Deutschland, (m)eine Grenzerfahrung – T5

So jetzt geht es mit meiner Story weiter. Freut mich, dass ihr meiner Geschichte folgt.

Teil VI – Heimweg

12. Zwischen Ordnung und Gefühl

 

Tag 18- 24.8. 

Kehl a. Rhein – Eigeltingen, 300 km

 

Der frühe Vogel….schon um 7 Uhr bin ich startklar. Wie mir versprochen wurde ist die Garage zugänglich. Moped gepackt, ausgecheckt und in der nächsten Bäckerei in der Morgensonne gefrühstückt. Die ersten Kilometer gehts am Rhein entlang. An Allmannsweier, Nonnenweier, eines der ältesten Rieddörfer, es wurde erstmals im Jahr 845 urkundlich erwähnt, sowie an Wittenweier vorbei nach Kappel. Diese Dörfer waren Rieddörfer, da sie nah am Wasser bzw. in Feuchtgebieten liegen und das um Dächer zu decken benötigte Reet abgebaut wurde. Hübsche Gegend hier, mit Fachwerkhäusern, die über jedem Fenster einen kleinen Dachüberstand haben. Vielleicht hat man da das Reet ausgelegt und es trocknen lassen? Ich habe keinen Schimmer, wofür diese kleinen Dachüberstände sind. Aber es sieht sehr hübsch aus. Die Beschaulichkeit hat abrupt ein Ende, als ich erst an der „Funny- World“ vorbeifahre und anschließend im Straßengewirr des „Europapark Rust“ fast nicht mehr herausfinde. Du meine Güte. Was für eine riesige Spaßlandschaft. Alle, wirklich alle, wollen heute Spaß haben und dafür zuerst einen Parkplatz finden. Das Wegeleitsystem funktioniert allerdings hervorragend und wie von Zauberhand geführt werde ich aus dem Moloch wieder herausgespuckt. An den Weinbergen am Kaiserstuhl, an den Gleisen des historischen Zugs, dem „Rebenbummler“, entlang  will ich nach Breisach am Rhein. Oben auf den Berg, das St. Stephansmünster anschauen. Romanische und gotische Elemente prägen das Münster, das wohl im ausgehenden 12. Jahrhundert begonnen und im späten 15. Jahrhundert vollendet wurde. Ebenfalls auf dem Breisacher Münsterberg erhebt sich der Radbrunnenturm, der neben dem Münster schon von weitem sichtbar ist. In ihm befindet sich ein 41 Meter tiefer Trinkwasserbrunnen, der unter Bertold V. von Zähringen 1189 begonnen und mit einem hölzernen Tretrad bedient wurde. Der Turm war einst auch mittelalterliches Rathaus und Gerichtsstätte mit Folterkammer.

 

Ein paar Meter weiter belohnt mich eine Oase der Ruhe auf dem Breisacher Münsterberg, mit traumhafter Sicht auf Kaiserstuhl und Schwarzwald. Auf dem ehemaligen Franziskaner Klostergelände wird ein Klostergarten auf einem parkähnlichen Grundstück durch ehrenamtliche Helfer-innen gehegt und gepflegt. Wunderschön hier. Weiter geht’s beschaulich bis Neuenburg am Rhein um noch mal ein Bild von der Rheinbrücke in Frankreich zu knipsen.

 

Leider dicht an der Autobahn fahre ich immer weiter gen Süden nach Basel. Der Südschwarzwald und ein kurzes Stückchen Schweiz zeigt mir den unglaublichen Gegensatz, z. B. zur schräg gegenüberliegenden Deutschlandseite, der Märkischen Schweiz und der Uckermark.

 

Die sehr wohlhabende Südseite sieht dagegen wie eine künstliche Miniaturlandschaft aus. Da muss ich leider sagen, dass mir der Nordosten besser gefallen hat. Nicht alles so perfekt gestylt, nicht ganz so ordentlich und genormt. Hier im Süden wird mit viel Geld nichts dem Zufall überlassen. Individualität Fehlanzeige.

 

Nicht, dass ich die Gegend hier nicht schön finde, nein, es fühlt sich warm und gemütlich an. Alles ist sauber, hell und frisch. Aber interessanter und spannender, finde ich, ist es im Nordosten des Landes. Aber genau deswegen mache ich ja meine Grenzerfahrung. Für eine Pause halte ich in Laufenburg an.

