diese Auf-und Abpackerei funktioniert für mich noch nicht so schwuppdiwupp, sollte sich aber mit der

Zeit locker einspielen. Die Seitentaschen nehme ich zukünftig gar nicht mehr mit ins

Zimmer. Sollte jemand meine Kabelbinder und Bindedrähte etc. aus den Taschen gut gebrauchen köön, gern geschehn. Diese Fahrt bereitet uns schon mal auf die noch bevorstehende Hitze in Rumänien vor. Zudem ist es sehr windig. Dabei mache ich die erfrischende Bekanntschaft mit dem Gott der Verdunstungskälte. Alle Belüftungsschlitze öffnen, Wind kann so schön sein. Bei einem kurzen Stopp um etwas zu trinken ist mir die erste (und die letzte) Unachtsamkeit passiert. Ich habe vergessen die Seitentasche wieder zu schließen und nach ein paar hundert Metern Weiterfahrt ist meine Regenhose und ein Regenhandschuh meinem hinteren Sandwichmann Matthias um die Ohren geflogen. Gut, dass nichts passiert ist und ich noch eine Ersatzhose habe.

 

An der rumänischen Grenze angekommen gilt es, warten und warten und warten, etwas was wir gar nicht mehr von den europäischen Grenzen kennen. Ausweise gleich mehrmals zeigen. Der erste Eindruck schlechter Straßen weist uns auch gleich auf bevorstehende und, für mich, ungewohnte Fahrtechniken hin. Nach 430 km kommen wir bei großer Hitze in der barocken Stadt Timisoara und in der Pension an, auch hier wieder

nah am Zentrum. Kleines Bier, Motorradklamotten aus, duschen, Ausgehkleidung an. Diese Reihenfolge wiederhole ich jetzt nicht mehr, die ziehen wir kontinuierlich und mit Begeisterung durch. Auch hier wieder eine sehr lebendige und junge Stadt mit barocken Gebäuden und der beeindruckenden Cathedrala Mitropolitanà. Mit einer hervorragenden Restaurantempfehlung aus Matthias Freundeskreis finden wir das Lokal Vinto. Die Küche, das Personal und das Ambiente lassen keine Wünsche offen und überraschen uns aufs Angenehmste. Ebenso der sehr günstige Preis. Das bringt uns auf die Idee, statt jedes Mal auszurechnen, wer, wann, was bezahlt, zahlt jeder von uns Unterkunft und Verpflegung komplett und das im täglichen Wechsel. Diese Entscheidung zeigt wie tiefenentspannt unser Umgang miteinander ist. Jeder achtet auf den Anderen, kann etwas was der, die andere nicht kann und so ergänzen wir uns. Ich erfahre da sehr viel Erleichterung, da ich mit meinem Navigieren im Nirwana landen würde und nicht wie vorgesehen z. B. in der Walachei. Achim ist der gewissenhafte, ruhende Pol und Navigationsmanager in unserer Dreisamkeit.

– Baile Herculane

Die heutige Tour führt uns 230 km zuerst einmal auf den Gipfel Semenic, 1450 m, im Südwesten Rumäniens, Teil des Banater Gebirges und der westrumänischen Karpaten. Da werden wir von Straßen empfangen, die das Wort Straße nicht verdienen, eher Lochplatte und Schotterweg. Also, ich hab mich über die Lochplatten gefreut, weil, wenn ich mich nicht freue, sind die ja trotzdem da…. und lernen tu ich auch viel. Da ist jedes Fahrsicherheitstraining ein Kinderspielplatz.

Die Belohnung kommt abwärts. Der Straßenbelag gut, die Kurven fantastisch, die Landschaft sanft hügelig, üppig und frisch grün, die ersten Esel- und Pferdekarren die in mir eine märchenhafte Erinnerung hervorrufen in einer Umgebung zu sein, wie wir sie vielleicht noch aus (zumindest meiner) der Kindheit kennen. Unser kleiner Zwischenstopp wird den beiden Eisenbahnfans geschuldet. In Resita gibt es ein Freilichtmuseum, mit alten Dampfloks.

Die wunderschöne Strecke durch den Banat bringt uns zu unserem nächsten Ziel. Baile Herculaneum, Herkulesbad, ein ehemals mondänes Kurbad, gesegnet mit Heilquellen, in dem schon Sissi gekurt hat und ihren Astralleib ins Schwefel-, Natriumchlorid-, oder Brom -bad getaucht hat. Allerdings haben die vielen Jahre, vor Allem die unter Ceausescu, sehr an der Substanz genagt, wobei aber von der ehemaligen Schönheit des Kurbades noch Einiges zu sehen und zu erahnen ist.

 

Allerdings ist unsere Unterkunft alles andere als mondän. Ist wohl ein aufgebrezelter, ehemaliger Sowjetbunker. Bier schmeckt trotzdem frisch. Essen allerdings konträr zum Gestrigen. Aber der Hunger druckts nei. Und lustig ist es mit uns eigentlich immer. Ein kleiner Lehrpfad für mich in Männerwitz und -humor. Mit- und darüber lachen klappt hervorragend.

– Transalpina, 2150 m, 330 km

 

Heute gibt’s ein Sahnestückchen zum Fahren.

