Deutschland, (m)eine Grenzerfahrung – T4

So jetzt geht es mit meiner Story weiter. Freut mich, dass ihr meiner Geschichte folgt.

8. Kaffee umme Ecke

 

Tag 14- 20.8. 

Ohne (Schüttorf) – Wassenberg, 232 km

 

Das Frühstück ist fein und dringend nötig. Der Blick aus dem Fenster bietet mir heute keinen Sonnengruß, es ist bewölkt. Und obwohl ich richtig satt bin hängt meine bisher gute Laune etwas in den Seilen. Dabei ist die Fahrt an Bad Bentheim vorbei gar nicht so übel.

 

Die Grafschaft hat viel zu bieten! Auch einige große und kleine Sehenswürdigkeiten dürfen da nicht fehlen. Von B wie Bronzezeithof bis W wie Windmühle Veldhausen ist einiges vertreten. Heute für mich jedoch nicht. Ich seh das heute nicht. Auch Gronau lässt mich kalt und ich fahre etwas gelangweilt vor mich hin.

 

An endlosen Heidekraut-, Rotkohl- und was weiß ich für Feldern vorbei. Immer geradeaus an der niederländischen Grenze entlang. In Südlohn will ich eine Pause einlegen und auch da finde ich nichts Passendes für mein grantiges Gemüt. Ist vielleicht auch besser so. Ich bin heute nicht wirklich gesellschaftsfähig. Borken, Bocholt, das bisher einzige Highlight ist die Fahrt über den Rhein nach Rees, Kalkar mit seinem mittelalterlichen Stadtkern und statt dem „schnellen Brüter“ könnte ich den Freizeitpark „Wunderland Kalkar“ besuchen. Da gäbe es einiges für mich, um meine trübe Stimmung zu vertreiben. Aber nichts hilft gerade.

 

Vielleicht hilft es mal zu tanken und einen Kaffee an der Tankstelle zu trinken, um meinen inneren Miesepeter auf ein annehmbares Maß zu verkleinern. Eine bombastische Idee von mir. Was für eine Abwechslung im Motorradalltag. Ich werde also nicht in Trübseligkeit untergehen. Die Erlösung kommt in Kevelaer. Die kleine No Name Tankstelle steht wahrscheinlich schon seit den 60er Jahren und vermittelt einen Hauch von „damals“. Kaffee gibt’s zwar keinen, dafür kleine Süßigkeiten, die auch schon den Zenit der Ansehnlichkeit überschritten haben. Ist ja auch schon eine alte Tankstelle.

 

Gerade sitze ich wieder auf Villie, da fährt ein kleiner Motorroller mit Mensch obendrauf, neben mir mit gefühlten 100 km/h vorbei und ruft: Kommummeeckekrichstenkaffeefürummes….ich kann gar nicht so schnell gucken, geschweige denn verstehen. Einzig – komm umme Ecke und Kaffee habe ich verstanden. Das Wort Kaffee hat gereicht um das Abenteuer zu riskieren.

 

Da es nur zwei Möglichkeiten gibt – entweder wieder auf die Straße zu fahren, und da ist der wilde Mensch nicht abgebogen, oder hinter die olle Tankstelle auf ein schrottplatzähnliches Gelände.

 

Nachdem mein Tag heute nicht gerade von Lebenslust gekrönt war, nehme ich die Kraft des Neuen und Ungewissen auf mich und schau mal, was mich da im Hinterhof erwartet.

 

Und zack, schon geht’s mir besser. Neugier ist was Herrliches. Lenkt ab vom persönlichen Ungemach. Was ich so „umme Ecke“ entdecke, sieht zwar vordergründig wie ein Schrottplatz aus, aber, weit gefehlt, es ist ein Motorrad- und -Teilelager mit Werkstatt.

 

Unzählige Zweiräder aller Altersklassen stehen hier rum und werden vom wilden Mann und seinem Bruder liebevollst behandelt, repariert, restauriert, geputzt und gepflegt, wie ich gerade erfahre. Als ich meine Villie zwischen den anderen Schönheiten abstelle darf werde ich herzlichst begrüßt, so als würden wir uns schon aus dem Kindergarten kennen. Vom Alter her könnte das auch hinkommen, wir sind beide, inclusive dem Bruder nicht mehr blutjung.

