So jetzt geht es mit meiner Story weiter. Freut mich, dass ihr meiner Geschichte folgt.
4. Mit Rückenwind nach Norden
Tag 6- 12.8.25 –
Eisenhüttenstadt – Zollbrücke, Polen, zurück nach Zollbrücke – 290km
Am Morgen bin ich schon frühzeitig in meinem Ausgehgewand. Gefrühstückt, gepackt, Villie vom Hof vor das Hotel gefahren, damit mich Sebastian gleich sieht. Ich bin wirklich IMMER zu früh dran, wenn es heißt um eine bestimmte Uhrzeit an einem bestimmten Ort zu sein. Gleichzeitig habe ich auch das Talent, zwar überpünktlich, aber den vereinbarten Ort mit einem Anderen zu verwechseln.
Um dann noch länger, und das vergeblich, zu warten. So geschehen, bei meinem wichtigsten Date vor 24 Jahren, mit meinem Ehemann. Hat aber dann doch noch geklappt.
Gut, dass es heutzutage Handys gibt. Nutzt allerdings nichts, wenn ich vergesse die Lautstärke hochzudrehen. Vielleicht lerne ich das ja auch noch. Bin ja noch jung.
Aber heute klappt alles hervorragend.
9.30 Uhr- Punktlandung. Wir freuen uns, uns zu sehen. Sebastian fährt vor und ich genieße die Fahrt ohne die Verantwortung für die richtige Strecke zu haben. Solange die Sonne um diese Zeit von rechts auf mich scheint kann´s nur nach Norden gehen.
Wir fahren zuerst zu meiner heutigen Unterkunft Zollbrücke direkt an der Oder, um mein Gepäck abzusatteln. Das sind nur 110 km. Dort angekommen kann ich schon auf mein Zimmer und freue mich über die liebenswürdige Pensionswirtin. Wirklich reizend hier.
Ein kleines, schnuckeliges Häuschen mit Café, kleinem Kiosk mit selbstgemachtem Eis und ein paar Zimmerchen.
Direkt an der Oder, nicht hinterm, sondern auf dem Deich. Hier endet die Straße aprupt, auf welcher man Zollbrücke von Bad Freienwalde oder Wriezen aus erreichen kann. Himmlische Ruhe und nahezu unendliche Weite, gestört nur durch das Klappern der Störche, das sanfte Rauschen der Oder. Allenfalls das leise dahingleiten ein paar alter Schubkähne oder vorbeiziehende Kraniche und Wildgänse könnten diese Idylle stören- so möge das Ende der Welt aussehen – und so ließe es sich auch gerne Aushalten.
Wir haben ja noch was vor, bzw. Sebastian will mir seine Heimat von ihrer schönsten Seite zeigen. Unser nächstes Ziel ist Niederfinow. Das älteste noch arbeitende Schiffshebewerk Deutschlands will ich unbedingt sehen.
Ein historisches Wahrzeichen und ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Und hoch ist das auch, ganze 60 Meter.
Selbstverständlich müssen wir da auch hinauf. Ich wollte das zuerst gar nicht, es ist nämlich sehr heiß und durch die Sonne bin ich geistig etwas ermattet. Aber kneifen gilt nicht. Punkt. Sagt der gestrenge Herr Sebastian. Er hat ja so recht. Ist ja auch mal schön dass ich die Entscheidung nicht selbst treffen muss.
Oben angekommen gebe ich unumwunden zu, dass ich schwer beeindruckt bin. Dieses Bauwerk ist quasi das Neuschwanstein des äußersten Nordostens. Es weht ein laues Lüftchen, der weite Blick, einfach wunderschön. Das sind die Momente die das Glücksgefühl expandieren lassen.
Unser nächstes Ziel befindet sich in Polen. Wir überqueren die Grenze in Hohenwutzen und wollen in einem kleinen Restaurant ein typisches polnisches Gericht zu uns nehmen. Sebastian empfiehlt mir Pirogi, das sind Teigtaschen, gefüllt mit Kartoffeln und Quark. Gute Empfehlung, sag ich da. Sie schwimmen in Butter und schmecken einfach köstlich. Diese Stärkung kann ich gut gebrauchen, denn zu diesem Zeitpunkt weiß ich ja noch nicht, was auf mich zukommt.
Aber erst geht´s ganz gemütlich auf kleinsten Sträßchen über Cedinya nach Radostow. Hier befinden wir uns schon im Nationalpark Krajobrazowy, ältester Naturpark in Ermland und Masuren. Im Park wachsen ca. 850 verschiedene Pflanzenarten, darunter der vermutlich älteste Baum Masurens, die „Königliche Fichte“. Neben Rotwild, Wildschweinen, Bibern, Uhus und Fischottern wohnen hier auch seltene Tiere, wie Elche und Wölfe.
