Zwischen Weite Welt und Heimweg
Eine Motorradreise an den Rändern – und zu mir selbst
Es gibt diesen Moment, kurz bevor man losfährt.
Das Motorrad ist gepackt, vielleicht ein bisschen zu voll. Man steht daneben, schaut drauf und fragt sich, ob man wirklich an alles gedacht hat. Und während man noch überlegt, merkt man: Es geht gar nicht darum.
Es geht ums Losfahren.
Diese Reise war kein großer Plan. Keine Weltumrundung, keine Expedition, nichts, womit man angeben müsste. Einmal außen um Deutschland herum – das war die Idee. Klingt machbar. Ist es auch. Und trotzdem war es für mich mehr als nur eine Strecke.
Ich wollte sehen, was passiert, wenn ich einfach fahre. Wenn ich nicht alles durchplane. Wenn ich mich treiben lasse, Begegnungen zulasse, Umwege in Kauf nehme und auch mal falsch abbiege – im wahrsten Sinne.
Ich habe Menschen getroffen, die mich aufgenommen haben, als würden wir uns seit Jahren kennen. Ich habe Orte gesehen, die mich überrascht haben, obwohl sie direkt vor der Haustür liegen. Und ich habe Tage erlebt, an denen ich mich gefragt habe, warum ich das eigentlich mache.
Und dann gab es wieder diese Momente, in denen alles gepasst hat. Straße, Wetter, Gefühl. Ruhe und Glück.
Diese Reise ist kein Ratgeber. Kein „So machst du es richtig“.
Es ist einfach das, was passiert ist.
Mit allem, was dazugehört:
Umwege, Zweifel, Kaffee, Kekse, Begegnungen, Einsamkeit, Lachen – und ganz viel Straße.
Vielleicht erkennst du dich an der ein oder anderen Stelle wieder.
Vielleicht bekommst du Lust, selbst loszufahren.
Und vielleicht reicht es auch einfach, ein Stück mitzufahren.
Vorarbeit
August 2024
Meine Rückkehr von der Tour durch Rumänien ist jetzt 4 Wochen her. Die Glückshormone darüber, dass ich das geschafft habe, wirken immer noch.
Und schon gibt es einen Gedanken an eine weitere Reise, der noch ganz klitzeklein ist. Er wird langsam immer größer und schließlich drängt er sich an die Oberfläche.
Ich will ihn ignorieren. Bin doch gerade erst wieder gesund nach Hause gekommen. Die Sommertage mit dem motorisierten Zweirad vergehen und es wird Herbst. Die Idee, die ich noch gekonnt verdränge, bleibt allerdings hartnäckig.
Ende Oktober 2024
Jetzt ist das Hirngespinst konkreter geworden. Aussprechen! Ich muss das jetzt aussprechen. Sonst glaub ich mir das selbst nicht. Und so etwas Einzigartiges ist es jetzt aber auch nicht wirklich. Und gefährlich auch nicht. Ich mach das.
Ich fahre einmal um Deutschland herum. Ja. Immer schön dicht an den Ländergrenzen mit einem kurzen Besuch im Nachbarland. Ist ja praktisch eine Schonhaltung für meinen Entdeckergeist.
Allerdings gilt es noch eine kleine Hürde zu überwinden. Ich bin ja nicht alleine auf dieser Welt und habe einen lieben Ehemann, der zwar meine Motorradleidenschaft toleriert, aber nicht teilt. Und jetzt werde ich meine einsam gefasste Entscheidung auch mit ihm besprechen.
So, jetzt ist es raus. Ich bin glücklich, erleichtert und dankbar über das Verständnis meines Mannes, meinen Solotrip zu verwirklichen. Und einen Plan zu haben. Meine Pumpe geht vor Vorfreude etwas schneller. Ich packe gedanklich schon mal. Listen entstehen. Ich verwerfe sie wieder und schreibe die nächsten. Meine Gedanken überschlagen sich, stolpern übereinander, und in meinem Kopf herrscht ein herrlich chaotisches Durcheinander.Ich muss lachen. Über mich selbst. Das hilft. Tut es immer.
November 2025
Habe mir Deutschlandkarten besorgt und fahre die Strecke von München zum Königssee und, ab da, die Ländergrenzen mit dem Finger ab. Das beflügelt meine Fantasie. Mit Gepäck auf der Bonnie, die Sonne im Gesicht, als würde sie mit mir um die Wette strahlen. Alles wirkt leicht. Möglich. Genau richtig.
Mit diesem Gefühl vergehen die Wochen. Ich sortiere Gedanken, verwerfe sie wieder, setze sie neu zusammen.
Fahr ich links rum oder rechts rum? Wann fahr ich los? Kann ich auf der Reise Besuche bei Verwandten oder Freunde verbinden? Will ich Zelt und Schlafsack dabei haben? Fragen über Fragen….
Bis Januar werde ich mir wahrscheinlich einen Knoten ins Hirn grübeln und dabei den Fadenanfang verlieren.
Dezember 2024
Um dem ganzen Planungschaos noch den richtigen Wumms zu geben kaufe ich mir noch ein paar PS mehr in Form einer gebrauchten Triumph Bonneville T120. Hab zwar immer noch keine fixe Route, aber meine Hauptakteurin hab ich dann schon mal sicher. Und mich hab ich ja auch.
Also ruhig Blut, Frau Fuchs. Alles hat seine Zeit. Jetzt genieße ich erst den Winter, bis kein Salz mehr die Straßen für die ersten Ausfahrten unbefahrbar macht. Das wird hart.
Januar, Februar, März 2025
Immer wieder gehe ich in die Garage und schau mir meine zweite Liebe an. Ja, ich geb´s zu, ich bin verknallt. In einen Gegenstand. Ganz schön verrückt. Verliebt in die Idee dahinter. Und genau dafür brauche ich dieses Motorrad.
Meine Planungen bekommen langsam den nötigen Schwung. Alles wird runder und übersichtlicher. Den Fadenanfang habe ich gefunden.
April – Juni 2025
Um unabhängig zu sein habe ich mir ein kleines Zelt, eine Isomatte und einen Schlafsack gekauft. Alles mit Minipackmaßen. Zelten ist jetzt nicht gerade meine erste Wahl, aber falls mal keine Herberge zu finden ist, bietet diese Variante etwas Sicherheit für mein ängstliches, kleines Hasenherz.
T-Shirts, Hose, Rock, Badezeug, Unterwäsche, Ersatzmotorradhose, Regenzeug, was Warmes zum Überziehen, alles was ich noch für die Reise brauche, packe ich als Testpaket mit der Campingausrüstung auf.
An einem schönen Wochenende mache ich eine Probefahrt mit Zeltübernachtung.