 

Als erstes bekomme ich den versprochenen Kaffee in Aussicht gestellt. Dazu werde ich in die heiligen Hallen der Gebrüder Winkels gebeten. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Bisher kenne ich ja nur die gestylten Werkstätten von Triumph. Hier jedoch ist die Fülle und das Herzblut zweier Mechaniker zu sehen, die ihr Leben lang mit Begeisterung ihr Handwerk ausüben.

 

Mit der gleichen Empathie werden auch die Kaffeebohnen gemahlen. Der Bruder vom wilden Mann, ich hab die Namen nicht richtig verstanden, kurbelt mit hoher Geschwindigkeit eine historische Kaffeebohnenmühlmaschine, die an der Werkstattwand festgeschraubt ist. Das Wasser wird in einem ollen Topf mit dem Tauchsieder (ja, den gibt es noch) zum Kochen gebracht und von ölverschmierter Hand exklusiv für mich im Kaffeepott mit aufgesetztem Melitta-Filter aufgebrüht.

 

Hatte ich heute einen miesgelaunten Tag? Der ist auf jeden Fall seit fünf Minuten Vergangenheit. Kaffeeschlürfend zeigt mir der etwas jüngere Bruder die Werkstatt und ihre verborgenen Schätze. Inklusive – fast wie ein Geheimnis – eines unter einem weißen, zarten Wolltuch verborgenen, am offenen Herzen operierten Getriebes und der Nockenwellen. Alles fein säuberlich geputzt und aufgereiht.

 

Während meines kleinen Museumsbesuchs wird mir vom wilden Mann die Kette geputzt und frisch geölt.

 

Habe vor einer Stunde im Universum ja nur ganz bescheiden Kaffee zur Aufmunterung bestellt und jetzt bekomme ich zur richtigen Zeit einen Fullservice. Nach der netten, kurzweiligen Plauderei verabschiede ich mich von meinen beiden Glücksrittern.

 

Ich soll mich auf jeden Fall melden, wenn ich wieder mal in der Gegend bin.

 

In Ordnung, dann mach ich meine Grenzerfahrung eben noch mal, dann halt im Uhrzeiger Sinn. Dann seh ich die Landschaft auch mal von der Seite. Man sollte ja die Dinge auch immer von einer anderen Warte aus betrachten, das ist erhellend und macht das Denken geschmeidig.

 

Und genauso geschmeidig und frohgemut fahre ich weiter. Plötzlich ist die Landschaft wieder so unbeschreiblich schön und alles ist gut. Die Sonne scheint mir wieder.

 

An Twisteden vorbei fahre ich in die Niederlande. Kurzer Besuch im Nachbarland muss sein. In Lingsfort, am Holder Bruch bin ich wieder im Heimatland, von da durch die Heronger Heide nach Kaldenkirchen und durch herrliche Naturschutzgebiete. Heute habe ich meine Nacht in Wassenberg gebucht. Im Hotel Alt Wassenberg, direkt in der Altstadt.

 

Über unser TMOC-Netzwerk bekomme ich morgen Besuch von Detlef. Er fährt mit mir zum westlichsten Zipfel von Deutschland. Aber erst mal in Wassenberg ankommen. Das ist mir auch gelungen und ich werde von einem außerordentlich höflichen Patron, in weißer Kochjacke und Weste, dem Meisterkoch und Wirt, André, empfangen. Die Gaststube, mit ihrer Einrichtung und dem dunklen Holz, ist Zeuge unzähliger vergnügter Stunden, in denen viel geraucht und nicht minder viel getrunken wurde. Schon gut in die Jahre gekommen, aber ordentlich und sauber. Das ganze Ambiente, Wirt und Wirtin passen mit ihrer etwas altertümlichen Art und dem modischen Charme der 60er Jahre wie aus der Zeit gefallen.