Da wir uns im Naturschutzgebiet befinden wird auch die Straße zunehmend natürlich.
Soll heißen: unbefestigt, mit tiefen Spurrillen, teils mit grobem Schotter, mitten im dunklen Tann.
Fällt für mich in die Kategorie: Teilkasko mit Eigenbeteiligung.
Vorbei an wilden Bachläufen mit Biberbauten, die ich so noch nie gesehen habe. Echte Architekten des Waldes. Falls sich ein Elch, Wolf, Wildschwein oder Hirsch in unserer Nähe befindet, bemerke ich die Tiere nicht. Dieser Waldweg ist eine echte Herausforderung für mich. Sebastian fährt sehr sicher und langsam vor mir her, ist ja auch ein Heimspiel für ihn. Ich hingegen bin hochkonzentriert und riskiere keinen Seitenblick zu den Schönheiten des Waldes.
Aufgemerkt! Vertrauen in den der sich auskennt, löst Ängstlichkeit auf.
Die Fahrt durch den Nationalpark auf diesem steinigen Pfad ist aber ein echtes Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Auf einer Skala von 1-10, eindeutig 10. Doch auch der ruppigste Weg hat einmal ein Ende. In Stare Lysogorki gibt es ein Wirtshaus. Schaut ziemlich verwegen und ungepflegt aus und- hat geschlossen. Ist wohl schon lange nicht mehr bewirtschaftet worden. Einsam ist es hier.
Der Abstecher durch das Naturschutzgebiet hat sich auf jeden Fall länger angefühlt, als er tatsächlich war, nur 50 km.
Mein Gefühl hat mit 100 km falsch gefühlt.
Auf dem Rückweg kaufe ich mir auf dem Polenmarkt an der Grenze noch eine kleine Brotzeit und eine Flasche Wein, da in Zollbrücke ebenfalls kein Wirtshaus geöffnet hat. So ein schönes Land mit einer solchen Wirtshauswüste.
Vor Bad Freienwalde heißt es Abschied nehmen. Sebastian fährt zurück nach Berlin, ich in mein Zollhäuschen. Einen kleinen Moment fühle ich mich sehr verlassen.
Mein schmales Abendessen, Weißbrot, polnischen Räucherkäse, Tomaten mit Weißwein genieße ich ganz alleine am Oderufer und lausche der absoluten Stille. Ich bleibe bis es dunkel wird und schaue auf dieses zähe Dahinfließen des Wassers vor meinen Füßen und komme in eine melancholische Schwärmerei. Diese Ruhe, meine in sich gekehrte Stimmung, welch unglaubliche Bereicherung. Das sind die kleinen Sternminuten. Das erinnert mich an ein Buch von Stefan Zweig – Sternstunden der Menschheit. Ist etwas groß gedacht von mir. Ich bewege ja nichts im Weltgeschehen. Und doch bewegt sich etwas in mir und auf mir.
Stechmücken holen mich aus diesem herrlichen, meditativen Zustand zurück. Die Erweckung der besonderen Art.
Teil II- Weite
Tag 7- 13.8.
Zollbrücke – Pasewalk, 120 km
Um 6 Uhr morgens aus traumlosem Tiefschlaf erwacht. Fühle mich frisch und erholt. Obwohl die Fahrt heute recht kurz ist, packe ich schon meine sieben Sachen und frühstücke entspannt in dem liebevoll eingerichteten Wohnzimmer mit Blick auf die Oder. Heute kann ich alles etwas gemütlicher angehen lassen.
Mein nächstes Ziel ist das Fontane-Haus in Schiffmühle. Liegt ja fast auf dem Weg. Ich biege in Gabow nach links ab und fahre erst an der Stillen Oder, weiter in Neutornow an der Wriezener Alte Oder entlang und bin in diesem ruhigen kleinen Vorort von Bad Freienwalde, in Schiffmühle, einer Idylle zwischen Berg und Tal, angekommen.
Hier befindet sich das Elternhaus des Schriftstellers Theodor Fontane. Ein geducktes, kleines Häuschen mit einem wunderschönen, gepflegten Wildgarten. Mit meiner Idee im Museumscafé etwas zu verweilen wird das nichts. Museum geschlossen. Auf der Hauswebsite ist folgendes zu lesen:
Das Fontanehaus ist in diesem Jahr, aus wirtschaftlichen Gründen, nicht durch die Tourismus GmbH betreibbar.
Zumindest wird es von Liebhabern sorgsam gehegt und erhalten.