 

Aber zuvor wollen wir zum Donaudurchbruch, bzw. zum Eisernen Tor zwischen den südlichen Karpaten und dem Banater Gebirge. Und wir verfahren uns, oder besser gesagt, wir verpassen einen Abzweig und fahren an der sehr breiten Donau, mit unendlich viel Verkehr und LKWs ca. 40 km. Alles wieder auf Anfang, zurück und in die Straße zum Kloster Mraconia einbiegen. Da wir ja noch eine große Strecke zu bewältigen haben, gibt es nur ein paar Pflichtfotos. Die Rückfahrt führt uns erstmal wieder zurück durch Herculaneum. Weiter in nordöstlicher Richtung und an der bulgarischen Grenze entlang durch ein wunderschönes, grünes Tal mit grottenschlechter Straße und vielen Baustellen, ja, es wird etwas getan für den aufkommenden Tourismus. Die Strecke zur Transalpina, die die transsylvanischen Alpen überquert und zum Urdele-Paß hinauf, ist für mich ein großes Erlebnis. Die Straße gut, die weiten Kurven, der Blick in die Weite und in alle Richtungen, sehr wenig Verkehr, die Luft, die Temperatur, die mit jedem Höhenmeter kühler wird, alles auf das Angenehmste bereitgestellt. Für uns. Was für ein Geschenk!

 

Oben angekommen kann ich mir ein paar Jubelrufe nicht verkneifen. Meine Glückshormone schlagen Purzelbäume und der Verkäufer am Souvenirstand denkt wahrscheinlich, dass mich der wilde Watz gerade beißt. Matthias und Achim können auch ihr breites Grinsen über die grandiose Fahrt nicht unterdrücken. Eine Mischung aus Stolz, Respekt, Ehrfurcht und Dankbarkeit legt sich auf mein Gemüt.

In Matthias, der unsere kleine Gruppe anführt, finden Achim und ich einen guten Lehrmeister. Anfangs noch die Geschwindigkeitsbegrenzungen, Überholverbote und andere „Verhinderungen“ brav eingehalten, werden wir langsam aber sicher zu zügigen Fahrern mit viel Spielraum im Interpretieren der Ge- und Verbote. Dazu muss ich sagen, dass die rumänischen Autofahrer sehr zuvorkommend sind. Mit ganz wenigen Ausnahmen fahren sie an den rechten Straßenrand um uns Motorradfahrer locker vorbeiziehen zu lassen. Da passt dann auch noch ein entgegenkommendes Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn vorbei. Oh, ja, wir lernen viel…

Auf der Abfahrt vom Pass kommen wir doch tatsächlich noch in dichte Bewölkung mit leichtem Nieselregen und erfrischende Temperaturen begleiten uns zur Unterkunft in Jiet, bei Petrosani.

Ein beachtlich großes Blockhaus mit großer Terrasse und sehr schönen Zimmern kommt uns jetzt sehr gelegen. Es war ein anstrengender und erlebnisreicher Tag. Gutes Essen, freundliche Menschen, die gute Hopfenkaltschale und ein Billardtisch lässt uns wieder wach werden. Es wird noch ein langer Abend mit den bunten Kugeln und uns dreien. Ach, ja, Unterkunft für den nächsten Tag müssen wir ja auch noch suchen, für den nächsten Tag in Sibiu/ Hermannstadt. Und diese Suche ist noch recht zäh und dauert….

Erst gegen 24 Uhr fallen wir müde ins Bett.

 

– 163 km, Hermannstadt, Sibiu

Eine gemütliche Tour, mit einer Straße die aber auch wieder sehr reparaturbedürftige Beläge hat. Zudem und zu unserer Freude Schafherden, Esel, die völlig unerschrocken am Straßenrand stehen und Hunde die mitten auf der Straße ihr Mittagsschläfchen halten.

Die Schäfer sind nicht sehr amüsiert von uns Motorradlern. Wir grüßen schön und sind geduldig, warten bis sich die Herde etwas lockert und tuckern langsam hindurch. Der Wald ist hier so dicht und dunkel, dass ich gar nicht glauben kann, dass hier ein so massiver Kahlschlag der Wälder betrieben wird. Und doch ist es so. Schon um 15 Uhr erreichen wir Sibiu, Hermannstadt, in Siebenbürgen, der geographischen Mitte Rumäniens. Unser kleines Hotel befindet sich wieder mitten in der Altstadt. Die Motorräder konnten wir bis jetzt immer in sicheren Hinterhöfen oder auf Hotel und Pension eigenen Parkplätzen abstellen. So auch hier. Nach unseren Ankommensritualen folgt der Spaziergang auf einen Gemüse- und Obstmarkt. Bunt, laut und heiß ist es hier und hungrig sind wir auch. Damit ist alles gesagt, die Laune ist also klar beschrieben. An den vielen Imbissständen fällt die Wahl schnell auf das traditionellste Essensangebot. Micì, das ist Cevapcici auf rumänisch. Sehr fett, gut gewürzt und gut gegrillt, mit Pommes. Gesund und ausgewogen essen können wir zu nach der kalorienreichen Kost sieht die Welt doch wieder richtig schön aus. Das Bunt ist jetzt noch bunter und laut ist ein wunderschönes Stimmengewirr von gut gelaunten Marktschreiern.  Aber, die Pflicht ruft uns zurück. Müßiggang ist nicht angesagt. Unsere Motorräder wollen gut behandelt werden und schreien nach Kettenfett. Achim und ich finden einen Motorradladen, Internet macht´s möglich, dort kaufen wir die nötige Kettenschmierung.

Leider geht es Matthias heute nicht so gut. War das letzte Bier schlecht?  Nein, keineswegs, im Gegenteil, zu wenig Flüssigkeit in Form von Wasser und zu viel Sonne. . Matthias muss heute im Zimmer bleiben. Und er hat sich so auf Hermannstadt gefreut.