Von Christian habe ich das Angebot bekommen in seinem Obstgarten meine erste Testnacht im Zelt zu verbringen. Diese tolle Möglichkeit nehme ich doch gerne an. Er wohnt auf einem einsamen Bauernhof im bayrischen Wald. Kennengelernt habe ich ihn über unseren Motorradclub. Dem TMOC: Triumph Motorcycle Owners Club in Deutschland.
Die laue Sommernacht, der Sternenhimmel über mir, neben mir die ausglimmende Grillkohle in der Feuerschale, das hat schon was. Fühlt sich richtig an. Jetzt sollte auch die Nachtruhe gelingen.
Und das hat im Minizelt hervorragend geklappt. Geschlafen hab ich gut. Passt.
Am nächsten Tag begleite ich Christian zu einer traumhaften Runde im Drei-Länder-Eck. Deutschland, Österreich, Tschechien.
Dieser Strecke werde ich dann teilweise auf meiner Deutschlandrunde ein zweites Mal befahren.
Diese wundervolle Strecke hat meine Entscheidung beeinflusst. Meine Route fahre ich Gegen den Uhrzeigersinn. Den Startpunkt lege ich am Königssee, ganz im Süden, fest. Für mich hat der Ausgangspunkt etwas sehr Erhebendes. Ich könnte ja auch von München aus etwas näher an der österreichischen Grenze anfangen. Aber vom Königssee zum Königssee klingt eben einfach schöner, als z.B. von Nilling nach Nilling, von Asten nach Asten oder von Pirach nach Pirach. Nichts gegen diese kleinen Orte, aber mehr Würde hat nun mal der Königssee. Und meinen Gefallen beim Durchfahren dieser kleinen Dörfchen werde ich sicher finden.
Das Startdatum habe ich auf den 4.8.25 gelegt. Vorher gibt es noch paar wichtige Termine, wie TMOC Jahrestreffen in Hilders und eine schöne Einladung von Dany und Bernd in Antdorf.
Interessant finde ich, dass durch meine ständige Beschäftigung mit Gepäck und Routenplanung, gedanklichem Fahren, Auskundschaften von Sehenswürdigkeiten, die auf der Strecke liegen, Notizen dazu, eine beachtliche Gelassenheit einsetzt. Bin sehr entspannt und freu mich riesig auf den Start
Sonntag 3.8.25
Es regnet Bindfäden. Na toll. Leise Stimmen in meinem Kopf flüstern mir ins Ohr: verschiebe den Start. Willst Du wirklich bei dieser Vollschüttung losfahren? Das macht doch keinen Sinn. Sei vernünftig.
Auf keinen Fall sagt mein Wille. Das wäre einmal zu viel an Vernunft. Ich packe mein Gepäck auf. Regenjacke und -hose, Gummihandschuhe und Schuhgummis liegen obenauf. Für den 4.8. wird die Vorhersage nicht besser. Vor Allem im Süden, also meinem Startpunkt des Herzens. Am Königssee.
Aufbruch
1. Im Regen los
Tag 1 – Montag, 4.8.25
München- Fattendorf, 250 km
Wie schon erwähnt- es regnet, langsam aber stetig. Und so naht der Abschied von Erwin. Es regnet auch in meinem Herz schwere Wermutstropfen. Wird allerdings gemixt zur Schorle durch meine Vorfreude auf meine Soloreise. Quasi: Mutsfreude. Immerhin sind mal ca. vier Wochen Beziehungsabstinenz eingeplant. Und trotzdem fällt es nicht leicht. Gedanken, die in meinem Seelenstübchen gegründelt haben und durch die externen Planungen in der Tiefe gewabert haben, tauchen wieder auf. Aber nur kurz.
Wir beide sind guten Mutes und freuen uns, dass es losgeht.
Für den einen, die sturmfreie Bude, für die andere sturmfreie Fahrt.
Noch ein Foto des Kilometerstands, Sitzposition einnehmen, Gang rein, Kupplung los und ab geht’s.
Und, ihr glaubt es nicht, dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmtheit, schon beim ersten Abbiegen auf die Nymphenburger Straße, zieht meine Mundwinkel rechts und links in die äußeren Rundungen meines Sturzhelms. Genau so wollte ich das.
Meine Strecke habe ich spontan, ob des mittlerweile sehr starken Regens ganz im Süden, etwas verkürzt. Ich fahre durch München in östliche Richtung. Auf ein Frühstück bei Liane. Eine nette Einladung einer Nachbarin ein paar Tage zuvor. Sie arbeitet in München und wohnt in Trostberg. Liane fährt auch Motorrad und hat kurz überlegt, mich ein paar Kilometer zu begleiten. Jedoch nicht im Starkregen. Unter diesen Umständen würde ich mich an ihrer Stelle auch nicht begleiten wollen.
Mit Kaffee und Adrenalin vollgepumpt steige ich wieder in meine sexy Regenhaut und begebe mich wieder zurück auf den nassen Asphalt und fahre an der Alz entlang nach Marktl am Inn. Um dort den Sigi zu treffen, den ich aber nicht kenne. Der gute Freund Christian aus Salzweg hat das kurzfristig eingestielt. Er wusste von meiner Streckenführung und hat kurzerhand dem Sigi gesagt: Du holst jetzt die Barbara in Marktl ab und fährst mit ihr die schönste, grenznaheste Strecke bis Passau, die du kennst.
Gesagt, getan.
In Marktl steppt montags nicht gerade der Bär, und somit erkenne ich den Sigi auf seinem Motorradl gleich. Obwohl wir uns noch nie gesehen haben, freue ich mich über diese Offenheit und Zugewandtheit. Als hätte es nie etwas anderes zwischen uns gegeben. Mir selbst gelingt das allerdings auch sehr leicht. Vorschussvertrauen nenne ich das. In Sigi habe ich einen sehr sicheren Motorradfahrer an meiner Seite, bzw. vor mir herfahrend. Da macht es auch nichts aus, dass es immer noch regnet. Und ja, die kleinen Sträßchen mit der lieblichen Landschaft, die ich hinter ihm herfahre, sind auch bei Nässe wirklich schönst.
Die nächste Überraschung ereilt mich kurz vor Passau. Bei einem kurzen Stopp am Rande von Bad Grießbach kommen Christian und Falk dazu. Das hat mich echt gefreut.
Zu viert fahren wir gemütlich nach Passau, treffen dort bei Louis, dem Motorradladen unseres Vertrauens, noch Heinz und Sepp. Ist ja echt reizend, was sich Christian da so an Überraschungen für mich ausgedacht hat. Inklusive Reservierung im Wirtshaus in Fattendorf. In der Nachbarschaft meiner ersten kleinen Pension zur Übernachtung. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Freundschaftsbier und guten Gesprächen klingt mein erster Tag glücklich aus. Was für ein netter Haufen. Ich werde noch zur Pension begleitet und alle guten Wünsche für meine Weiterfahrt nehm ich mit.