 

Um in den 1. Stock in mein zugewiesenes Zimmer zur Treppe zu kommen, muss ich durch…, ja, wie soll ich das nennen?

 

Der große Raum wirkt, als wäre er früher einmal ein Durchgang zur Küche oder zum Hinterhof gewesen.

 

Jetzt steht dort alles Mögliche herum. Alte, kaputte Stühle, Kinderfahrräder, Sonnenschirme, Dekorationsutensilien, ein altes Klavier, Weingirlanden, Hopfendolden, alles aus Plastik und unkaputtbar. Trotzdem versprüht dieses vordergründig chaotische Sammelsurium einen ganz eigenen Reiz. Ich erkenne eine gewisse Ordnung liebgewordener Dinge, von denen sich die Wirtsleute scheinbar nicht trennen können. Das macht das ganze Haus ungemein sympathisch.

 

Im Zimmer überlege ich nicht lange, zieh mich um und gehe mir das hübsche Städtchen anschauen. Dem Rundgang folgend komme ich an einigen Baudenkmälern vorbei, gehe auf den Burgberg, um einen historischen Wehrturm, durch eine kleine unter freiem Himmel führende Galeriestraße mit Künstlern aus der Region, um am Dorfplatz mit eigener Brauerei die Abendsonne zu genießen. Zum Essen gehe ich natürlich zum Patron. Da darf ich dann mit einem freundlichen Stammgast sogar am Stammtisch Platz nehmen und ein feines Mahl zu mir nehmen. Kochen kann er, der Patron. Noch ein Foto unserer gemütlichen Runde und den Tag mit Wohlbehagen abschließen.

9. Ganz im Westen und zu Gast bei Freunden

 

Tag 15- 21.8. 

Wassenberg – Gemünd, 150 km

 

Um 9 Uhr werde ich bei strahlendem Sonnenschein von Detlef vor dem Hotel abgeholt. Und am Nachmittag bin ich bei Wolfgang und Susanne in Gemünd in der Eifel eingeladen und kann dort sogar übernachten. Ich freue mich über diese Kontakte, die ohne den TMOC nicht möglich wären. Die Offenheit und die Herzlichkeit sind schon beeindruckend.

 

Und jetzt fahre ich aber fürs Erste ganz gemütlich hinterDetlef her. Unser erstes Ziel ist Selfkant, der westlichste Punkt Deutschlands. Den östlichsten in Görlitz und den nördlichsten auf dem Festland hab ich ja schon abgehakt. Es gibt die Möglichkeit in einem kleinen Büchlein diese vier Punkte, also Ost, Nord, West, Süd mit einem Stempel zu bestätigen. Im sogenannten Zipfelbuch. Das hab ich sogar dabei. Da ich aber nicht in List auf Sylt war, gilt das als unvollständig. Und am westlichsten Punkt ist außer einer Informationstafel und einem kleinen Grenzbach kein Stempel zu finden. Da müsste ich in ein Touristenbüro gehen und die Bestätigung holen.

 

Allein die Tatsache dort gewesen zu sein erfüllt mich mit einem klitzekleinen Stolzgefühl. Außerdem habe ich ja einen Zeugen. Weiter geht’s gemütlich zu einem Bikertreff namens Biker-Ranch zwischen Simmerath und Strauch. Bei schönstem Wetter mit vielen Bikern und netten Unterhaltungen für bestimmt zwei Stunden die Mittagssonne genossen. Unser beider Wege trennen sich hier wieder. Meine Route führt mich erst über die Rur in den Nationalpark Eifel. An Hühnerbusch vorbei, am Braubach entlang nach Gemünd zu Wolfgang und Susanne. Da komme ich gerade richtig zum Nachmittagskaffee. Die Überraschung für mich ist groß, als ich im Wohnzimmer der beiden die ganze Familie Meyer antreffe. Nicht wegen mir, puhhh, nein, es ist eine Geburtstagsfeier mit einer schön gedeckten Tafel und lecker Kuchen. Hier sitzen also 3 Generationen am Tisch, es wird munter geplaudert und ich muss viel erzählen. Zwischendurch zeigt mir Wolfgang wo ich die Nacht verbringen kann.