Eigentlich musst du jede Stunde einen Liter Wasser in dich reinschütten, was dazu führt das du auch gleich wieder das nicht verschwitzte Wasser in den Graben abgeben kannst. Der Lauf der Natur…

Achim und ich schlendern gemächlich durch die sehr schöne Altstadt, mit Überresten von mittelalterlichen Mauern und Türmen, ein Stadtfest mit vielen Menschen, Musik und Darbietungen sorgen für Unterhaltung. Eine Schauspielgruppe führt ein stummes, sehr trauriges und beklemmendes Stück auf, bei dem ich nur interpretieren kann, dass es sich um die Verbrechen an rumänischen Kindern während der Ceausescu- Zeit handeln könnte. Eine menschenverachtende Familienpolitik, die behinderte Kinder unsichtbar machte, indem sie sie einfach wegsperrten. Und nicht alle Kinder in diesen Heimen waren behindert.

Zur Erheiterung sorgt an einer anderen Stelle des großen Festes eine Kapelle mit traditionellen, rumänischen Musikinstrumenten. Geigen, Kontrabass, Zymbal, Akkordeon und Flöten mischen sich zu einer schnellen, rhythmischen, etwas schräg klingenden, freien Melodie, die einfach nur gute Laune verbreitet. Allerdings ist Achim nicht nach tanzen und ich will mir jetzt auch nicht einen netten Rumänen zum Abzappeln schnappen. Zurück in der Pension gibt’s noch einen Abendtrunk mit, dem wieder genesenen, Matthias und wir sind mal etwas früher in die Federn geschlüpft.

 

-169 km

Die Kirchenburgen und Klöster-Tour von Sibiu über die Salzseen bei Ocna Sibiului, Medias, Agnita, ist gemütlich, mit vielen Stopps und Möglichkeiten zum Fotografieren. Kamera raus, Kamera rein hält eben auf und so knipsen wir halt doch meistens mit dem Handy. Die Kirchenburgen, Slimnic, auf deutsch Stolzenberg, ist nur noch eine Ruine. Aber die in schön. Dann die geschichtsträchtigen Juwele- Seica mare/ Marktschelken. Axente Server/ Frauenburg, ein Museum, alles tippi toppi restauriert. Valea Villor/ Wurmloch, der nette Kurator mit Namen Hermann, hat viele Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet. Um so mit seinen Ersparnissen sein altes Elternhaus wieder zurückzukaufen. Und zu guter Letzt Kloster Biertan, in der Anlage gibt es sogar ein Ehegefängnis. Dort haben sie die Streithähne so lange auf engstem Raum eingesperrt, bis sie sich wieder einig waren. Schmales Bett, oh ja-die mussten wieder kuscheln, kleiner Tisch, zum eng beieinandersitzen.  Und alle stehen unter dem Schutz des UNESCO-Weltkulturerbes, also die Kirchenburgen, nicht die Ehepaare. Überhaupt…- Kirche und Burg, bißchen paradox. Hier fanden die Dorfbewohner Unterschlupf, wenn feindliche Truppen, meist Türken um ihr osmanisches Reich zu vergrößern, einmarschierten.

Also, weiter geht die Fahrt. Schon an den riesigen Plakaten am Straßenrand vorher, hat sich das Einkaufszentrum angekündigt, Lidl, Drogeriemärkte, Schuhläden. Das fußballfeldgroße Gelände bietet alles, was Du in den kleinen schnuckeligen Dörfern nicht mehr bekommst. Also wie bei uns. Die Jungen wandern ab, die Alten retten, was zu retten ist und betreuen die alten Gemäuer. Unsere kurze Begegnung an einer Imbissbude, mit einer Gabor, einer Romafamilie in Tracht, ist ein sehr schönes Bild. Allerdings hab ich mich nicht getraut sie einfach zu fotografieren. Ich habe einfach mit einer Andeutung und dem Handy in der Hand gezeigt, dass ich gerne ein Foto von ihnen und mit mir, machen würde. Die Frauen sind dabei sehr freundlich. Aber ihre Nachfrage bei den Männern, die nur so semilocker sind, hat eindeutig gezeigt, dass mein Fotowunsch nicht erfüllt werden kann. Vielleicht könnte ich da auch mit meiner EC-Karte einen Obolus entrichten? Ok, nein? Dann eben nur ein Foto aus der Hü den sehr bunten Röcken, den farbigen Blusen, geblümten Kopftücher, die sonnengebräunten Gesichter, mit pechschwarzen Haaren, dem Schmuck, den Männern in schwarzen Hosen, weißen Hemden und den klassischen, breitkrempigen Hüten hätte das schon ein schönes Bild gegeben. Sie waren sehr nett und haben mir zu verstehen gegeben, dass sie die traditionelle Tracht tragen.

Und wie wir später noch sehen können, sehen Zigeuner hier ganz anders aus, also sind in keiner Weise mit Sinti und Roma gleichzusetzen. Die einen haben Geld, die anderen nix. Also, im Sinne von gar nix.

In der Zwischenzeit hat Matthias unser Mittagessen am Stand geholt. Micí mit Pommes und frittierte Hühnchenteile mit Pommes, also wieder sehr gesund. Übrigens können wir auf unserer Reise an jeder kleinen Frittenbude mit der EC- Karte bezahlen.

 

Diese Landschaft mit ihren sanften Hügeln, den hoch stehenden Wiesen soweit das Auge reicht, Weinanbauterrassen, die nicht mehr bewirtschaftet werden, diese gut befahrbaren Straßen mit genussvollen Kurven, die rhythmischen Bewegungen links herum, rechts herum und wieder von vorne, der Duft nach Blumen und Wildkräutern – zum Weinen schön. Ich könnte nur noch so weiterfahren. Aber nein, ein kurzer heftiger Regenguss mit Gewitter zwingt uns zum Unterstellen. Aber ohne den Regen wär es ja auch nicht so satt grün und frisch. Und warm ist es ja auch. Und es riecht alles nochmal intensiver, irgendwie so grasluftschwanger.