Tag 2 – Dienstag 5.8.25
Fattendorf – Moosbach 290 km
Nach einem traumlosen Tiefschlaf wache ich gegen 6.30 Uhr auf und der erste Blick aus dem Fenster über dunstige Sommerwiesen mit blauem Himmel versprechen einen trockenen Start. Was für ein Geschenk.
So, wie gehe ich vor? Zuerst Frühstücken fällt schon mal aus. Erst ab 8.00 Uhr werde ich geputzt und angezogen am hübsch gedeckten Tisch sitzen und meine Koffeinration in meinen Körper fließen lassen. Vorher packe ich meine sieben Sachen und verzurre alles auf meiner Villie. Ein guter Plan, der sich ab jetzt noch oft wiederholt. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Und der Spaß beginnt- jetzt.
Erst wieder hinunter von der luftigen Höhe nach Passau und ein kurzer Fotostopp an der Donau, bevor ich nach Obernzell und Wegscheid an der österreichischen Grenze, weiter nach Neureichenau und Haidmühle an die Tschechische Grenze komme.
Was mich besonders freut, ist die Tatsache, dass mich mein Navi genau die Route führt, die ich zu Hause am PC geplant habe. Hat etwas gedauert bis ich begriffen habe, dass lediglich die Neuberechnung an der Einstellung auf AUS gestellt ist.
Trotzdem bin ich jetzt die Bestimmerin.
Also fahre ich einfach einen wunderschönen Weg auf eine Anhöhe in östliche Richtung um mal zu gucken, was hinter dem Hügel zu sehen ist. Aha, ein einsamer Bauernhof. Und der Weg ist auch zu Ende. Und matschig. Na toll. Hoffentlich sieht mich hier niemand. Um zu wenden eiere ich nämlich etwas dämlich im schlammigen Vorplatz des Bauernhofs herum. Äußerst ungern will ich umkippen und womöglich meine Villie nicht mehr selbstständig auf ihre Gummibeine stellen können.
Aber die Motorradgöttin ist mir gewogen. Ich bin gut wieder auf die richtige Straße gekommen. Der Ausblick von meinem kleinen Ausflug auf die Höhe ist aber so schön, dass alle Schmach vergessen ist.
Und weiter geht’s. Einsam und zufrieden. Kein Fahrzeug weit und breit, nur Sonne, blauer Himmel mit Villie und mir. Bin noch nie durch so viel Wald gefahren. Der bayrische Wald heißt nicht umsonst so. Ist schon recht einsam hier. Und dunkel. Nur dichtester Nadelwald mit viel Nichts drumherum.
Und wo nix ist, ist auch kein Wirtshaus. Gut, trinken hilft nur vorrübergehend. Ab morgen, nehme ich mir immer was zum Knabbern vom Frühstück mit. Ohne gute Vorbereitung muss ich eben hungern. Da hilft auch das Rehlein nichts, das mir fast in mein Geläuf läuft.
Und wie aus dem Nichts taucht hinter dem dichten Tann und einem der Millionen Hügel eine klitzekleine Tankstelle auf.
Sogar mit Kaffee und Wurstsemmel. Da soll mir noch mal jemand sagen, die Gebete werden nicht erhört. Es reicht, wenn ich mir das wünsche.
So sind sie, die Mopedgöttinen.
Natürlich tanke ich auch. Wer weiß, wann die nächste Gelegenheit kommt.
Der Wald wird lichter und freundlicher, die kleinen Ortschaften sehen im Gegensatz dazu etwas verschlafen aus. Ich hoffe, dass die Bewohner nicht mehr schlafen, sondern irgendwo anders arbeiten.
Das kleine Städtchen Tiefenbach in der Oberpfalz hätte eine hervorragende Gastwirtschaft gehabt. Den „Russenbräu“. Mit eigener Brauerei. Nicht jedoch für mich. Bier und Motorrad sind keine Freunde. Deswegen gibt’s nur ein Foto.
Hier wurde nicht nur der feinen Hopfenkaltschale gefrönt, nein, hier wurde auch geklöppelt. In Handarbeit gefertigte Klöppelspitzen. Das war hier ein florierender Heimarbeitszweig. Dazu gabs hier eine extra Schule. Die Klöppelschule, in der heute allerdings das Rathaus beherbergt ist.
Ohne Foto.
In Kürze erreiche ich mein heutiges Ziel. Moosbach, Gasthof, Hotel zum goldenen Kreuz. Auch mit Brauerei. Hab ich aber nicht deswegen ausgesucht. Ehrlich. Aber es nützt ja nichts… ein feines Ankommensbier schmeckt halt dann doch aus der hauseigenen Brauerei nochmal besser.
Ein Motorradfahrer aus NRW, frisch gestählt von einem Treffen mit seinen Zweiradgefährten, beschließt, dass wir unbedingt gemeinsam anstoßen sollten. Nun gut – ehe ich mich versehe, sitze ich bei gutem Essen und erstaunlich schnell nachgefüllten Gläsern in bester Gesellschaft. Allerdings erzählt der junge Mann mehr von sich selbst als mir lieb ist. Seine Geschichten werden zunehmend… nun ja, umfangreich. Sehr umfangreich. So umfangreich, dass ich zwischenzeitlich, plötzliche Müdigkeit vortäusche und mich höflich lächelnd in mein schönes Zimmer zurückziehe.
2. Einfach fahren
Tag 3 – 6.8.25
Moosbach – Bozni Dar, Tschechien-280 km
Wieder steht mir ein wolkenloser, sonniger Tag bevor. Ich frühstücke so früh es geht und das ausgiebig. Inklusive einer kleinen Mitnehmbrotzeit. Ich lerne schnell. Auch Villie aufsatteln geht am dritten Tag schon recht flott. Helm und Sitzfleisch zurechtgeruckelt und die Fahrt beginnt.
Sobald dieses wunderbare Motorgeräusch in meine Ohren dringt, gehen meine Mundwinkel wie von selbst in Ihre gewohnte Startposition. Moosbach liegt jetzt schon ein paar Kilometer hinter mir und der Genuss des Alleinseins erfüllt mich mit so schönen Gefühlen. Dieser frische Duft der noch feuchten Wiesen, der frische Duft nach Erde und Wald. Da muss ich anhalten und wiedermal nur schauen und mich freuen.
Gefühle kann ich mit dem Fotoapparat nicht festhalten. Deswegen gibt’s hier auch kein Foto. Glück kann ich nur fühlen, nicht fotografieren.