 

Laufenburg, die Zwei-Länder-Stadt, liegt direkt am Rhein, genauer gesagt am Hochrhein. Seit 1801 ist Laufenburg in einen aargauischen und einen badischen Teil getrennt. Diese Teilung geht auf den Lunéviller Frieden (1801) zurück, der von Napoleon unterzeichnet wurde und zu einer Verschiebung der Grenzen führte. So entstanden zwei Laufenburgs: die “mehrere” Stadt in der Schweiz und die “mindere” Stadt (oder auch klein Laufenburg) in Deutschland, die durch eine Brücke miteinander verbunden sind. Direkt am alten Zollhäuschen, an der Rheinbrücke, trinke ich Kaffee, esse ein Eis und suche mir die nächste Übernachtung irgendwo am Bodensee.             

 

In Eigeltingen, oberhalb von Singen/Hohentwiel, auf einem „Erlebnisbauernhof“ komme ich dann doch etwas ermattet an. Die Strecke war bis hierher aber wunderschön. Der Bauernhof mit Erlebnis hat es in sich. Um auf dem Besucherparkplatz meine Villie abzustellen hätte ich fast ein Huhn überfahren. Alles was an Tieren auf einem Bauernhof sein natürliches Umfeld hat, flattert und gackert frei herum. Inklusive Ziegen, Schafe, Esel, Enten, Gänse und gaaaanz viele Kinder. Ich komme mir in der Tat etwas deplatziert vor. Hab mir nicht so viel dabei gedacht, als ich mich hier eingebucht habe. Mein Zimmer liegt nach hinten auf den Wirtschaftshof, ist ruhig und das ist die Hauptsache.

13. Alpenblick und Abschied auf Raten

 

Tag 19- 25.8. 

Eigeltingen – Bad Baiersoien, 290 km

 

Das hervorragende Frühstück und meine Freude auf die vorletzte Etappe machen mich munter und so geht es heiter weiter bis Konstanz. An wunderhübschen Bauernhäusern mit ihren penibelst gepflegten Gärten vorbei, an hügeliger, sanfter Landschaft, bis ich ihn seh, den See.            

 

Und dazu passend ein Spruch von Karl Valentin:

„Wenn ich den See seh, brauch ich kein Meer mehr. „

 

Da ist was dran. Obwohl ich es am Meer so schön fand, bekomme ich ein wohliges Gefühl von „nach Hause kommen“. Und die Freude steigere ich noch, indem ich in Staad, Nähe Konstanz, mit der Fähre über den Bodensee nach Meersburg übersetze. Auf dieser Fähre befinde ich mich übrigens auf der einzigen schwimmenden Bundesstraße Deutschlands. Das ist doch wie eine Belohnung auf meinen letzten (Kilo)Metern. Da stört mich nicht mal der Stau der mich in Meersburg erwartet.

 

Mit meiner Tiefenentspannung fahre ich sogar noch in die falsche Richtung. Lässt mich alles kalt. Ich lass mir meine gute Laune nicht durch Staus und falsche Richtungen vermiesen. Wieder auf der richtigen Spur finde ich in Bad Schachen eine Metzgerei am Wegesrand und kaufe mir DEN ultimativen, kulinarischen Willkommensgruß im Süden, eine Leberkässemmel. Wie schon so oft auf meiner Reise, sitze ich vor dem Laden, Villie neben mir, zufrieden mein Hüngerchen stillend. Ja, genau, jetzt bin ich so gut wie zu Hause. Dieses Bewusstsein wird noch getoppt, als ich das erste Mal den Hinweis auf die Autobahn nach München sehe. Ne, ne, so eilig hab ich das dann doch nicht. Meine Runde wird beendet, wo ich sie begonnen habe. Schluss. Allerdings muss ich zugeben, dass der Reiz schon groß ist, die angebotene Abkürzung zu nehmen. Eine der schönsten Straßen Deutschlands erwartet mich jetzt. Ja, da fahren andere in den Urlaub hin und für mich ist es ja quasi ein Heimspiel. Die deutsche Alpenstraße, für mich jedoch mit kleinen Ausbüxern auf kleinen Wegen direkt an der österreichischen Grenze entlang. Zuerst nach Scheidegg, von dort bis Lindenau, wieder hoch bis Bremenried, runter nach Vorderschweinhöf, Oberreute, Oberstaufen. Ein Traum.  Ach ja, im Allgäu ist es schon schön. Der dunkelblaue Himmel, die strahlende Sonne. Da geht mir mein Herz auf. In Sonthofen über Ofterschwang wieder südlich fahrend, um in Oberstdorf wieder nördlich bis Bad Hindelang. Mein erster Pass, der  Oberjochpass erinnert mich daran, das ich jetzt wirklich wieder in der Heimat bin. In den Bergen.                                                                  

 

Ach, ich sollte noch eine Übernachtung klar machen, fällt mir da ein. In Ordnung, Bad Baiersoien hat noch ein Bettchen für mich. In Neuschwanstein ein Foto für die Nachwelt geknipst und schon bin ich am Ziel für den heutigen Tag.