Die heutige Unterkunft in Cartisoara, in der Casa Popa, eine Ferienwohnung, jeder hat wieder sein eigenes Zimmer mit Bad, wird von einem Ehepaar geführt, das den oberen Stock ihres Hauses vermietet. Mit einem selbstgebrannten Schnaps zur Begrüßung geht’s heiter weiter zum kleinen „Supermarkt“ an der Ecke, um Brotzeit und Getränk für den Abend und für unser Frühstück einzukaufen. Das Einschlafen fällt mir heute etwas schwer, da ja morgen ein Abenteuer auf uns zu kommt. Viel Vorfreude, großer Respekt.

– ca. 260 km

Die Transfagarasan

Wir haben echt Glück mit dem Wetter. Morgens sieht es von unserer Frühstücksterrasse ziemlich bewölkt und nach Regen in den Bergen aus. Es lockert sich aber nach und nach auf. Auf geht’s. Ja, es geht wirklich richtig hinauf. Die Streckenführung beeindruckend, genau wie die spektakuläre Sicht nach unten und oben, die Haarnadelkurven steil und eng. Der mäßige Verkehr lässt uns zügig aber entspannt nach ganz oben kommen,

 

immerhin 2042 Höhenmeter auf den Bálea Pass. Hier legen wir eine Pause ein. Das muß! Ein Stausee, so groß, mit einer ebenso imposanten Staumauer, sorgt für Staunen. Für die Abfahrt nach Curtea de Arges wurde uns angekündigt im unteren Drittel Bären zu sehen. Voller Spannung und Erwartung, wo er denn jetzt rumhängt, der Bär, werden wir ganz schön auf die Folter gespannt. Schon etwas enttäuscht darüber, keine zu sehen, gehen wir erstmal in ein sehr schönes Blockhausrestaurant und stärken uns mit Essen und Trinken.

Durch dunkle Wälder geht es weiter bergab. Ein Auto vor uns fährt sehr gemächlich um die Kurven und wir vermuten wieder einen recht schlechten Straßenbelag. Und da sehen wir ihn, den Bär.

Rechte Seite, ein riesiger brauner Kopf hat sich unter der Leitplanke durchgequetscht. So schnell wie ich das Handy hervorgeholt habe, bekommt der seinen Riesenschädel eh nicht wieder aus seiner Verklemmung. Mit Herzklopfen und der Hoffnung das ich mit meiner Vermutung richtig liege, habe ich mein Bärenbeweisfoto. Ich packe mein Handy schnell wieder weg und fahre im Schritttempo an der Gefahrenstelle in  Bärenform vorbei. Immer schön links neben dem vorausfahrenden Auto, meinem Schutzschild. In den nächsten Kurven gibt es noch einmal Adrenalinschübe. Wieder eine große Bärin, diesmal ohne Leitplanke, springt flink und leicht auf einen Straßenbegrenzungspfosten. Eventuell ist das hier ein Kindergartenausflug mit Müttern zur Nahrungsaufnahme. Ein Fahrer eines entgegenkommenden Fahrzeugs wirft eine Paprikaschote auf unsere Fahrbahnseite. Die Bärenmutter am Rand lässt ihr Junges auf die Straße laufen, um sich die Vitaminspritze zu holen. Die Bären sollten sich in ihrem natürlichen Lebensraum ihre Nahrung suchen und nicht von Touristen angefüttert werden. Ich weiß nicht ob ich ein zweites Mal das Handy zum Fotografieren zücken soll. Ist ja doch nicht ganz ungefährlich. Aber halt auch spannend. Ich tus. Alles easy. Bärenbabybilder, BBB´s auf der Platte.

Nach unserer aufregenden Begegnung werden wir wieder richtig durchgeschüttelt, auf einer Straße, die ihren Namen abermals nicht verdient hat. 20 km, tiefe Löcher in der Wegmitte, die mit einem langen, hineingesteckten Ast erkenntlich als Hindernis markiert werden. Abgebrochene, seitliche Straßenränder, mit einem roten Geschenkbändchen an 2 Eisenstangen befestigt, umflattern die Abbruchstelle. Hier ist mal Schluss mit Lustig und entspanntem Genießen. Wir entscheiden uns für die Überraschungsminimierung und  fahren langsam und hochkonzentriert. Und in eine ca. 14 km lange Baustelle. Im Stau, warten auf die grüne Ampel ist jetzt nicht so ganz unsere Vorstellung von Vorankommen. Also, noch etwas zaghaft, an den stehenden Fahrzeugen links vorbei, die Entgegenkommenden fahren auch so weit rechts, dass sich für uns eine breite Schneise bildet. Und nein, es ist keine Rettungsgasse. Die Rumänen sind halt einsichtig. Diese Haltung könnten wir hier bei uns auch mal verbreiten.

 

Und so kommen wir gesund und glücklich in Sinaia in der Casa Albert, gegen 19 Uhr an. Die Wirtin ist eine üppige, blonde, herzliche Frau, die uns mit selbstgebrannter flüssiger und selbstgebackener fester Nahrung empfängt. Ihre Restaurantempfehlung bedeutet für uns müdes Dreigestirn einen ungewollten, längeren Fußweg auf uns zu nehmen. Und das mit Hunger, es erfordert meine maximale Geduld und bedeutet für die nette Wirtin einen Abzug in der B- Note. Das bessert sich schlagartig als mein Magen Nahrung bekommt. Der Rückweg läuft sich mit guter Laune ja wieder deutlich gelassener. Wir gehen heute gefühlte 5 Minuten früher ins Bett. Die Möglichkeit den Tag auf sich wirken zu lassen, fällt dabei immer etwas zu kurz aus.