Allerdings ziehe ich mir die gelbe Gummihaut über. Es ist doch noch ganz schön frisch. Und warm fährt es sich geschmeidiger. Ich fahre parallel zur Autobahn nach Waidhaus, weiter auf kleinen Sträßchen durch Reinhartsrieth, Georgenberg nach Flossenbürg. An Altglashütte vorbei nach Bärnau. Es ist kurvig und fast wie tanzen auf zwei Rädern. Jeder Schwung in die eine Richtung leitet den nächsten in die Andere ein. Und da ich alleine auf der Straße bin kann ich mich auch so richtig dieser Kurvenlust hingeben. Schon schön, wenn es gelingt, sich über sich selbst zu freuen. Glück in Reinform, sozusagen.
In Bärnau gibt es ein Knopfmuseum. Finde ich interessant. Meine Mutter war ihr Leben lang Schneiderin und hat mir und meiner Schwester kistenweise alte Knöpfe hinterlassen. Damit könnten wir auch ein Museum betreiben.
Klar wäre es interressant, sich die Knopfgeschichte von Bärnau mal genauer anzusehen. Ich belasse es dabei, mir die Informationen aus dem Netz zu holen. Ich mache mir Notizen dazu und wünsche mir nochmal nach Bärnau zu kommen. Vielleicht um die Knöpfe unserer Mutter dort zu lassen?
Nachdenklich immer dicht an der tschechischen Grenze entlang nach Neualbenreuth zum Grenzlandturm.
Auch hier muss ich aus dem www-Fundus ein Foto benutzen. Mit dem Zweirad kann und darf ich nicht auf die kleine Anhöhe fahren. Außerdem ist es mittlerweile recht warm geworden und es ist mit den Motorradklamotten recht beschwerlich, den Fußweg zu nehmen.
Somit lasse ich den Hügel mit Turm ohne Besteigung rechts stehen und komme nach Waldsassen. Hier gibt’s ein echtes, eigenes Foto von der Stiftsbasilika.
Über Münchenreuth nach Schirnding, Hohenberg und Selb. Hinter Waldsassen überfahre ich die kleine Eger, die ihre Quelle im Fichtelgebirge hat und im Nordwesten von Tschechien, in Litomerice, in die Elbe fließt.
So eine romantische Gegend hier. So lieblich. Wie ein Bild aus Grimms Märchen. Dass ich hier ziemlich alleine rumfahre, habe ich ja schon erwähnt.
Aber nochmal- bin echt allein hier unterwegs. Könnte jetzt auch ein wildes Tier aus dem Busch auf mich hüpfen. Es würde lange dauern bis ich gefunden werde.
Das Dreiländereck (Trojmezí) ist ein historischer Grenzpunkt, an dem sich heute die Staatsgrenzen von Deutschland (Sachsen/Bayern), Polen und Tschechien treffen.
Da ist er, der Jakobsweg. Den könnte ich natürlich auch zu Fuß gehen. Wenigstens mal absteigen und einen kühlen Schluck Wasser trinken. In die Sonne blinzeln. Eine bessere Alternative wäre jetzt Kaffee. Ein leichter Drang nach Coffein macht sich bemerkbar.
(Irgendwo Kaffee zu trinken wird scheinbar zu meiner Möglichkeit mit Menschen in Kontakt zu treten. War mir bisher nicht bewusst.)
Nun nehme ich meinen eigenen Jakobsweg. Auf dem fährt sich das auch ziemlich besinnlich. Und ich kann über alles Mögliche während des Fahrens draufrumdenken, wunderbar ist das.
Schon bin ich in Selb.
Kaffee, ich will jetzt Kaffee und was Kleines zum Essen und wenn es nur ein Keks ist. Und weil`s jetzt schnell gehen muss, die Gier immer größer wird und ich nicht lange suchen will, fahre ich auf den Parkplatz eines großen Einkaufszentrums am Rande der Porzellanstadt.
Mit Villie bleibe ich direkt vor der Bäckerei stehen. Damit ich beim Einkauf mein Gepäck im Blick habe. Ich setze mich mit großem Kaffee und Mettbrötchen! an einen Tisch und plaudere etwas mit den Tischnachbarn. Das habe ich jetzt schon festgestellt- wenn ich niemanden anspreche und den Weg in eine zwanglose Konversation beginne, passiert da nicht viel. Frau, Motorrad, nicht mehr taufrisch ist gleich- suspekt! Vorsicht ist geboten. Deswegen gehe ich jetzt noch einen Schritt weiter, gebe Vorschussvertrauen und frage meine neuen Freunde, ob sie kurz auf mein Gepäck aufpassen können, damit ich angstfrei zum Pippimachen gehen kann. Ja, selbstverständlich, gehen sie nur junge Frau, (hach- tut das gut) wir achten darauf. Gesagt, getan, ich reize es aus und schlendere noch etwas bei Kaufhausdosenmusik durch den Konsum und lass mich berieseln. Kleine Schaukelpause vielleicht? Nein? Auf diesen Sitz passe auch ich, junge Frau, nicht drauf.
Dann doch wieder in die Freiheit. Noch Bedanken bei den netten „Selber-Einheimischen“ und gesättigt zum nächsten Ziel.
Eine tiefe Stimme hinter mir spricht mich tatsächlich an. Wollte gerade den Starter drücken. Eben bin ich noch so semibegeistert ob der Sprechbereitschaft meiner Mitmenschen und schon geht’s auch anders.
Tja, Triumphfahrer gibt’s auch in Selb.
Sein Name ist Charly und er fragt mich tatsächlich was ich hier mache. Und so verzögert sich mein Start etwas. Ich gebe ihm natürlich noch die Visitenkarte vom TMOC und betreibe etwas Werbung.
(Ein paar Wochen später sehe ich auf der TMOC-Website, dass er jetzt Mitglied im Verein ist. Da hat sich der Stopp in Selb doch wirklich gelohnt.)
Ich könnte jetzt auch abkürzen und über Asch in Tschechien direkt nach Bad Brambach fahren. Da schneide ich einen kleinen Zipfel Tschechien ab, der nach Deutschland reinspitzt. Aber meine nächste Übernachtung findet ja eh im Nachbarland, in Bozni Dar statt. Deshalb umfahre ich den Zipfel brav am Grenzverlauf.
Ein kurzes Stück durch das Elstergebirge und schon bin ich in Bad Elster. Eine Stadt im sächsischen Vogtlandkreis mit den ältesten Mineral- und Moorheilbädern Deutschlands.
In diesem ruhigen Städtchen habe ich leichte Hemmungen mit meinem Geknatter die Kur-heilige Ruhe zu stören. Wenigsten darf ich mit Villie durch die Kurzone fahren. Meine ganz persönliche Kurzone beginnt sowieso gleich nach dem Ortsausgangsschild.