Ja, das ist schade. Aber es ist ja auch nicht das erste Mal während meiner bisherigen Reise, dass die Türen meiner Begehrlichkeiten geschlossen sind. Und ausgerechnet heute hätte ich mir die Zeit genommen, etwas Kultur in meinen kilometerfressenden Motorradalltag zu bringen. Nun gut, kann ich alles auf der Website nachlesen.
Der Weg zurück auf die geplante Strecke ist ja auch wunderschön. Er führt mich durch Oderberg, auf meiner linken Seite sehe ich den Pimpinellenberg (der heißt wirklich so), die markanteste Erhebung der Region, die mit steilen! Hängen zum Niederoderbruch hin abfällt. Immerhin erreicht er eine Höhe von 120 Metern. Vor mir der kleine Galgenberg, 43 Meter. Die ziemlich unkurvige Straßenführung bietet jetzt großschweifigen Blick übers Land. In Angermünde erlaube ich mir eine kleine Runde um den örtlichen Marktplatz, ich hab ja Zeit.
Recht gemütlich treffe ich in Pasewalk ein, meinem Zielort.
Meine heutige Nacht werde ich auf dem ehemaligen Bahngelände, im Lokschuppen verbringen. Die Buchung dafür habe ich schon in München gefixt.
Kategorie: Schlafwaggon- Einzelabteil, Abt. 4, macht 35,09 €. incl. Parkplatz und WLAN. Da braucht man sich nicht beschweren. Und ein Erlebnis ist es auch. Ich werde also in Eintönigkeit nicht untergehen.
Dort angekommen ist es schon mal beeindruckend. Als ich am Lokschuppen in Pasewalk ankomme, wirkt alles erst einmal ruhig. Fast unscheinbar steht das alte Backsteingebäude da, als würde es gar nicht viel von sich preisgeben wollen.
Doch je näher ich komme, desto mehr spüre ich, dass hier einmal richtig Betrieb war. Wo heute Stille herrscht, wurden früher Lokomotiven gewartet, rangiert und für ihre nächsten Einsätze vorbereitet. Das heutige Museum im 125-jährigen Lokschuppen mit seiner historischen Architektur muß für Eisenbahnfans eine Erleuchtung sein.
Den Abteilschlüssel für meine nächtliche Kemenate im Schlafwagen hab ich mir im ehemaligen Pförtnerhaus, am Eingang des großen Geländes, abgeholt und Villie steht auf einem schattigen Platz.
Es ist nämlich verdammt heiß.
So, alles verstaut, das Gelände erkundet und schon könnte ich mich in ein erfrischendes Bad stürzen. Die Ostsee allerdings ist jetzt zu weit dafür.
Aber es gibt sicher ein Freibad. Genau, da will ich jetzt hin. Da ich erst gegen 17 Uhr in das wohlverdiente, kühle Nass hüpfe, es sind kaum noch Gäste da, kann ich ein paar Bahnen in Ruhe schwimmen. Erfrischt und zufrieden suche ich mir in Pasewalk ein Lokal. Ich finde einen Italiener und bestelle Spaghetti Bolognese, nicht gerade ein typisches Gericht der Region, macht aber satt und ist ein krasser Gegensatz zu meinem gestrigen spartanischen Mahl.
Mit mir und der Welt zufrieden komme ich am Gelände der ehemaligen Schlaf- und Speisewagengesellschaft an.
Heute Abend ist noch Waschtag. In den Waschräumen auf dem Gelände wasche ich T-Shirt und Unterwäsche und hänge sie in meinem Abteil an die dünne Vorhangsschnur am Schiebefenster der ehemaligen Deutschen Reichsbahn.
Die Möglichkeit hier, auf dem ehemaligen Bahngelände, bietet Jugendgruppen, Familien, Radfahrern oder eben auch Einzelreisenden eine schöne Alternative zu Campingplätzen oder Hotels und Pensionen. Die große Gemeinschaftsküche, die Waschräume, der Speisewagen, der ehemalige Lokschuppen bieten vielfältige Optionen der Freizeitgestaltung.
Ich könnte hier z. B. auch mein Zelt aufschlagen. Mach ich aber nicht. Ich möchte den Schlafwagenschlaf rundum genießen. Mit diesem ganz eigenen Duft der Originaleinrichtung. Weinrote, blankgeputzte Resopalmöbel auf einem Hauch von Linoleumbodenbelag. Sogar ein kleines ausklappbares Tischlein, auf dem ich ganz hervorragend meine Planung für morgen bearbeiten kann.