 

Wir gehen also durch den Garten in ein sehr hübsch eingerichtetes, komfortables Gartenhaus. Das Bett ist schon bereitet und ich bin wieder einmal sehr berührt ob der Gastfreundschaft. Wir kennen uns ja praktisch nicht. Im Juli kurz in Hilders miteinander gesprochen und zack, eingeladen. Am Abend kommen noch Jens und Jack, ebenfalls Triumphfahrer, die in der Nähe wohnen, vorbei. Es wird gegrillt und erzählt und für den nächsten Tag geplant. Wolfgang will mit mir eine schöne Strecke durch die Eifel und eine Route in Belgien fahren. Ich bin gespannt und freu mich riesig darauf. Obwohl ich heute nur 140 km gefahren bin, überkommt mich bleierne Müdigkeit. Darüber, dass sich die nette Gesellschaft gegen 22 Uhr auflöst, bin ich heute nicht undankbar. Im gemütlichen Gartenhäusl schläft es sich bestimmt hervorragend.

 

Ebenfalls 5 Sterne für Gästehaus Meyer.

10. Unterwegs nach Innen

 

Tag 16- 22.8. 

Gemünd – Primsweiler, 320 km

 

Ausgeruht und frisch werde ich von Susanne und Wolfgang in der gemütlichen Küche erwartet. Da wir, bzw. ich, heute eine etwas längere Strecke vor uns haben, verzichten wir auf ein großes Frühstück. Ein schneller Koffeinshot reicht. Leider ist es heute bewölkt und hier in der Eifel auch recht frisch. Bin ich gar nicht mehr gewöhnt. Wir gönnen uns in Monschau an der Rur eine kurze Pause. Das ist ja wirklich eine beeindruckende, historische Altstadt. Sie spiegelt die lange Geschichte der Stadt wider: Die Burg Monschau stammt aus dem Mittelalter und wurde beinahe zur Ruine, bevor sie erneuert wurde. Heute beherbergt sie eine Jugendherberge und ein Altenheim. Prächtige Häuser wie das Rote Haus zeugen von der Blütezeit der Tuchindustrie im 18. Jahrhundert. Die letzte Tuchfabrik hat zwar schon lange geschlossen, doch die schönen Häuser sind geblieben. Bei Sonnenschein wäre das alles noch schöner. Aber heute soll es wohl nicht sein.

 

Dafür ist die Fahrt durch den Nationalpark Eifel wunderschön und endlich mal wieder kurvig. In Kalterherberg fahren wir über die Grenze nach Belgien und Streifen den Höhenzug Hohes Venn. Ganz schön windig , rau und kalt hier oben. Wir befinden uns zwar nur 720 m ü. NN., aber wenig Baumbestand mit kahlen Höhen geben ein etwas herbes Bild ab. Und einsam ist es auch.

 

Daher verlassen wir die ungemütlichen Höhen wieder. In Schönberg geht es zurück nach Bleialf in Deutschland. An der Tankstelle füllen wir unsere Tanks mit Benzin, unser Inneres mit heißem Kaffee. Wärme von innen, wenn schon die Außentemperatur nur mäßig Spaß macht. Zum Abschied eine herzliche Umarmung mit guten Wünschen für die Weiterfahrt. Wolfgang fährt ab hier wieder zurück in seine Heimat und ich weiter nach Süden in meine.

 

Diese Abschiede, die ich ja jetzt schon ein paar Mal auf meiner Reise erlebt habe, fühlen sich zunehmend etwas traurig an. Obwohl ich so gerne unterwegs bin, weiterfahre, neugierig bin, merke ich ein aufkeimendes Heimwehgefühl.

 

Das hatte ich ja wirklich lange nicht mehr. Kenn ich nur aus Kindertagen. Liegt es mitunter daran, immer näher in südliche Gefilde zu kommen? Das Ende der Reise naht? Zuviel alleine, trotz kurz mitreisender Gefährten? Da kann ich hervorragend draufrumdenken während der Fahrt.

 

Hilft der Laune aber nicht wirklich weiter.