Da beginnt ein schmaler, mit Betonplatten belegter Weg. Mit Sicherheit noch von sozialistischer Hand liebevoll aufgebracht. Mit dem Motorrad spürt man die Abstände und Plattenfugen nicht so stark wie mit einem Auto, wo es durch den Radabstand zu dem lästigen Geräusch Parumm, parumm, parumm kommt.
Am Horizont taucht auch schon ein Grenzturm auf und rundet das Gesamtbild ab. Jetzt wird der Turm von Amateurfunkern genutzt. Also das ist hier eine sehr schöne Gegend.
Durch die man fährt, aber nicht hinfährt. Schade eigentlich.
Von der Hochebene runter durch tief eingeschnittene, enge Schluchten. Mein Weg führt mich durch Bad Brambach, mit einem kurzen Halt an einer Bäckerei. Kaffee und Foto mit der Bäckereifach-verkäuferin. Sie fragt mir noch ein Loch in den Bauchund bewundert meinen Mut. Mein Alter ist auch noch von größtem Interresse. Wir sind gleich alt. Trotz unserer vordergründig sehr unterschiedlichen Hobbys ist das so eine herzerfrischende Begegnung. Ich liebe diese kleinen, freundlichen Schwätzchen. Ihre Aufforderung: „Kommen sie gesund und bald wieder“ drückt mir doch tatsächlich auf die Tränendrüse.
Manchmal brauche ich gar keinen Kaffee, sondern den Kontakt mit den Menschen vor Ort.
Heiter weiter fahre ich durchs Vogtland nach Markneukirchen, winke und grüße die Musikinstrumentenbauerstadt.
Bernd und Dani sind Freunde aus Antdorf in Bayern.
Vor vielen Jahren lebten sie als junge Familie in Markneukirchen, während Bernd im Kurorchester von Bad Elster Trompete spielte.
Die beiden sind auch Fahrer dieser schönen, englischen Motorradmarke. Allein das, meine Sympathie für sie und die gemeinsame Liebe zum Fahren verbinden uns.
Vorbei an stillgelegten Eisenbahnbahnhöfen mit verrotteten Waggons, verrosteten Schienensträngen, alles überwuchert mit Gras, Sträuchern, Blumen. Zerfallene, kleine Backsteinhäuschen.
Da halte ich natürlich an.
Mein sehr dringender Impuls, durch die zerfallenen Türen zu gehen, zu schnuppern und einen inneren Film ablaufen zu lassen, lässt sich nicht unterbinden.
Ich stelle mir die Werktätigen aus lang vergangenen Zeiten vor, die Geräusche, das Quietschen der langsam rollenden Güterwaggons. Auf einem wackeligen Tischchen liegt tatsächlich noch zerknülltes Butterbrotpapier. Ich rieche daran. Leberwurst? Die Dramaturgie ist schon mal Eins A. Meine Fantasie geht mit mir durch.
Ein paar hundert Meter weiter ein ähnliche Bildmacht- verlassene, zweistöckige Wohnhäuser, eine Reihe Einzelgaragen, die sicher beim nächsten Sturm in sich zusammenfallen. Sicher haben da Grenzbeamte gewohnt. Tschechien ist ja nur auf der anderen Bachseite. Alles sieht nach Moder und Fäulnis aus. Ich fahre langsamst vorbei.
Das ist das Mindeste was ich tun kann um meine Neugier zu stillen. Ich würde da zu gerne noch bisserl rumschnüffeln. Aber- ich bin ja nicht zum Rumschnüffeln da.
Und es besteht jetzt ein gewisser Zeitdruck. Hab noch ein paar Kilometer vor mir. Die Entfernung zum Zielort ist zwar überschaubar, aber es geht durch enge Täler, es gibt Umleitungen, es geht rauf und runter und hin und her. Es gibt halt auch viel zu gucken hier, in der Fremde. Zum Beispiel in Zwota mit dem kleinen Teich, über den man sich mit einem Floß an einem überspannten Seil und einer Leine selber ans andere Ufer ziehen kann. Im Lokal zum Walfisch, ja so heißt das Wirtshaus, kurzer Fotostopp.
Jetzt aber auf Windesflügeln weiter, Frau Fuchs. Trödeln kann ich, wenn ich angekommen bin. Also zügig durch das schöne Erzgebirge. In den tief eingeschnittenen Schluchten die Orte Georgenthal, Gottesberg, Blechhammer, Johanngeorgenstadt, Rittersgrün, Rothenhammer. Geschichtsträchtige Stätten an denen ehemals Bergbau und Hammerschmieden betrieben wurden.
Durch finstere, ja, auch im Hochsommer recht kühle, Nadelwälder. Ganz schön einsam und rau hier. Nach Rothenhammer lichtet sich das dunkle Grün und ich komme auf die Hochebene bei Tellerhäuser. Die Grenzstation Bozi Dar habe ich gleich erreicht.
Der Ort Bozi Dar ist eine alte Bergbaustadt und jetzt ein bedeutendes Wintersportzentrum. Pension in Sicht und Freude im Herz. Schön, dass ich gut angekommen bin.
Auf der einladenden Gasthausterrasse wird gegessen und getrunken, daneben ein plätscherndes Bächlein, wie für mich gemacht. Zuerst allerdings werde ich einchecken.
Mein zugewiesenes Zimmerlein dagegen ist mehr ein “lein“, als ein Zimmer. Gut, das Bett ist in Ordnung, die hellblauen Synthetiklappen am Fenster haben auch schon bessere Zeiten gesehen und der Gelsenkirchener-Barock- Kleiderschrank nimmt den meisten Platz im Zimmer ein. Das begehbare Duschklo in Reihe ist auch noch erwähnenswert.
Tür auf, Fuß heben, Tritt nach vorne, das Bein 25 cm nach oben heben und schon stehst du in der Dusche. Rechts und links Wand, vor mir und hinter mir, Plastikvorhang. Gegenüberliegende Seite, Duschvorhang auf, Fuß runter, schon stehst Du vor dem Klo.
Da hat sich der Architekt aus Platzgründen was dabei gedacht. Geht gar nicht anders. Schlaues Kerlchen mit Hang zu praktischer Intelligenz.
Aber, ich sag mal, für 38 € kannst Du nicht meckern. Mit Frühstück. Kleiner Abendrundgang durch den Ort, mit hundert weiteren Touristen und dreimal so vielen Kindern, die letzten Sonnenstrahlen auf der kleinen Bank vorm Kircherl, ein wohlverdientes Bier aus der örtlichen Brauerei, üppiges Abendessen, die morgige Tour ins Navi eintippen, Tagebuch schreiben und mit vollem Bauch ins kleine Bettchen. Passt.
Tag 4- 7.8.
Bozi Dar – Pirna, 170 km
Heute wird es eine entspannte Tour durchs Erzgebirge nach Pirna in die Sächsische Schweiz.