Meine bisherigen Unterkünfte habe ich zu meiner Beruhigung bereits in München über Booking gebucht. Ab jetzt widme ich mich täglich um meine sorgenfreie Bettruhe. Falls ich mal wirklich gar nichts finde, habe ich für alle Eventualitäten das kleine Campingbesteck dabei. Ich bevorzuge jedoch ein Bett mit festen Wänden drumherum. Selbiges finde ich in Klausdorf an der Ostsee.
Tag 8- 14.8.
Pasewalk – Klausdorf, 140 km
Um 6 Uhr wache ich total ausgeruht und entspannt aus meinem traumlosen Schlaf auf. Das hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Dieses doch recht schmale Klappbett, die enge Kabine, meine olfaktorische Wahrnehmung, die noch immer etwas nach Putzmittel des Ostens, nach Fit, Ata oder Spee erinnert, ein Potpourri der besonderen Art hat sich offenbar günstig auf meinen Schlaf ausgewirkt.
Meine Wäsche am Fenster wurde vom milden Nachtwind getrocknet und ist verstaut.
Froh gelaunt sattele ich Villie auf und freue mich auf ein Frühstück irgendwo auf dem Weg nach Klausdorf.
In Eggesin, an der Ueckermünder Heide, halte ich an der Quelle der Entzückung an. Eine winzige Bäckerei an der Straße mit Parkbucht davor.
Genau so hab ich mir das vorgestellt. Die Sonne scheint, ich kann Kaffee und ein belegtes Brötchen (Semmel ordern funktioniert hier nicht) bestellen, freundlich am kleinen Tisch auf dem Gehweg serviert bekommen und genießen.
Bis die Mehllieferung im riesigen LKW- Transporter vor meiner Nase hält.
Gefühlte 30 Minuten wird Mehl durch einen ebenso riesigen Schlauch in die kleine Backstube geblasen. Trotz der enormen Lautstärke entspinnt sich ein nettes Gespräch mit dem Fahrer des Müllroser Mehls und lässt die Wartezeit schnell vergehen.
In Anklam angekommen überlege ich kurz, ob ich mir die komplette Usedom Umrundung spare und erst in Wolgast auf die Insel fahre, um dann in Peenemünde mit der Fähre nach Freest überzusetzen. Im Mai waren wir schon auf Usedom und haben da Freunde besucht. Ich kenne die Insel also schon auf ihrer östlichen Seite.
Außerdem ist es ganz schön warm, um nicht zu sagen brüllend heiß, und ich will heute unbedingt noch in der Ostsee baden. Also, flux, flux, Fräulein Fuchs.
Am Peenestrom entlang fahre ich bis Wolgast zur Peenebrücke, einer Klappbrücke die zu bestimmten Zeiten für die Schifffahrt nach oben geklappt wird. Hier stehe ich auch das erste Mal seit meiner Abfahrt am 4.8. im Stau.
Jetzt ist es auch nicht mehr heiß, sondern schwül. Die Wartezeit hält sich in ertragbaren Grenzen und auf der anderen Seite, auf Usedom angekommen, gibt’s von oben eine kleine Dusche aus der einzigen schwarzen Wolke, die gerade über mir ist. Ist das angenehm. Helm ab, Jacke aus, Abkühlung genießen.
Ein Auto mit Miesbacher Kennzeichen hält hinter mir. Das Ehepaar will ein Foto der Klappbrücke für die Nachwelt knipsen. So wie ich. Jedem seine Nachwelt, sag ich da nur.
In dem Moment, die Kameras sind in Angriffsstellung, öffnen die himmlischen Schleusentore und ein enormer Wasserschwall fällt auf uns herab. So schnell kannst du nicht gucken. Die netten Miesbacher holen schnell einen Schirm und nehmen mich unter ihren Schutz.
Ein kurzes Schwätzchen in unserem gemeinsamen Dialekt erwärmt mir mein Herz.
Wie muss es da den vielen Menschen gehen, die einen nicht wirklich freiwilligen Weg auf sich genommen haben um hier bei uns Frieden zu finden. Die fernab ihrer Heimat und ihren Lieben, ihren Gewohnheiten, ihrer Kultur, andere Menschen mit ähnlichen Schicksalen treffen, die ihre Sprache sprechen.
Und wie viel ungleich mehr haben wir es gut. In unserem eigenen Mikrokosmos können wir uns über viele Dinge so richtig schön aufregen, aber erst über dem Tellerrand wird’s interessant, erhellend, spannend. Manchmal halt auch befremdlich und widersprüchlich. Aber mit Rechthaberei und Pampigkeit wird kein Ziel erreicht. Und wenn ich mir das so recht überlege, haben wir mit vielen Mitmenschen sicher auch Gemeinsamkeiten, die es zu erkunden gilt. Und sind sie noch so klein. Verbindungen schaffen, das ist das begehrenswertes Ziel.