 

Das Hotel Bayrischer Hof muß in den 1970er Jahren vom Tourismus recht gut gelebt haben. Mit hauseigener Metzgerei, Restaurantbetrieb und einem Theatersaal im ersten Stock. Mittlerweile ist es nicht mal mehr eine Frühstückspension. Nur Schlafgelegenheit mit Dusche und fließendem Wasser. Die Tochter der ehemaligen Wirtsleute ist über Handy erreichbar und erzählt mir, dass seit 15 Jahren Wirtshaus und Metzgerei vom Vater nicht mehr bewirtschaftet werden, die Mutter leider nur noch auf dem Bankerl vorm Haus sitzen kann und sie, als Tochter, mit einem Nebenjob den Übernachtungsbetrieb gerade so am Laufen halten kann. Irgendwie traurig. So ein großes Anwesen.                                                

 

Es gäbe so viele Geschichten während der Blütezeit des Bayrischen Hofs zu erzählen. Die Fotos im Schaukasten, der im Eingangsbereich hängt, lassen es erahnen. Ebenso der, schon ein paar Jahrzehnte alte, Schuhputzautomat, der im ersten Stock neben der Treppe steht. Stecker rein, Motorradstiefel an die drehende Bürste halten und zack, Stiefel für den Abendgang zum nächsten Wirtshaus blank geputzt. Da ich die einzige Übernachterin bin, kann ich auch mal kurz in den ehemaligen Tanzsaal mit Bühne gucken. Ein paar Dutzend Stühle und Tische durcheinander gestapelt verstauben vor sich hin. Ausrangierte, undefinierbare Hinterlassenschaften, mit alten Tischdecken verdeckt und sogar der Theatervorhang hängt verschlissen und traurig auf die Bretter, die mal die Welt bedeuteten. Tja, alles hat ein Ende.    

 

Und ich habe Hunger. Im gegenüberliegenden Wirtshaus werde ich satt und habe sogar nette Unterhaltungen mit den Tischnachbarn. Heute wird’s richtig spät, gegen Mitternacht erst gehe ich müde in das einsame und dunkle Haus, in dem alleine bin und nur Stille erwartet. Ein merkwürdiges Gefühl schleicht um mich herum. Die Grenzerfahrung der besonderen Art. Das hindert mich jedoch nicht am sofortigen Einschlafen.

14. Es reicht jetzt

 

Tag 20- 26.8. 

Bad Baiersoien – Königssee – München, 450 km

 

Die Überlegung beim gegenüberliegenden Bäcker mit feinem Frühstück: soll ich noch eine Übernachtung am Königssee einplanen, oder fahr ich gleich heim. Muss ich ja nicht sofort entscheiden, reicht ja, wenn ich am royalen See angekommen bin. Gesagt, getan, geht’s auf vertrauten Wegen nach Oberammergau, Garmisch, Mittenwald, alles bekannt und doch so neu und wunderschön. Momentan bin ich ein Tourist auf der Durchreise. Da sehe ich meine liebgewonnene und bekannte Heimat mit ganz anderen Augen.

 

…und um das auch einmal zu erwähnen.. ich hab schon unverschämtes Glück mit dem Wetter. Bis auf einen kurzen Schauer und frische Winde war mir die Wettergöttin hold. Den Abfahrtstag am 4. 8. erwähne ich da gar nicht. Pillepalle.

 

In Wallgau biege ich rechts ab und fahre die Mautstraße durch den Isarwinkel bis Vorderriß und nach Fall am Sylvensteinstausee. Er wurde in den Jahren 1954 bis 1959 zum Hochwasserschutz im Isartal gebaut. Das Dorf Fall wurde dabei geflutet und die Einwohner oberhalb des Sees umgesiedelt. Und bei Trockenheit wird die Kirchturmspitze des Dorfs im Sylvensteinsee sichtbar.                                  

 

Wenn damals, als ich Kind war, so eine Trockenheit war, sind meine Eltern mit mir hingefahren und haben mir die Geschichte von Fall erzählt. Das hat mich immer grausig fasziniert. Dabei habe ich mir die Menschen vorgestellt, wie sie in Ihren Betten liegend, an Kleiderschränken festhaltend, schwimmend, währen der Flutung, ans Ufer gespült wurden. Meine Bildmacht war so stark, dass ich die Tatsache, dass sie vorher umgesiedelt wurden, gar nicht hören wollte. Großes Kino und die Dramaturgie 1A.                                                                                                                    

 

Auf dem Parkplatz an der Staudammmauer eine kleine Rast eingelegt und selbstverständlich meinen Aufkleber sichtbar am Laternenpfahl angeklebt. Da hab ich auf meiner Reise schon einige verklebt, immer so grenznah wie möglich.                                                        