Ich freue mich darauf, meinen Sohn mit seiner Familie dort zu besuchen und am Samstag, dem 9.8., die Schuleingangsfeier meiner Enkelin mitzufeiern.
Aber der Reihe nach: In dieser Nacht lasse ich zum ersten Mal mein Campinggepäck in den beiden Seitentaschen an der Villie. Der Parkplatz der Pension ist ja mit einer rot-weißen Schnur abgesichert. Also kommt da auch nix weg. Logisch, oder?
Leichtes Herzklopfen beim morgendlichen Gang zum Moped war unnötig. Ist noch alles dran und drauf. Die Menschheit ist im Grunde ihres Herzens eine ehrliche Haut. An der Grenze ein letzter Blick zurück über die kahlen Höhen mit dem 1244 Meter hohen Klinovec. Und schon geht’s abwärts nach Oberwiesenthal.
Trotz der Abfahrtist sie die höchstgelegenste Stadt Deutschlands mit 915 m ü. NN.
Und anerkannter Luftkurort. Im Sommer Wandergebiet, im Winter Skigebiet.
In diesem hübschen Ort gibt es keine Straße, die nicht rauf bzw. runter geht. Mein Hang zum Hang wird hier befriedigt. Umfahrungsstraßen kann ja jeder.
Deswegen will ich mitten durch die hübsche Altstadt. Buckliges Kopfsteinpflaster, enge Gassen, herrlich.
Bis ich an eine Abbiegung komme, die steil nach unten führt. Straße gesperrt, Kopfsteinpflaster ausgerissen, Schotter und keine Fahrbahn erkennbar. Schade. Der Gehweg ist allerdings begeh- also auch befahrbar. Die Breite müsste passen für meine Villie mit den Seitentaschen. Also entschließe ich mich, die unerlaubte Variante zu nutzen.
Uii, ist echt steil hier. Umdrehen ist also nicht mehr möglich.
Zu eng.
Und was ich von oben nicht gesehen habe, weil es so steil ist:
ich steuere geradewegs auf eine Treppe zu. Schluss mit lustig.
Keine Ahnung, wie ich aus diesem Schlamassel wieder raus komme. Seitenständer raus und erst mal abstellen geht nicht, da zu steil. Sitzen bleiben, Bremsen ziehen und warten ob mir eine zündende Idee kommt erscheint mir gerade die einzige Möglichkeit. Menschen mit Motorraderfahrung könnten sicher Tipps geben. Ist aber keiner da.
Außer! Außer- da sehe ich doch zwei Bauarbeiter. Ha, Hilfe in Sicht. Zumindest in Rufweite.
Es nützt ja nichts, ich brauche Hilfe. Also rufe ich. Hallooo, hallooo…. einer dreht sich um, ich winke, mit dem linken Arm. Die rechte Hand zieht kräftig am Bremshebel. Beide Herren in orangen Bauarbeiterwesten kommen langsam auf mich zu. Meine Güte ist mir das unangenehm. Ich beschreibe meine Not und entschuldige mich für meine Dummheit, frage ob sie mir helfen können, das Motorrad vom Gehweg auf die ca. 30 cm tiefere Schotterpiste zu hieven.
Mit ziehen und schieben gelingt es uns das Motorrad wieder in Fahrtrichtung nach oben zu stellen. Die Beiden schwanken mit ihrer Mine zwischen genervt und belustigt. Ich bedanke mich nochmals und muss eher über mich lachen, als das ich es peinlich finde. Wahrscheinlich haben die Männer heute Abend was Schräges zu erzählen.
Und ich eine Erleuchtung mehr. Fahre NIEMALS in nicht einsehbares Gelände. Zumindest nicht allein.
Aus dem Negativen etwas Konstruktives zu machen, macht das Gehirn elastisch. Haken dran und weiter.
An der Grenze zu Tschechien fahre ich über Bärenstein und Jöhstadt nach Schmalzgrube. Der Miniort mit Freibad gleichen Namens liegt in einer Talsenke.
Mein erster Impuls: Pause machen und in der Schmalzgrube schwimmen. Ist sicher ein Erlebnis der besonderen Art. Da muss ich lachen. Die Vorstellung in Schmalz zu schwimmen lässt mein Kopfkino laufen.
Mein zweiter Impuls: nicht machen, zügig weiterfahren und meine liebe Enkelin und ihre Eltern begrüßen.
Die Orte Seiffen, Deutschgeorgenthal, Zinnwald, Liebenau, Schloß Kuckuckstein lasse ich, obwohl wunderschön, unbesichtigt und komme gegen 16 Uhr in Pirna an.
Die nächsten Tage verbringe ich mit meinen Lieben in Pirna und Gohrisch. Wir feiern Idas Schuleingang und freuen uns, dass wir uns haben.
3. Mein eigener Rhythmus
Tag 5- 11.8.
Pirna – Eisenhüttenstadt, 270 km
Die schönen Tage bei meinen Kindern vergehen viel zu schnell.
Und auch wenn ich mich auf meine Weiterfahrt freue und das Alleinsein genießen kann, fällt der Abschied von meinen Schätzchen schwer.
Jetzt verändert sich auch mein Bewusstsein. Bisher habe ich mich in relativ vertrautem Terrain bewegt. Ich hatte in Pirna ein Zwischenziel. Ab jetzt werde ich in Gegenden kommen, die mir noch unbekannt sind und die Entfernung zum Heimatort München wird immer größer. So geplant, so bekommen.
Meine Route bringt mich zuerst an der Elbe entlang östlich nach Bad Schandau. Durch das Elbsandsteingebirge zu fahren ist ein wahrer Genuss.
Über Sebnitz, Langburkersdorf, Steinigtwolmsdorf, Oppach, Seifhennersdorf, Olbersdorf nach Zittau. Lustige Ortsnamen sind das. Anfangs noch das Elbsandsteingebirge mit seinen schroffen Felsformationen und tief eingeschnittene, dunkle Schluchten, die Sandsteinblöcke sind teilweise mit schwefelgelben Schichten belegt, alles ist feucht, ganze Farnwälder und großflächige, moosbedeckte Böden muten märchenhaft an. Da könnten sich jetzt auch Wichtel und Elfen zeigen, es würde mich nicht wundern.
Es wird wieder heller und lichter, ich lasse das Sandsteingebirge hinter mir und komme ins Zittauer Gebirge, im äußersten Südosten Sachsens. Die Stadt Zittau gehört schon zum Landkreis Görlitz. Der Hauptkamm des Zittauer Gebirges bildet einen Teil der Wasserscheide zwischen Ost- und Nordsee.