So, Nachdenklichkeitsschalter wieder umlegen und zurück in die Realität vor Ort.
Jetzt bin ich zwar trocken geblieben, mein abgelegtes Gewand auf meinem Gefährt jedoch nicht.
So schnell der kurze Schauer gekommen ist, so schnell ist er auch wieder gen Osten gezogen. Das ist auch gut so, denn ich will ja zunächst nach Westen weiterfahren. Der warme Wind trocknet alles im Nu.
Ich liebe dieses Wetter. Vor Allem den Wind. Der pustet das Gehirn frei. Alle Schmach, miese Gedanken, so es denn welche gibt, werden davon geblasen. Allein schon die Vorstellung hilft dabei.
Bannewitz, Zinnowitz, Karlshagen, Peenemünde. Ein Traum, so wunderschön hier, die Kiefernwälder mit den Zugängen zum Strand der Ostsee. Da bin ich kurz geneigt meinen restlichen Tag hier zu verbringen. Ist mir allerdings zu umständlich und kostet mich Zeit. Die ich noch brauche um zur Unterkunft zu kommen.
Es überrascht mich sehr, dass ich mir für manche Gelüste, die sich mir am Wegesrand anbieten, nicht die Zeit nehme. Da überlege ich schon eine ganze Weile, an was das liegen könnte. Ich schätze mal, es hat was mit Unerfahrenheit in einer Gemengelage mit Neugier auf die nächste Situation zu tun. Erfahrene Motorradfahrer und-innen könnten hier etwas dazu beitragen. Ist aber gerade keiner da.
Macht nichts. Ich kann auch während des Weiterfahrens auf brillante Erkenntnisse stoßen und genießen.
In Lubmin bekomme ich Hunger. Das lässt mich richtig nervös werden. Mein Blutzucker ist unten. Da versteh ich dann überhaupt keinen Spaß mehr. Jetzt muss es schnell gehen. Ich sehe direkt am Strand eine Fischbude. Mein Sehnsuchtsort, die schönste Bude die ich je gesehen habe. Die Gier lässt gerade alles im rosaroten, weichgezeichneten Licht erscheinen. Natürlich sitze ich hier vor der Bude nicht auf einer Marmorterrasse eines Gourmettempels. Aber authentischer ist es hier schon.
Allein schon dass ich hier, an der See, Fisch esse, lässt ihn gleich noch besser schmecken. Satt und zufrieden ist die Fischbudenfachverkäuferin meine beste Freundin geworden.
Greifswald umfahre ich. In Stralsund trinke ich wieder einmal Kaffee und habe die gleiche Überlegung wie für Usedom.
Will ich die Rügenrunde mitnehmen?
Oder geh ich lieber schwimmen und buddel die Füße in den Sand?
Ich entscheide mich für die zweite variante. Dann kann ich mir auch noch den Hafen von Stralsund anschauen. Fahre auf extrem buckligem Kopfsteinpflaster am Ozeaneum vorbei wieder stadtauswärts. In 20 Minuten komme ich in Klausdorf an. Die kleine Pension heißt Schwalbennest und ist richtig hübsch. Auf Abendessenssuche im Internet finde ich wiederum -nichts. Herrschaftszeiten sagt die Bayerin…es ist doch Hochsaison! Gegenüber dem Schwalbennest ist ein Wirtshaus, ja, das schon. Aber eben geschlossen. Gut, dann gibt’s halt mal gar nichts. Hab ja heute schon Fisch gehabt. Geh ich eben hungrig schwimmen. Selber schuld.
Vor dem kleinen Pfad zum Strand gibt es einen Parkplatz. Bevor ich mit dem Lesen am Bezahlkasten fertig war, spricht mich ein älteres Ehepaar freundlich an.
Ich darf gerne in ihrer Garageneinfahrt parken, sagen sie. Dann kann ich mir das Geld sparen. Und Zeit lassen kann ich mir auch, sie fahren heute nicht mehr weg. Wo ich herkomme, wohin ich will, sogar nach dem Warum werde ich gefragt. Da geb ich doch bereitwillig Auskunft. Kam ja bisher nicht so oft vor, dass großes Interesse an meiner Person und der Reise gezeigt wurde. Nicht, dass ich es vermisse, mich wundert es nur.
Vielleicht ist für viele nicht erklärlich, dass Frau alleine so in der Gegend rumfährt. Männer sind da ja mit Nachfragen eventuell noch zurückhaltender, haben vielleicht Bedenken, es könnte zu intim sein. Sexuelle Belästigung, und so. Oder ganz anders- ich könnte was von Ihnen wollen. Auch diese Möglichkeit soll es geben.