 

Was aber hilft, immer, sind die schüchternen Sonnenstrahlen, die mich auf der Lichtenborner Höhe treffen. Ein schöner Zufall- Licht auf Namensgebender Höhe. Da geht’s doch dem Gemüt gleich wieder besser.

 

Auf der Hohen Kuppe erreiche ich Luxembourg. Sehr hübsch hier, die Straßen führen mich direkt auf der Grenzlinie, einfach wunderbar. So habe ich mir meine Grenzerfahrung vorgestellt. Auf der echten Grenze bereisen und auch mal die inneren Grenzen auszuloten. Da hat sich die Unternehmung schon gelohnt.

 

Kurze Brotzeitpause und meine nächste Übernachtung gesucht und in Primsweiler, Pension Frischbier, gefunden.

 

Das Hotel/Pension, etwas außerhalb Primsweilers, verspricht Eventgastronomie. Und in der Tat findet gerade eine Geburtstagsfeier statt. Die scheinbar hauptsächlich aus Familienmitgliedern besteht. Da sitzen also 16 Personen, geschätztes Alter: zwischen 20 und 65, schweigend um den Tisch. Das Klappern des Bestecks beim Essen ist das einzige Geräusch. Alles klar, beim Essen spricht man nicht. Die Stimmung ist dermaßen eisig bei den Herrschaften, dass ein Kühlschrank dagegen eine Hitzequelle darstellt. Ansonsten finden sich für mich heute keine Gesprächspartner. Am Tresen sitzt noch ein einsamer LKW Fahrer, stiert in sein Bier und steht somit auch nicht gerade unter Slapstikverdacht. Da stör ich mal lieber nicht und verzieh mich ins Zimmer. Der Grundriss dieses Raums misst etwa 3×3 Meter, die Raumhöhe allerdings gefühlte 5 Meter. Ein merkwürdiges Gefühl. Auf jeden Fall hab ich da Luft nach oben.

 

Auch, was die Wahl der Einrichtung betrifft. Zudem habe ich, ehrlich gesagt, noch nie in weinroter, synthetikseidener Bettwäsche geschlafen. Es gibt immer ein erstes Mal sag ich mir und rutsche schwitzend durch die Nacht. Da schwitz ich tausendmal lieber bei 40 Grad in meiner Motorradkluft.

11. Grenzen verschwimmen

 

Tag 17- 23.8.

Primsweiler – Kehl am Rhein, 275 km

 

Frisch geduscht, die Wäsche durchgewaschen, auf dem Motorrad festgebunden – und ab geht’s zur nächsten Bäckerei. Bei Sonne und Fahrtwind trocknen Hemd und Hose aus meiner heißen Nacht in Frischbier’s Eventgastronomie flatternd im Wind.

 

Vor der Bäckerei in Nalbach in der Sonne bei Kaffee und Streuselkuchen schaut die Welt so rosig aus. Und die Nalbacher schauen im Vorbeigehen etwas irritiert auf die Wäsche, die auf meinem Ökotrockner festgebunden ist. In 20 Minuten bin ich wieder weg und vielleicht bleibt meine Villie mit Trocknungsanlage in Erinnerung.

 

Ich dagegen fahre weiter über die Saar nach Saarlouis bis Überherrn nach Frankreich. Schon gibt’s im ersten französischen Kreisel eine Umleitung. Na toll.

 

Durch die Straße mit Baustelle, die eigentlich meine geplante Strecke wäre, fahre ich besser nicht. Hab da so meine Erfahrungen machen dürfen…Aber welchen Abzweig soll ich nehmen?

Meine Französischkenntnisse gehen gen Null. Also

faktisch nicht vorhanden.

 

Wie bei uns in Bayern, im Eberhofer Kreisel, fahre ich 3x rundrum, bis ich ahne, wo mich die Umleitung hinführen will. Alles klar, Herr Kommissar. Helle Kerze, die ich bin, fühle ich mich auf der richtigen Spur, bis ich merke, dass mein Gefühl nur so semirichtig ist.