 

230 km bis Bicaz

 

Von Sinaia geht’s wieder ein gutes Stück zurück über Brasov. Im Übrigen ist das die Geburtsstadt von Peter Maffey. Leider ist er nicht zu Hause. Daher besuchen wir kurzerhand die sehr schöne, lutherische Kirchenburg Honigberg. Mit ihren 7 Wehrtürmen ist sie eine am besten erhaltene bäuerliche Wehranlage der Siebenbürger Sachsen. Ganz schön hoch, der Glockenturm. Ganze 56 Meter.

Eine besondere Schönheit ist der ursprüngliche Kapellenbau aus der Zeit um 1300 und die sehr gut erhaltene Kapellenausmalung aus dem . Was für eine märchenhafte Pracht in kaum verblassten Farben. Da sind wir ganz schön ehrfürchtig ob dieser kunstvollen Darstellungen. Tja, Kunst kommt halt von Können, wie schon Karl Valentin erkannte. Und nicht von wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen…. :-))

Von hier aus geht es zur Abwechslung mal auf gut ausgebauten Straßen am Lacul Rosu, Roter See, auch Mördersee genannt, vorbei. Hier wollen wir ganz sicher nicht anhalten. Die Geschichte zur Entstehung der Mördersee- Sage würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen.

 

Die eigentliche und spektakulärste Sehenswürdigkeit, die Transsylvanien gemeinhin ausmacht, ist ja doch das Draculaschloß. Also richtigerweise Castelul Bran. Da wir an einem Samstag diese Etappe fahren, sind auch noch ganz viele andere Menschen unterwegs. Die haben die gleiche Idee wie , überall und immer am Samstag. Egal wo. Schloss Neuschwanstein, auf Herrenchiemsee, Schloss Nymphenburg, Burg Eltz, undsoweiter undsofort. Was machen wir? Ein Foto. Und fahren weiter. In der Bizacschlucht, same- same, wenig different. Was machen wir? Ohne Foto weiterfahren.

Gut, gell?

 

Die Bilder in unseren Herzen bleiben. Unsere Augen knipsen die Fotos.

Unsere heutige Unterkunft finden wir in Dodeni. Ein richtig großes, ältliches Haus. Oberflächlich sauber, aber ordentlich, mit leicht angestaubtem Nippes und rumänischen Erinnerungsgegenständen, wie Schallplatten aus den 80er Jahren, die dazugehörigen ollen Plattenspieler, alte Wecker und Fotoapparate, historische Bilder, die Einrichtung mit großen Sofas und Sesseln, große Tische mit vielen Stühlen für eine große Familie, die hier wahrscheinlich mal alle unter einem Dach gelebt haben. Der Aufgang zu den Schlafräumen, mit einem Stiegengeländer aus Holz, vollbehängt mit rumänischen Wäschestücken, Unterröcke, Blusen, weiße, lange Unterhosen, alte Schuhe, bunte Schultertücher. Es muss das Gewand der ehemaligen Bewohner gewesen sein. Die Schlafräume, mit Durchgangszimmern, hätten für 12 gereicht. Die Dramaturgie ist schonmal eins a. Zu dritt haben wir also wunderbar Platz. Rumänische Muster auf der Bettwäsche, weiße Spitzenvorhänge mit roten Übergardinen, ganz zauberhaft.

In den vierstöckigen Plattenbaugebäuden in der Nachbarschaft gibt es einen kleinen Supermarkt. Abendbrotzeit eingekauft, mit lecker Bierchen. Ach ja, heute wird ein EM Fußballspiel übertragen, hab aber nur bis zur Halbzeit durchgehalten. Umrahmt von üppigen Federkissen einen tiefen Schlaf geschlafen.

 

Vatra Moldovitei, ca. 170 km durch die Bukovina

 

Kopfweh am Morgen ohne vorabendlichem Grund. Gemeiner geht’s doch gar nicht. Bude aufräumen, packen und bitte schnell weg. Um einen ersten Kaffee zu trinken, bin ich noch schneller als sonst. Das sind meine Wünsche ans Universum in diesem Moment.

Hat geklappt. An der Tanke in Bicaz. Zuerst Nahrung in Form von Benzin für meine Kleine, dann bekommt Mutti das Kopfwehgegenmittel, dazu ein verpacktes, breiweiches Tankstellencroissant. Welch ein Genuss. Mein Kopfinhalt ist wieder aufnahmefähig und bereit für neue Eindrücke. Die lassen auch nur 20 Meter auf sich warten. An der Ausfahrt der Tankstelle steht eine sehr junge Frau, vermutlich die Mutter der 3 kleinen Kinder, das Jüngste auf dem Arm. Das kleine Grüppchen wirkt sehr verwahrlost, die Kinder, barfuß mit aufgerissenen Versen, zerlumpte, schmutzige Hosen und Hemdchen, verfilzte Haare. Der ca. 6-jährige Junge bekommt von der Mutter ein Tuch aus einer Plastikverpackung und reinigt sein Gesicht. Als die junge Frau ein weiteres Tuch dieser Verpackung entnimmt, hält sie es mit ausgestrecktem Arm einem ankommenden Fahrzeug entgegen. Will sie es verkaufen? Diesen Anschein macht diese Situation und das die kleine Roma-Familie zu den Ärmsten der Armen gehören. Ausgegrenzt und mit sehr wenig Chancen das eigene Leben zu verbessern.

Dieser Eindruck hat mich sehr berührt und das Gefühl spielt sich außerhalb meines Sprachzentrums ab.

Hat etwas gedauert bis ich wieder für die Schönheiten des Landes bereit war.