Umgekehrt habe ich so gar keine Bedenken alleine zu reisen. Mittlerweile falle ich vermutlich aus jedwedem Beuteschema. Lustig eigentlich, je älter ich werde umso einfacher werden viele Dinge. Das nenn ich mal Freiheit. Daher meine ich, dass die jugendliche Freiheit überbewertet wird. Somit bin ich wirklich einig mit mir und meinem Alter.
Noch etwas sinnierend gehe ich zum Klausdorfer Badeplatz. Der Naturstrand ist wirklich was ganz Besonderes.
Kaum Leute, nicht so aufgebrezelt wie die klassischen Touristenstrände, also auch kein Kiosk mit Musik und überflüssigem Firlefanz. Obwohl ich insgeheim auf eine kleine Frittenbude gehofft hatte.
Mittlerweile hab ich gelernt mit wenig auszukommen.
Ab ins Wasser und sich freuen ist mein Motto der nächsten Minuten. Das ersehnte, kühle Nass ist zwar recht warm, dafür gehe ich Minimum 500 Meter auf dem sandigen Seeboden, bis ich mal in Bauchnabelhöhe im Wasser stehe. Sehr natürlich, der Naturstrand, sag ich da bloß. Die schöne, friedliche Atmosphäre hier versöhnt mich umgehend.
Ich lege mich auf den Rücken, lass mich von den schüchternen, lauwarmen Wellen hin und her schaukeln, schaue in den blitzblauen Himmel und bin zufrieden. Mit allem.
Aber auch hier gibt es in den Abendstunden in Schilf Nähe Stechmücken. Und auch hier nerven die Biester trotz schönster Umgebung. Da geht meine Zugewandtheit für ökologisches Gleichgewicht schnell flöten. Ich suche schleunigst das Weite. Bis zu meinem „Privatparkplatz“ spaziere ich noch durch den kleinen Park.
Entspannt fahre ich das kurze Stück zurück in die Pension. Noch ein kleiner Abendspaziergang und ein wunderschöner Tag geht zu Ende. Nach wenigen Metern sehe ich Licht im Wirtshaus. Ha! Doch offen? Jaaaa! Welch eine Freude.
Da alle 4 mikroskopisch kleinen Tischlein mit handgeschriebenen Reserviert-Zetteln markiert sind, frage ich die teilnahmslose Wirtin wo ich mich hinsetzen darf. Ihre Reaktion kommt nach einer gefühlten Ewigkeit. Zwei Worte können so bitter sein.
Sie sagt:
Alles reserviert (Mit drei Ausrufezeichen)
Aha. Das war nicht meine Frage, lesen kann ich auch. Trotz meiner Tiefenentspannung könnte ich jetzt geistig und emotional aus der Kurve fliegen. Bringt mich aber nicht weiter. Habe spontan meine Gesichtsfarbe verloren und erinnere mich an meine Erkenntnisse, die ich schon gewinnen durfte. Da war doch was mit Pampigkeit? Ok, umschalten und das Gute im Menschen sehen.
Und das Gute kommt von Stammtischgästen die an ebendiesem Tisch sitzen und Platz für mindestens sechs weitere Personen haben. Die einheimische Bevölkerung bittet mich am Ehrentisch Platz zu nehmen. Dankend nehme ich an. Kaum das ich mich in deren Richtung bewege, schreitet die Chefin des Hauses ein und sagt tatsächlich: Das bestimme immer noch ich, wer hier sitzen darf. WOW.
Da sind selbst die Klausdorfer sprachlos. Der Moment wirkt wie eingefroren und für eine Millisekunde scheint die Welt still zu stehen. Bis irgendeine höhere Macht den Hebel wieder umlegt und die Stammgäste wieder in Bewegung kommen. Sie haben ihre Sprache wiedergefunden mit einer Ansage an die Wirtin, die den Namen nicht verdient:
„Wir wollen aber das sie bei uns sitzt“
Somit darf ich am Stammtisch sitzen und wurde sogar bedient. Mit Vorbehalt habe ich auch etwas zu Essen bestellt. Ein böser Gedanke hat sich in mein Hirn geschlichen. Was, wenn sie mir ins Essen spuckt?
Wie um etwas gutzumachen spendiert die, deren Name ich nicht aussprechen will, eine Runde Schnaps. Ich bin ja so gar nicht nachtragend, da es mir auch nichts nützen würde. Also lobe ich auch noch die hervorragende Küche. Der Bann ist gebrochen und so erfahre ich von ihr, dass sie mit Ihrer Frau! man höre und staune, eine/n Nachfolger/in für das Wirtshaus sucht, aber nicht findet. Das erklärt alles. Wie schnell sich ein erster Eindruck ins genaue Gegenteil kehren kann. Tja, da sollte man geschmeidig bleiben.