 

Ein Blick auf die Karte bestätigt mir den Irrtum und ich drehe wieder um. Sich in Sicherheit wiegen und dabei nicht richtig gucken, kann, wie schon erlebt, fatale Folgen haben.

 

Einsam fahre ich durch den französischen Wald bis Carling. Ebenso einsam und verlassen, zudem lieblos und schmuddelig wirken auch die kleinen Orte, die an mir vorüberziehen.

 

Der Ort Hundling ist allerdings ein Foto wert. Bis Saargemünd, in Bliesbruck zurück über die Grenze nach Gersheim in Deutschland. Kurz nach Eppenbrun, an der pfälzisch-lothringischen Grenze, dort, wo die zauberhafte Erholungslandschaft des Biosphärenreservates Pfälzerwald nahtlos in die Nordvogesen übergeht, komme ich an den sogenannten Zipfel.

 

Auf der L 478, das kleine Sträßchen im Pfälzer Wald, erreiche ich eine Kehre, die einzige hier, die es mit einer Kehre auf einem Alpenpass locker aufnehmen kann. Und in dieser Kehre auf einem Parkplatz mache ich eine kleine Pause und unterhalte mich mit einem Paar, das ebenfalls mit dem Motorrad unterwegs ist und dort Rast macht. Weiter durch das Bundental zu fahren ist landschaftlich wirklich zauberhaft, allerdings mit einem miserablen Straßenbelag.

 

Nach ca. 4 km sehe ich am Straßenrand viele Menschen stehen, die Europafahnen in die Höhe halten. Da halte ich natürlich an. So stehe ich also vor dem Europadenkmal, an dem heute eine Gedenkfeier abgehalten wird. Hier zitiere ich einen Artikel der Website „Europainitiative St. Germanshof- Weiler eV.“

 

Geschichte des Europa-Denkmals St. Germanshof

 

Am 6. August 1950 kam es an diesem Ort zu einer bemerkenswerten und symbolträchtigen Aktion: Rund 500 Jugendliche aus Deutschland, Frankreich und weiteren europäischen Ländern trafen sich an der deutsch-französischen Grenze bei St. Germanshof und durchbrachen symbolisch den Grenzzaun. Die Jugendlichen forderten ein vereintes Europa und demonstrierten damit friedlich gegen nationale Grenzen und für die europäische Einigung. Diese Grenzöffnung war nicht offiziell genehmigt, blieb aber gewaltfrei und wurde zu einem Meilenstein der frühen europäischen Bewegung nach dem Krieg. Die Aktion in St. Germanshof wurde als „erste europäische Demonstration“ bekannt und gilt als frühes Zeichen für die wachsende Sehnsucht nach Frieden, Verständigung und Zusammenarbeit auf dem europäischen Kontinent. Es steht am Ort der damaligen Grenzöffnung und soll die Bedeutung dieses historischen Moments bewahren. Das Denkmal besteht aus mehreren Gedenktafeln und einer Skulptur und ist heute Teil des „Europäischen Kulturparks“ entlang der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland. Es wird regelmäßig von Schulklassen, Jugendgruppen und Politikern besucht, die sich mit der Geschichte Europas und den Grundlagen der Europäischen Union auseinandersetzen.

 

Das Europa-Denkmal St. Germanshof ist nicht nur ein Ort der Erinnerung, sondern auch ein Mahnmal für die Bedeutung von Frieden, Verständigung und grenzüberschreitender Zusammenarbeit in Europa.

 

Ja, genau! Es liest sich so einfach, verständlich und klar, ist jedoch heute so schwer umzusetzen und fragil.

 

Mit dem Bewusstsein dieser gewonnenen Freiheit fahre ich im Länderhoppingmodus rüber und wieder zurück von Deutschland nach Frankreich, immer hin und her, ich koste die Möglichkeit richtig aus. Den Jugendlichen vom 6.8.1950 sei Dank.

 

Am Rhein entlang auf der französischen Seite, da leider ein Stück auf der Autobahn bis Neuhaeusel, dort über die Rheinbrücke und in Deutschland etwas unterhalb des Rhein-Damms bis Söllingen.  Ich halte kurz an und gehe auf den Damm. Randvoll und gemächlich fließt der Fluss nach Norden. Wenn der Rhein hier überschwappt, dann war´s das für mich.