Die sind aber nun mal da und zwar auch in Form von stattlichen Klöstern, die wir auf traumhaften Straßen, durch ewig lange Straßendörfer, mit lieblichen, kleinen, geduckten, sehr gepflegten und bunten Häuschen im wahrsten Sinne des Wortes erfahren. Und dieses Gefühl vermittelt mir einen Hauch von „damals“. Der Weg führt uns zum Kloster Agapaia, ein rumänisch- orthodoxes Nonnenkloster.  Anschließend Kloster Varatec. Um die 1808 erbaute Klosteranlage stehen kleine Häuschen, in denen die Nonnen leben und arbeiten, umrahmt von märchenhaften, gepflegten Gärten. Und zu guter Letzt zum Kloster Moldovita, ebenfalls ein rumänisch- orthodoxes Frauenkloster, mit byzantinischer und gotischer Architektur.

Durch die Bukovina zu fahren ist einfach nur ein Traum. Diese hügelige Landschaft mit blühenden Wiesen, den gelben Weizenfeldern, Schafherden, die im Schneckentempo die Straße queren, dieses honiggelbe Licht. Ein paar wenige Kinder spielen auf der Straße, die Älteren sitzen vor ihren Häusern, genießen die Abendsonne, ein Esel ist ausgebüxt und rennt im Zick Zack über die unbefestigte Fahrbahn, der hinterherlaufende Bauer versucht verzweifelt ihn wieder einzufangen. Die Krönung dieser beschaulichen Szene ist ein gemächlich dahin zuckelndes Eselfuhrwerk. Sehr entspannt und beseelt von diesem schönen Tag finden wir unsere heutige Bleibe in Vatra Moldovitei in der Cabana Piatra Runcului. Also wer in Rumänien keine schönen Übernachtungsmöglichkeiten findet, dem ist nicht zu helfen. Vielleicht sind wir ja noch nicht in der Hauptsaison.

 

Wir beziehen unsere schönen, gemütlichen Zimmer. Bißchen Seele baumeln lassen und die Ruhe genießen. Ich lass die beiden Herren ohne mich noch ein Kloster in der Nachbarschaft ansehen.  Und hier finde ich auch endlich die Gelegenheit mal meine Beine ins Wasser zu stellen. Durch den schönen Garten der Pension führt ein kleiner Weg durchs Dickicht zu einem Bachlauf. Ist zwar nicht tief genug zum kompletten Eintauchen aber es reicht bis zu den Knien und bringt Erfrischung in märchenhafter Umgebung. Da steh ich nun, umspült von frischem, kühlem Wasser und es ist gerade so wie es ist, genau richtig. Großes Kino.

Zum Abendessen treffen wir uns wieder im Gartenpavillon. Die Wirtin kocht hier selbst und es gibt gemischtes, gekochtes Fleisch mit Gemüse. Sehr schmackhaft. Wobei ich bei manchen, in der Form undefinierbaren, hellen Stückchen mir gar nicht sicher bin, es vorher jemals gesehen zu haben. Kutteln? Vielleicht? Runter damit.  Um diese Wahrnehmung abzumildern, komme ich auf eine ganz verrückte Idee: Alkohol. Geht doch.

 

Es hat mir nicht geschadet und die Nacht hat mich gut schlafen lassen.

 

– Targu Lapus/ Baiut- 208 km

 

Wieder so ein üppiges Frühstück. Erst denke ich, das schaffe ich nie. Aber irgendwie kann ich dann das liebevoll hergerichtete Mahl doch nicht stehen lassen. Und über den Tag verteilt ruckelt sich das kalorienreiche Essen bei Lochplattenstraßen schon wieder zurecht. Auf der Hüfte machts dann Halt…

Jetzt müsste ich mich schon wieder Wiederholen. Mach ich aber nicht. Ich schreibs mal einfach so… zauberhaft. Neu war heute eine Holzkirche aus dem 17. Jhdt. Mit einem Friedhof drumherum und einer Blumenwiese die wahrscheinlich Jahrhunderte nicht gemäht wurde. Die krumm und schief stehenden Holz- und Metallkreuze überwuchert mit Gras und blühenden Blumen. Und die ganz besonders frisch aussehenden Orchideen? Sind- jawoll- aus Plastik. Es wird sich also noch gekümmert, um die Ahnen.

Die Bauweise verändert sich von Blockhäusern mit riesigen, beeindruckenden Einfahrtstoren aus Holz mit üppig geschnitzten Geschichten, auf Steinhäuser die mit reich verzierten Kacheln geschmückt sind.

Im Gegensatz zu Baiut, einer kleinen Stadt in Siebenbürgen. Durch diese kommen wir auf dem Weg zur Unterkunft bei Papa John in Bontida. Da denken wir drei gleichzeitig das Gleiche. In diesen ollen Buden werden wir nicht übernachten. OH, N E I N !!! Total zerfallene Häuser, alte Ruinen, die wohl mal Fabrikgebäude oder Militäranlagen waren. Dazu düstere Gestalten, am Straßenrand rumlungernd, zerlumpt, vermüllt- Hallo! Bin ich noch in Rumänien? Ok, traurig, aber wahr. Die Zigeuner sind nicht erwünscht und ziehen sich in  diese abseits liegenden, nicht mehr genutzten Gebäude zurück. Kein Geld, keine Lobby, dafür viel Kriminalität.

Wenige Kilometer weiter dann die Erleichterung. Alles wieder hübsch und liebevoll hergerichtet. Papa John erwartet uns mit gewohnter Ordentlichkeit und alles, was der müde Motorradfahrer braucht. Also Essen und kühle Getränke, ein frisches Bett und eine Dusche.