Trotz des holprigen Starts ist es noch ein lustiger Abend geworden.
Letzte Runde gegen 23.30 Uhr. Jetzt aber hurtig. Noch schnell die Strecke planen, Unterkunft fixen und ab ins Bett.
Tag 9- 15.8.
Klausdorf – Neubukow, 140 km
Der neue Morgen ist trüb und es muss etwas geregnet haben. Wie üblich packe ich zuerst meine Tasche und befestige alles auf Villie. Dummerweise habe ich ziemlich nah an einem Busch geparkt und musste zum Aufsatteln kleine Verrenkungen machen um gut festzuzurren. Und diese Unruhe am Gesträuch hat alle Stechbiester geweckt, die im dichten Grün beherbergt waren. Die Blutsauger haben innerhalb weniger Sekunden alles gestochen und ausgesaugt, was ihnen an unbekleideter Haut vor den Rüssel kam. Da werde ich aber ganz geschwind ziemlich hektisch. Das hab ich ja dick. Diese Stecher vermiesen mir noch meine freudige Aufbruchstimmung. Heute muss ich mir dringend ein wirksames Antimückenmittel kaufen.
Die morgendliche Fahrt versöhnt mich mit dem vorigen Ungemach. Es ist noch etwas dunstig, warm, aber noch nicht schwül. An der Küste entlang Richtung Barth. An Kinnbackenhagen und Nisdorf vorbei habe ich auf den Wiesen unglaublich viele Kraniche gesehen. Eigentlich sollten die doch längst in Afrika sein. Nur im Frühjahr beim Flug Richtung Süden, aus Schweden kommend, ruhen sie sich hier aus und stärken sich für die Weiterreise. Ich reiße mich von dem schönen Anblick los. Und reise weiter.
Weiter geht’s nach Barth, zur Meiningenbrücke, die Verbindung auf Fischland-Darß-Zingst. Das ist eine Klappbrücke mit etwa 200 Metern Länge. Ein Merkmal der Behelfsbrücke ist das vorhandene Hubteil, das es ermöglicht, die Brücke für die Schifffahrt zu öffnen. Ein kleines bisschen aufregend ist es schon über diese Brücke zu fahren. Auf Zingst dreh ich die Inselrunde bis Prerow. Da gibt es zwei wichtige Dinge zu erledigen.
In Prerow kauf ich mir zuerst ein Mückenmittel und parke vor einem Café. Leute angucken und genießen. Der besondere Charme dieses alten Fischerdorfes macht Prerow zu einem der beliebtesten Urlaubsorte auf dem Darß.
Dabei ist es aber auch so, je weiter westlich ich komme, umso mehr Touristen sind unterwegs. Ich bin es ja auch. Allerdings fühle ich mich nicht wie die klassische Touristin. Sehe auch anders aus. Im hochsommerlichen Prerow bin ich da eher die Außenseiterin. Also, genug geguckt und weiter. Ich möchte mir in Ahrenshoop die Kunstgalerien anschauen. Etwas Kultur und Inspiration holen.
Da geht´s mir aber ähnlich wie in Prerow. Zu voll, zu laut und ich bin hier eher das Anschauungsobjekt. Zu allem Überdruss finde ich keine Parkmöglichkeit zwischen den Autos, geschweige denn auf dem schmalen Gehweg.
Also lass ich die Kunst Kunst sein, denn das kann sie auch ohne von mir gesehen worden zu sein. Es gibt mittlerweile so viele Orte und Sehenswürdigkeiten, die ich aus besagten Gründen nicht besichtigt habe. Das tut mir schon ein bisschen leid. Aber irgendwie bekomme ich das nicht hin, mir die nötige Zeit dafür zu nehmen. Gut, dass ich mir alles aufschreibe. Dann gibt´s eben eine extra Reise geben nur für diese Ziele. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Es ist allerdings auch so, dass ich immer neugierig bin auf die nächste Etappe und nicht die Muße finde, lange Pausen einzulegen. Die ständige Weiterfahrt macht aber auch zu viel Spaß.