Die kleinen Ortschaften, durch die ich fahre, sind niedlich, mit ihren Umgebindehäusern, die nur Menschen mit kleinem Körpermaß beherbergen können. Also, ich würde da gut reinpassen. Umgebinde heißen sie deshalb, da das Obergeschoss des Hauses samt Dach auf einem hölzernen Stützgerüst aus Holzständern ruht (den Umgebindejochen) Diese zeigen sich im Außenbau als typische Rundbögen. Das Erdgeschoss steckt somit eigenständig darin bzw. darunter. In diesen Häusern haben früher die Weber gewohnt und den Webstuhl auf ein separates Fundament gestellt, damit die übrigen Bewohner nicht so sehr unter den andauernden Erschütterungen litten. Die innere Hauskiste steht ja in keiner baulichen Verbindung zum Obergeschoss.
Nach Zittau komme ich an die Lausitzer Neiße, an der polnischen Grenze. Für mich kommt jetzt ein noch spannenderer Teil meiner Grenzerfahrung. Im Elbsandsteingebirge war ich ja vorher schon mal.
Aber jetzt, so dicht an Polen, die Landschaft verändert sich komplett, sandige Böden mit Kiefern, der Blick wird wieder weiter, alles um mich herum wird heller, die kleinen Orte liegen weiter auseinander, wird’s für meine Augen und mein Gefühl einfach fremder. Schön ist das. Hätte nicht gedacht, dass ich Alleinsein in unbekannten Regionen so entspannend und gleichzeitig so spannend finde.
Es ist ja ein bisschen albern, ich befinde mich in Deutschland. Es ist mein Heimatland, ich spreche die gleiche Sprache, wie die Menschen die hier leben. Und trotzdem hat es für mich etwas Abenteuerliches. So weit östlich war ich in Deutschland noch nie alleine. Mal 2 Tage in Görlitz, aber eben nicht alleine.
Dahin fahre ich auch jetzt, um kurz auf die Brücke zu gehen, die direkt auf die polnische Seite führt. Görlitz ist eine sehr schöne Stadt, mit aufwendig restaurierten, historischen Gebäuden und viel Geschichte drumrum.
Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Altstadtcafé zieht es mich aber recht schnell wieder auf die Straße. Raus aus der Stadt, Richtung Norden. Mittlerweile ist es auch recht warm geworden und ich genieße den etwas kühleren Fahrtwind. Die warme Motorradhose und Jacke habe ich gegen die dünnere Variante ausgetauscht. Hier fahre ich auch wieder ziemlich alleine durch einsame Orte, mit Bushaltestellen, die auch schon mal lebendigere Zeiten, geschweige denn Omnibusse gesehen haben. Hier wartet niemand mehr.
Hin und wieder mal eine Grenzstation mit Grenzbeamten auf Plastikstühlen, die auf Grenzgänger warten. Ich könnte ja mal kurz für Arbeit sorgen, Villie stehen lassen und polnische Luft schnuppern.
Da reizt mich aber Bad Muskau mit seinem Fürst Pückler Park mehr. Denn dort gibt’s sicher das gleichnamige Eis. Nix wie hin. Es ist sehr heiß geworden, als ich am Parkplatz des Parks ankomme. Und nicht nur das. Auch die Touristen, die eine ähnliche Idee wie ich haben, sind da. Und zwar ALLE. Und ALLE sind mir entschieden zu viel. Ich hole mir schwitzend in der langen Warteschlange, die am Tresen ansteht, ein Fürst Pückler Eis. Hmmm, Schokolade, Erdbeer und Vanille. So muss das sein.
Es versöhnt mich einen ganz kurzen, winzig kleinen Moment. Denn nach kurzem Geschmackstest muss ich leider feststellen: Durchgefallen. In einer Skala von 1-10 würde ich 0,5 geben. Und 0,5 Punkte nur deshalb weil es kalt ist. Um es etwas zu übertreiben und dadurch vorstellbar zu machen: Es schmeckt nach gegorenem Fußschweiß.
Wie haben die das nur hingekriegt? Ich hab auf der Schuleingangsfeier von Ida so ein kleines, rundes, gelbes Spaß-Bonbon-Ding probiert. Sieht harmlos aus, ist es aber nicht.
Yellie-Beans.
Gibt´s in allen schrägen Geschmacksrichtungen, wie alter Wundverband, stinkende Socken, Harzer Käse, alter Fisch, Hundefutter, faule Eier etc. Kann man versuchen, muss man aber nicht. Schmeckt Kindern, die sich gerne mal ekeln wollen und sich dabei scheckig lachen und kleinen Enkelinnen, die die Oma, also mich, an der Nase herumführen wollen.
War ja auch sehr lustig.
Aber das FüPüEis ist weder lustig, noch genießbar. Ich muss es leider im fürstlichen Park-Mülleimer entsorgen. Um schnell wieder Wind und frische Luft um mein Näschen zu bekommen.
Vom Pückler-Park weg durch Bad Muskau, was sehr hübsch anzusehen ist, zu dem Winzlingsort Eichwege, scharf rechts abbiegen und auf die ebenso zwergenhafte Straße nach Zelz.
Da bin ich wieder direkt an der Grenze und weit weg von der sogenannten Zivilisation. Klein-Bademeusel und das nicht gerade viel größere Groß-Bademeusel veranlassen mich, bei Wikipedia nachzuschauen, woher dieser lustige Name herkommt. Ich zitiere:
Klein Bademeusel wurde im Jahr 1495 als Kleynen Bademüßel erstmals urkundlich erwähnt. Der Ortsname leitet sich vom sorbischen Personennamen Badomysel ab, der wiederum mit „an Gott Denkender“ übersetzt werden kann.
Oh, Gott! Hat also nichts mit Bademäuschen zu tun, wie ich irrtümlich vermutete.
Aber immerhin hatte Klein-Bademeusel, im Jahre 2021, 76 Einwohner. Davon habe ich heute aber 0 gesehen. Auch Groß-Bademeusel glänzt nicht gerade mit Bevölkerungsdichte. Dafür ist die Landschaft schön.
Die nächst größere Stadt ist Forst. Hier muss ich auf die B112, auf der ich recht zügig über Guben nach Eisenhüttenstadt zu meiner nächsten Schlafstelle komme.
Im LAT Hotel. Plattenbau aus vergangener Zeit, ein schönes Beispiel sozialistischer Architektur in Betonbauweise. Im Hintergrund die Eisenhütte. Mein Zimmer ist im 6. Stock und nach hinten raus. Wahrscheinlich ist es da ruhiger, denke ich so.
Allerdings ist nicht viel los hier und es ist wirklich sehr ruhig. Eisenhüttenstadt ist eine Stadt mit einer ganz besonderen Geschichte – sie ist nämlich die erste planmäßig errichtete sozialistische Stadt Deutschlands. Eine Stadt aus dem Reißbrett.