   Garda de Sus/ Bubesti- 313 km

 

Unser Plan heute: ein Salzbergwerk besuchen. In Turda. Da es heute zur Abwechslung mal etwas bewölkt ist, kommt uns so eine Besichtigung unter Tage gerade recht.  Laut Reiseführer ein Muß, unbedingt anschauen. Nach gefühlten 1000 Kirchenburgen und Klöstern eine willkommene Abwechslung. Achim, unser Navigationstalent und sein Adjutant Matthias geben die Route ins Systhem ein. Matthias voraus, ich wieder mittig, Achim als Lumpensammler, so fahren wir der Vorgabe nach. Die Vorgabe hat immer recht und das Problem sitzt immer vor dem Bildschirm. Wenn das allerdings zwei Mal hintereinander passiert, hört der Spaß endgültig auf. Wieso verflixt nochmal finden wir dieses Salzbergwerk nicht? Beim dritten Versuch, dieselben Straßen wieder nach Navi gefahren, entdeckt Achim den kleinen Abzweig, der in ein Industriegelände führt. Aha! Kein Hinweisschild zu diesem, angeblich, touristischen Hotspot. Warum lassen die Betreiber sich diesen Besuchermagnet entgehen, indem sie nicht ausreichend beschildern?

Komisch. Da ist er doch, der große Parkplatz mit vielen Autos. Da scheint ja was los zu sein. Motorrad abstellen, Helm ab, Jacken aus, alles abschließen und zum Eingang des Kassenhäuschen laufen. Wir freuen uns schon in den kühlen Stollen zu kommen.

Das Kassenhäuschen ist aber keins. Dafür der Eingangsbereich für die Arbeiter im Salzbergwerk. Also wenigstens ist es ein Salzbergwerk, allerdings nicht zum Besichtigen. Das ist ganz woanders. Echt jetzt? Tja, zu früh gefreut. Wir entscheiden uns aus nervlichen Gründen auf das „musst Du unbedingt gesehen haben Salzbergwerk“ zu verzichten. Es gibt ja auch schöne Bilder davon auf der Website. So toll kann man die gar nicht selbst fotografieren. Und ja, wir reden uns unser Versagen im Navigieren schon schön.

Dann schnell wieder weg, zuerst auf einer Schnellstraße. Ähnlich einer kleineren, gut ausgebauten Autobahn gen Westen.  Diese Richtung erfüllt mich mit Wehmut. Westwärts istgleich heimwärts. Alles hat ein Ende um dann wieder was Neues anzufangen. Immer das Gleiche und nie Dasselbe.

Gut, aber erst mal was Essen.

 

Oh, oh, da braut sich was zusammen. Es wird düster. Und weil wir schlau sind, ziehen wir unsere Regenkombis an. Unsere Weisheit wird belohnt, denn gleich schüttet es wie aus Kübeln. In einer kleineren Stadt ist von der vorherigen großen Hitze der Teer derart weich geworden, das die durchfahrenden Laster tiefe Fahrrinnen im Straßenbelag hinterlassen haben. Da heißt es jetzt Augen auf und durch. Immer schön auf der verbleibenden Erhöhnung der Rinnen. Hat ja fast Spaß gemacht. Wie Pfützenspringen in der Kindheit. Es wird wieder hügelig, kurvenreich und vor Allem trocken. Die kleinen Orte haben deutsche Namen. Offenburg, Goldbach, Großschlattan. Die letzten Holzkirchen, die letzten großen, geschnitzen Einfahrtstore, soviel Wald, so schöne will da unbedingt wieder hin. Ist ja ganz in Ordnung das der Himmel nicht mehr so blau ist. Wolkenverhangen lässt es sich leichter Abschiednehmen.

Unsere Unterkunft ist in Bubesti. Hübsches Hotel in den Bergen auf 1140 m. Und durch die dichten, tiefhängenden Wolken ist es auch ungewohnt frisch und feucht. Mein klitzekleiner Spaziergang ums Haus zeigt mir eine traumhafte Kulisse. Einzelne kleine Häuschen, ein paar Kühe und Schafe verschwinden zur Hälfte im Nebel, der in Zeitlupe über die Wiesen und Wälder wabert. Vor unserem kleinen Hotel gibt es eine ca. 20 qm große Grünfläche, leicht erhöht und mit Steinen ummauert. Da scheint das Gras besonders grün und frisch für eine einzelne Kuh. Die weiß halt auch was gut ist. Wahrscheinlich ein Geheimtip unter den Widerkäuern.

Die Kuh hat Hunger, ich auch. Um 20 Uhr gibt’s auch für uns was zu Essen, dazu einen richtig guten Wein aus Rumänien. Wir erzählen uns noch ein paar Episoden aus unserem Leben. In diesen letzten gemeinsamen Tagen haben wir uns ja ganz gut kennengelernt. Wobei uns dreien vorher schon klar war, dass das mit uns ganz gut klappen kann.

Und so gehen wir beseelt vom Wein und guten Gesprächen ins Bett.

 

– Arad, letzter Rumänientag

 

Der Nebel vom Vortag hat sich noch mehr verdichtet und es sieht schwer nach Regen aus. Wir steigen in unsere Regenklamotten und fahren los. Und zwar im Schneckentempo. Die Sicht ist praktisch nicht vorhanden. Vielleicht 10 meter kurz. Und trotzdem ist es wunderschön durch diesen Märchenwald zu fahren. Die Strecke ist auch ohne Sicht wunderschön. Nach jeder Kurve, könnte eine Fee oder ein Waldschrat hinter den vernebelten Bäumen hervorgucken. Es duftet nach nassem Holz, Moos, Erde. Ich kann die Nässe riechen. Meine Sinne sind vermutlich so geschärft weil sie wissen, das mein erlebter Traum morgen vorbei ist.

Damit ich nicht zu wehmütig werde in dieser dunstig, verhangenen Welt klart es wieder auf und somit auch der Blick aufs Wesentliche. Auf die Straße die uns schnurstracks nach Arad führt. Ein kurzer Zwischenstop in Ineu um die Burg aus dem 13. Jhd. zu besichtigen. Die Festung verlor an Bedeutung, wurde aber im 19. Jahrhundert im neoklassischen Stil restauriert. Also, entweder die bauen da immer noch dran rum, oder schon wieder. Auf jeden Fall konnten wir nur eine riesige Baustelle besichtigen.