 

Weiter geht’s zum Achenpass. Und wieder hinunter nach Glashütte und Gmund am Tegernsee.                                                                                

 

Leider kann ich meine Augen nicht verschließen…nach München 45 km. Oioioi. Wenn es jetzt Bindfäden regnen würde, so wie am Beginn meiner Reise, wäre ich der Verlockung erlegen. Nicht jedoch heute, bei Traumwetter. Immer schön vom Anfang zum Ende denken, gell.                                                                                                               

 

Also fahre ich die bekannten Hausstrecken ab. Schliersee, Bayrischzell, Oberaudorf, hier besuche ich auch noch Österreich, der Vollständigkeit halber,  und fahre am Walchsee vorbei nach Kössen und weiter nach Deutschland. Reit im Winkel, Ruhpolding, Inzell, Bad Reichenhall, Berchtesgaden. Puhhh. Was für ein Ritt.                                            

 

Hier merke ich, wie die letzten Kilometer zum Ziel meiner Reise zunehmend ergebnisorientiert, nicht mehr prozessorientiert, werden. Es reicht. Jawohl. Die Schönheiten des bayrischen Südens lassen mich plötzlich kalt. Ich will ankommen und meinen Plan zu Ende bringen. Mit einer gewissen Ungeduld komme ich am Königssee an. Da muss ich tatsächlich noch einen Parkplatz für Motorräder ansteuern. Und durch so eine blöde Schranke mit Kameraüberwachung. Da hätte ich mir aber jetzt etwas Romantischeres vorgestellt. Nun gut.                                                                       

 

Ich stell mich neben zwei junge Motorradfahrer, die gerade wieder los wollen. Sie sehen mein Gepäck und mein Kennzeichen und fragen nach meiner Weiterreise. Und da bricht es aus mir heraus. Mit Glückstränen der Erleichterung erzähle ich in knappen Worten von meiner Grenzerfahrung und dass ich gerade eher ankomme, als noch weiter reise. Da sind die Beiden total gerührt von meinem Gefühlsausbruch, umarmen mich und freuen sich mit mir. Was für ein Gefühlsausbruch. Ich kann es kaum in Worte fassen.                                    

 

Die Glückwünsche dazu habe ich wirklich gerne angenommen.

 

So, die Willkommenskultur hat gutgetan aber mein Pflichtprogramm lässt nicht auf sich warten. Zum See muss ich natürlich noch. Und so spaziere ich mit tausend anderen Touristen an etlichen Verkaufsständen vorbei zu meinem Sehnsuchtsort. Schuhe und Socken ausziehen, die Füße ins Wasser baumeln lassen, die Augen schließen und die kleinen, königlichen Wellen des gleichnamigen Sees auf mich wirken lassen.  So könnte ich noch lange sitzen und sinnieren. Meine Reise ist aber erst komplett, wenn ich wieder zu Hause bin. Also muss ich jetzt eine Entscheidung treffen. Nach meinem Anruf zu Hause ist auch klar, was ich als nächstes mache. Tanken, Eis essen und auf der Autobahn nach Hause düsen. Nochmal irgendwo übernachten ist überflüssig. Es sind zwar schon noch mal 160 km bis München, aber das bekomme ich auch noch gebacken. Meine Eindrücke, die ich auf der Heimfahrt habe, muss ich sowieso erst mal zu Hause sacken lassen. Ankommen, sich freuen gesund zu sein und das Geplante umgesetzt zu haben, hat im Moment die Oberhand. Alles andere kommt sicher nach einigen Tagen und während des Erzählens meines ganz persönlichen Abenteuers.

 

Fazit

 

Ich bin losgefahren, um die äußeren Grenzen zu erkunden – Küsten, Übergänge, Linien auf der Landkarte. Gefunden habe ich unterwegs viel mehr: offene Türen, fremde Menschen, die sich wie alte Bekannte anfühlten, stille Momente, laute Gedanken und dieses leise Gefühl von Freiheit, das sich nicht planen lässt.

 

Es gab Tage voller Leichtigkeit und Tage, an denen ich mich selbst kaum ausgehalten habe. Aber genau dazwischen lag das Eigentliche. Nicht die perfekte Strecke, sondern das, was passiert, wenn man trotzdem weiterfährt.

 

Ich habe gelernt, dass Neugier stärker ist als schlechte Laune, dass ein Kaffee zur richtigen Zeit manchmal alles verändert und dass es völlig reicht, einfach anzukommen – ohne großes Finale, ohne perfekten Moment.

 

Am Ende war es nicht nur eine Reise um Deutschland.
Es war eine Reise auch zu mir selbst.

 

Und das Beste daran:
Ich würde jederzeit wieder losfahren.

 

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