Und so führt mich mein Weg an Ribnitz-Dammgarten vorbei zum Ostseebad Graal-Müritz. Puhhh- schaut genauso aus wie in Ahrenshoop. Same, same, wenig different. Also gleich weiter nach Hohe Düne zur Fähre, die mich nach Warnemünde bringt. Ich könnte ständig Fähre fahren. Entschleunigung pur. Der Wind weht dir lieblich um die Nase, keine Musik, nette Leute, die das auch alles ganz nett finden, kleine Plauderpäuschen, wunderbar. Die Überfahrt ist zu schnell vorbei. Ich merke mir dieses schöne Fährenfahrgefühl. Da muss ich mir mal eine längere Überfahrt aussuchen.
In Kühlungsborn steppt der Bär. Hier ist alles perfekt. Wahnsinnig elegant, sauber, schick. Hier reizt mich tatsächlich gar nichts. Nicht zu gucken, zu halten, teure Getränke zu konsumieren. Irgendwie alles zu schön. Trotz dieser wuseligen Lebendigkeit herrscht hier eine gewisse Ereignisarmut. Nix für mich. Nicht, dass ich ständig superduper Ereignisse bräuchte, nein, aber hier fühlt sich das für mich, trotz der Menschenmassen, erstaunlich leer an. Und sei es noch so schön hier. Mein persönlicher Urlaubsmodus ist gerade ein anderer.
Somit lasse ich das Ostseebad Rerik auch rechts liegen und komme in meiner Unterkunft in Neubukow an. Hier ist es überraschend ruhig, obwohl nur ein paar Kilometer vom Strand entfernt. Das soll mir recht sein. Meine Pension war mal ein Hotel, steht direkt am Rathausplatz und hat auch schon mal belebtere Tage gesehen. Wird jetzt von einer Familie geführt, die es aus dem, vermutlich, südasiatischen Raum bis hierher verschlagen hat.
Die sehr resolute Wirtin bringt mir den Zimmerschlüssel, nachdem ich sie über ihr Handy erreicht habe. „Gaststätte erst ab 18 Uhr geöffnet. Küche ab 19 Uhr. Kein Frühstück“ Alles klar.
So gesagt, in militärischem Grundton.
Ok, in der Fremde bin ich die Fremde und hier zu Gast. Also Klappe halten. Diese, mir wahrlich nicht in die Wiege gelegte Eigenschaft, hat sich ja schon einmal bewährt.
Mit Kultur beschäftigen lenkt ab. Also nutze ich die Gelegenheit und begebe mich auf Stadtbesichtigung.
In Neubukow ist der bedeutende Archäologe Heinrich Schliemann am 6.1.1822 geboren. Und es gibt ein kleines Museum, in dem sein Werdegang und seine wissenschaftlichen Erfolge erzählt und gezeigt werden. Da gehe ich jetzt hin. Durch eine reizende, kleine Altstadt spaziere ich über sehr buckliges Kopfsteinpflaster zu dem geduckten Häuschen, in dem sich das Heimatmuseum befindet.
Entzückend, märchenhaft, idyllisch und ruhig ist es hier. Ich bin die einzige Besucherin und bekomme eine kleine Führung.
Die Zeit vergeht dabei schnell und ich bin gerührt von der Museumsleiterin, die sich über meinen Besuch so gefreut hat. Sehr entspannt gehe ich zurück, stelle unterwegs fest, dass einige Läden unwiederbringlich geschlossen haben, weiter durch ein paar verwinkelte Gässchen um meinem, mittlerweile knurrenden, Magen ein vermutlich asiatisches Mahl zuzuführen.
Weit gefehlt, geschätzte 100 verschiedene Schnitzelgerichte. Burger, Spaghetti, alles außer asiatisch.
Ich entscheide mich für Hering, in Sahne mit Apfel, Zwiebel und Salzkartoffeln. Ist essbar, schmeckt aber genauso wie in jedem x beliebigen Lokal im tiefsten Oberbayern. Bin ja auch nicht zum Fine Dining hier. Die Hauptsache satt und ein Dach über dem Kopf.
Bei einem kleinen Bier beobachte ich die wenigen Neubukower, die über den Marktplatz von der Apotheke zum Drogeriemarkt und wieder hinterm Haus verschwinden, es werden keine kurzen Schwätzchen gehalten, jeder geht schweigend aneinander vorbei. Wirkt irgendwie unheimlich. Nebenbei gebe ich meine morgige Route ein, denn morgen treffe ich Thomas R. Auch ihn kenne ich aus unserem Club. Er erwartet mich um 10 Uhr an der Priwallfähre.
So, alle wichtigen Dinge für heute erledigt, die wackelige Handyhalterung am Lenker befestige auch noch rasch mit Klebeband wieder in die richtige Position. Haken dran und gute Nacht.
Das war es erstmal für diesen Monat. Nächsten Monat erzähle ich euch hier, wie es weiter geht.
Freue mich auf eure Kommentare.
Eure Barbara