Unser vorgebuchtes Hotel Crisana in Arad liegt an einer vielbefahrenen Straße. Die Motorräder stehen aber kühl und sicher in der Tiefgarage. Na, dann, auf geht’s, Arad besichtigen, zu Fuß natürlich. Der Weg in die Altstadt ist zwar nicht sehr lang, aber umso mehr sehr häßlich. Über eine lange Brücke, mehrspurige Schnellstraße, heiß, staubig, bähhh. Alles bißchen lieblos. Bis wir zur historischen Altstadt kommen, sehen wir noch ein verlassenes Freibad. Mit zerlöcherten Wasserrutschen, kaputten, verrotteten Kinderplanschbecken, ehemals wasserspeiende Plastikfiguren und völlig zerstörte Kinderspielplätze. Hab ich doch schon mal irgendwo gesehen? Genau- die Bilder von verlassenen Spielplätzen in Tschernobyl. Uiuiui, nicht schön, das Ganze. Die Krönung ist dann ein merkwürdig aussehendes Lokal, ein ebenerdiger Flachbau, daneben ein eingerüstetes hohes Gebäude. Das Gerüst ist mit einer Plane verhängt, die mit einem Foto von Schloß Weißnichtwiesheißt bedruckt ist. Davor steht ein alter Trabbi in hellblau mit Hochzeitsblumenschmuck auf der Motorhaube. Die Firma wirbt für Hochzeitsevents vor dieser spektakulären Kulisse. Sehr reizvolle Location.

VORHER

NACHHER

In der Altstadt angekommen überraschen uns die monumentalen Prachtbauten und Kirchen. Im Besonderen die rumänisch- orthodoxe Kathedrale des Heiligen Johannes des Täufers. Echt gewaltig, vor allem im Inneren der Kathedrale. Über und über mit Gold ausgeschmückt. Mit hohen Kuppeln, bunten Fenstern, die Farbe blau überwiegt. Echt prachtvoll. So ein krasser Gegensatz zu dem vorher Gesehenen. Die orthodoxen Kirchen  in Rumänien sind recht staatsnah, zudem gewinnorientiert und daher auch ziemlich mächtig. Da gibt dann schon ein paar Leu`s mehr für das eine oder andere Goldtäfelchen für die Wandvertäfelung.

So, jetzt reichts aber mit Monumentalbauten. Jetzt gibt zur Abwechslung was bodenständiges in Form von Burger und Bier. Ja, das gibt es hier auch. Eine hübsche, kleine Minizeltbauwagenimbissbude springt uns förmlich an. Lauter junge Leute, wir erhöhen den Altersdurchschnitt enorm. Wir fühlen uns sehr wohl und genießen unseren letzten Rumänienabend. Ach, war das alles schön.

 

Ich beschreibs jetzt mal mit einem Liedtext von Reinhard Mey:

 

… Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für uns zu geh´n,

was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette

und ein letztes glas im Steh´n….

 

Tja, er hat schon gewusst wie man Abschied beschreibt. Ich hätte es nicht besser gekonnt.

 

-durch Ungarn, nach Györ

 

Unsere Fahrt durch Ungarn verläuft nicht gerade spannend. Aber irgendwie wirkt diese Weite auf´s Auge und die Stimmung. Ist sehr beruhigend. Ungarn ist halt einfach recht platt. Kann man weit gucken. Rechts und links riesige Sonnenblumenfelder. Die große Sonne im Osten steht noch flach und strahlt auf unsere Rücken, Millionen von kleinen Sonnen an unseren Seiten. Ist das schön!

 

Da bekommen auch die vielen Lkw´s etwas geradezu liebreizendes.

 

Aber auch die Durchquerung hat mal ein Ende und wir landen wieder in Györ. Im Hotel angekommen fragt uns der Eigentümer, wo wir herkommen und hinwollen. Unsere Antwort hat ihn scheinbar nicht sonderlich überrascht. „Warum immer Rumänien? Rumänien, Rumänien, alles Verbrecher. Warum nicht Ungarn, ist doch auch schön hier.“

 

Da hat er eigentlich recht. Ich überlege ernsthaft Ungarn eine Chance zu geben.

 

Nun gilt es auch hier Abschied nehmen, in der geschichtsträchtigen, schönen Altstadt.

 

Wenn wir morgen durch Österreich fahren, sind wir ja eigentlich fast schon daheim. Das kenne ich, das ist mein Wohlfühlbereich und vermittelt mir ein watteweiches Heimatgefühl. 

Und genauso ist es.

 

  Ankunft in Untergriesbach, Landhotel Obermüller, Spa und Wellnessoase

 

Es ist für mich plötzlich wieder ein Gefühl von „Willkommen in der Gegenwart“.

 

Wir wurden von Kati und Steffi aufs Herzlichste empfangen. Wir freuen uns alle gesund und glücklich angekommen zu sein. Alles ist gut und fein.

 

Meine Gefühle über das Wiederheimkommen kann ich gar nicht so schnell erfassen. Sie wechseln sich ab zwischen der Euphorie wieder zu Hause zu sein und der Sehnsucht weitere Reisen und Entdeckungen zu machen.

 

Fazit: Das Reisen in die Fremde macht was mit Dir. Es öffnet Dein Herz. Es macht Dich mutig. Es macht Dich frei. Und es besteht erhöhte Suchtgefahr.

Eure Barbara Fux aus München

Jetzt noch ein paar weitere Bilder

Text und Bilder von Barbara Fuchs