 

Für die heutige Bleibe habe ich mich entschieden, wieder etwas mehr Lebendigkeit in den Abend zu bringen. In der Hoffnung, diese in Kehl zu finden. Auch könnte ich einen Spaziergang über den Rhein nach Straßburg machen und dort fein essen gehen.

 

Das denke ich so – fahrend, dem Navi folgend – auf dem Weg in die City von Kehl.

 

Und plötzlich stimmt meine mentale Karte nicht mehr mit der Realität überein.

 

Um in mein ausgesuchtes Hotel zu kommen führt mich Tante Garmin in die Fußgängerzone. Da bleibe ich erst mal etwas ratlos stehen. Menschen über Menschen aller Couleur, mit riesigen Einkaufstüten aus einem bekannten Drogeriemarkt, überquellend mit Großpackungen Windeln, Milchpulver, Waschpulver und was man halt so im Leben dringend braucht, wuseln um mich herum. Zum Hotel sind es nur 200 Meter. Die kann ich aber unmöglich durchfahren. Ich reize mein Urvertrauen in die Menschheit aus, nehme nur meine Wertsachen und den Helm mit und mache mich auf den Weg.

 

Ein kurzer Blick zurück und schon sehe ich vor lauter Gewusel mein geliebtes Villielein nicht mehr. Was soll denn das jetzt, Mut? Leichtsinn? Oder doch positives Denken. Egal.

 

Im Hotel angekommen schildere ich meine Lage, lasse Jacke, und Tankrucksack an der Rezeption und folge der Beschreibung des netten jungen Manns, wie ich durch einige Umwege und Einbahnstraßen zum Parkplatz im Hinterhof des Hotels komme.

 

Dort angekommen, öffnet er das Tor einer Uralt-Garage und winkt mich hinein. Die Garagentür lässt sich nicht absperren und deswegen stellt er nachher sein Auto vor das Tor, dann kommt auch nix weg. Ist halt ein unsicheres Pflaster hier, vertraut er mir an. Morgen früh soll ich mich melden, dann macht er mir den Weg wieder frei. Ist ja echt nett von ihm. Ok, dann war das vorhin eindeutig Leichtsinn. Ist ja alles gutgegangen und das Gepäck noch vollständig.

 

Mal schaun, was Kehl am Rhein noch so zu bieten hat.

 

Nahe der Fußgängerzone liegt am Kopfende eines innerstädtischen Altrheinarmes der sogenannte Rosengarten. Den besuche ich jetzt. Hier angekommen bin ich mit vielen anderen nicht alleine. Es gibt auf der Bühne, die über den Altrhein gebaut ist, Musik und viel Trallalla. Ein kleines Weinstübchen am Rande des Festgeländes kommt mir gerade recht. Da kann ich gemütlich an die Hauswand gelehnt dem munteren Treiben bei einem Glas Rosé zusehen.

 

Beim Nachlesen, welche Persönlichkeiten Kehl hervorgebracht hat, die hier gelebt und gewirkt haben, will ich einen Herrn besonders erwähnen:

 

Karl Drais (1785-1851), Erfinder des Zweiradprinzips, machte im August 1817 die erste Fernfahrt auf seiner Laufmaschine von Karlsruhe bis hierher. 77 km in 12 Stunden. Unser Pionier und aller Vorbild in Sachen Zweirad und Fernreisen.

 

Da bin ich doch etwas flotter unterwegs. Meine morgige Tour wird sicher sehr schön. Durch das Breisgau, das Markgräflerland, den Südschwarzwald, ein kleines Stückchen von der Schweiz nehme ich auch mit. In Eigeltingen in der Lochmühle werde ich die nächste Nacht verbringen.

Das war es erstmal für diesen Monat. Nächsten Monat erzähle ich euch hier, wie es weiter geht. 

 

Freue mich auf eure Kommentare.

 

Eure Barbara

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