Gegründet 1950 unter dem Namen Stalinstadt, benannt nach Josef Stalin. Ziel war es, eine moderne Wohnstadt für die Arbeiter des neu entstehenden Eisenhüttenkombinats zu schaffen.
Erst 1961, im Zuge der Entstalinisierung nach dem Tod von Josef Stalin, erhielt sie ihren heutigen Namen.
Eisenhüttenstadt gilt heute als einzigartiges Denkmal der DDR-Stadtplanung. Die Wohnkomplexe sind großzügig angelegt, mit viel Grün, breiten Straßen und klaren Achsen. Besonders typisch ist der sogenannte sozialistische Klassizismus – eine Architektur mit symmetrischen Fassaden, Schmuckelementen und viel Wert auf Repräsentation.
Ich gehe ich noch etwas spazieren. Wenn ich heute durch Eisenhüttenstadt gehe, fällt mir sofort dieser Unterschied zu früher auf. Die Straßen sind breit, fast schon zu breit für das wenige an Verkehr, was heute unterwegs ist. Ich kann mir gut vorstellen, wie belebt das hier einmal gewesen sein muss.
Viele Häuser sind saniert, sehen ordentlich und gepflegt aus. Andere sind verschwunden. An ihrer Stelle liegen jetzt Wiesen oder kleine Grünflächen. Das wirkt ruhig, fast ein wenig leer, nicht wirklich unangenehm. Aber irgendwie unwirklich. Hier könnte auch ein Science-Fiction Film gedreht werden. Mit einer komplett, in Windeseile, verlassenen Stadt gedreht werden.
Es ist insgesamt stiller geworden. Wenn ich so durch die Anlagen gehe, denke ich daran, wie hier früher das Leben getobt haben muss – Menschen auf dem Weg zur Schicht, Kinder, die draußen spielen, der Alltag rund um das Werk.
Und trotzdem ist die Stadt nicht aufgegeben. Man sieht, dass hier noch Leben ist. Auf den Balkonen stehen Blumen, in den Höfen wird sich gekümmert. Es ist alles etwas ruhiger geworden, vielleicht auch langsamer – aber auf eine eigene Weise passt es so.
Die einzige geöffnete Lokalität die ich hier ausmachen kann, ist im Hotel-Plattenbau und wird von einer griechischen Familie betrieben. Das ist prima, denn ich habe Hunger. Das Lokal wirbt noch mit einem Biergarten. Leider öffnet es erst um 18 Uhr.
Es ist schön warm und noch scheint die Sonne und da freue ich mich auf ein schattiges Plätzchen unter, idealer Weise, Kastanienbäumen im griechischen Biergarten. Also begebe ich mich durch den Gastraum nach draußen.
Ich liebe Überraschungen.
Denn der „Biergarten“ ist alles andere als ein B i e r g a r t e n.
Das überraschende an meiner Fantasie ist die Überraschung. Die des öfteren komplett in gegenteilige Fakten driftet. Zitat aus einem schlauen Buch:
Der bewegliche Geist kann aus wirklich jedem Erlebnis eine individuelle Sinnhaftigkeit filtern.
Meine Sinnhaftigkeit besteht hier darin, dass mir der hübsche, junge, griechische Kellner, gewinnend lächelnd, zu meinem bestellten Bier einen Ouzo spendiert.
Wie durch Zauberhand ist es plötzlich doch ein wirklich schöner Biergarten. Und das Essen ist auch gut.
Meine Vorfreude auf den morgigen Tag wird durch ein zweites Bier (mit Ouzo aufs Haus) noch gesteigert.
Morgens um 9.30 Uhr holt mich Sebastian B. ab. Da sollte ich fit sein.
Das jährliche Zusammentreffen mit dem TMOC, dem Motorradclub, in Hilders, war für mich eine Art Erweckung in Sachen Motorrad und Hilfsbereitschaft. Da sind Freundschaften entstanden auf die ich während der Reise ganz und wie selbstverständlich bauen kann. Ich hab das nicht verlangt, nein nein. Die Angebote zu einem Treffen oder einer Begleitung kamen auf mich zu, nachdem ich von meinem Vorhaben erzählt habe.
Sebastian lebt in Berlin, fährt das gleiche Triumph Modell wie ich und ist ein lustiger, entspannter, genießerischer Zeitgenosse. Er hat mir geschrieben und mir angeboten mich ein Stück meiner Route zu begleiten und mir seine Haus- und Lieblingsstrecke in Polen zu zeigen. Da sag ich doch nicht nein.
Also, nicht verschlafen und ab ins Bett.
Das war es erstmal für diesen Monat. Nächsten Monat erzähle ich euch hier, wie es weiter geht.
Freue mich auf eure Kommentare.
Eure Barbara
Dieser Beitrag hat 6 Kommentare
Vielen Dank! Hat mir selbst großen Spaß bereitet. Liebe Grüße Barbara
Hallo Barbara,
seit langem habe ich nicht mehr so gerne einen Reisebericht gelesen. Dein schreibstiel und die Ausdrucksweise gefallen mir sehr und ich bedauere, dass ich mich an keine Unterhaltung mit dir, erinnern kann. Es mag ja sein, dass wir uns noch nicht unterhalten haben. Ich hoffe da etwas nachzuholen.
Liebe Grüße
Michel
Vielen Dank, Michel, das freut mich sehr. Dieses Jahr kann ich leider nicht in Hilders dabei sein. Bin im Schwarzwald unterwegs. Habe aber fest vor im November zum Jahresabschlusstreffen zu kommen. Vielleicht sehen wir uns ja dort? Wo fährst Du denn so rum, bzw. wo ist Deine Heimat? Liebe Grüße Barbara
Hallo Barbara, dein Reisebericht ist so lebendig und liebevoll geschrieben, dass man das Gefühl hat, direkt mitzufahren. Da kribbelt es einem sofort in den Fingern, den Helm zu schnappen und deine Route nachzufahren – eine perfekte Kurvenfolge aus Text und Fernweh! Ich bin gespannt auf die Fortsetzung deines Reiseberichts deiner Deutschlandtour und freue mich schon auf die neuen Geschichten, die du sicher mitbringst. Wir sehen uns bestimmt bald wieder, spätestens in Hilders auf unserem „heiligen Berg“ – da wird dann live nacherzählt und Benzin geredet! DLzG Falk
Vielen Dank, Falco, es freut mich, dass ich bei Dir so schöne Gefühle und Reiselust entfacht habe. Mir geht’s da genauso. Ich könnte sofort wieder losfahren. Liebe Grüße Barbara
Hallo Barbara, klasse geschrieben. Freue mich schon auf den nächsten Teil des Reiseberichts und auf ein Wiedersehen in Hilders auf unserem Berg! Liebe Grüße und immer genug Grip am Reifen. Ralf